Von Jordan Mejias, New York
24. Mai 2004 Das Titelblatt ist fast leer. Kein Folterfoto, keine Schlächterszene. Kleingedruckt auf weißem Grund ist nur der Satz zu lesen: "Die Fotos sind wir." In der zornentbrannten, aber keineswegs avantgardistischen Titelgeschichte, die Susan Sontag für die aktuelle Ausgabe des "New York Times Magazine" verfaßte, geht es denn auch nur mittelbar um die sicher bald zahllosen Folterfotos und -videos, wie sie am Wochenende wieder in einem neuen grausigen Schwall über Amerika hereinbrachen.
Sontag will mit ihrem Essay gerade nicht die Tendenz verstärken, in eine "Geschichte des Krieges der - und gegen die - Bilder" abzudriften. Nicht die Fotos selbst, sondern was sie enthüllen, rückt sie in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Und das führt sie direkt in die Regieabteilung des "faulen Krieges", der mit seiner "pseudoreligiösen Doktrin" als Global War on Terror (GWOT) nichts weniger als die Endlosigkeit anpeile und unweigerlich die Entmenschlichung eines jeden zur Folge habe, der unter Terrorismusverdacht gerate.
Völlig neue Verhältnisse
Weil sie fürchtet und, wie sie glaubt, die Regierung Bush hofft, daß der Unterschied zwischen Fotografie und Wirklichkeit, Politik und Spin leicht verpuffen könne, hält sie sich mit ästhetischen Einordnungen und Ableitungen nicht gar zu lange auf. Wie andere Exegeten vor ihr erinnert sie an die nicht einmal hundert Jahre alten Trophäenfotos von Lynchmorden an schwarzen Amerikanern. Die von der digitalen Technik hergestellte Allgegenwart und globale Verfügbarkeit der Bilder schafften nun aber völlig neue Verhältnisse. Fotos verwandelten sich von Sammlerstücken zu Botschaften, die zu vermitteln und weiterzutragen seien. In der Nachfolge von Andy Warhol, der seine Filme auch eins zu eins, im Rhythmus des Lebens, drehte, ließen Millionen von Zeitgenossen ihr Dasein in Webcasts parallel laufen.
Nichts anderes, schreibt Sontag, hätten nun die lachenden Folterer von Abu Ghraib im Sinn: "Es fehlte etwas, wenn man, nachdem man nackte Männer aufeinandergestapelt hätte, nicht ein Foto von ihnen machen könnte." Hinzu komme, daß bei immer mehr Leuten das erotische Leben darin bestehe, was in digitalen Fotos oder Videos festzuhalten sei. Mit Sex werde Folter wohl nur attraktiver, sammelnswerter. Folter wie Pornographie aber verankert Sontag direkt im amerikanischen Alltag, in der zunehmenden Akzeptanz der Brutalität und Verrohung des Gefühlslebens einer Gesellschaft, die sich im Fernsehen exhibitionistisch in einer "Kultur der Schamlosigkeit" ergeht und "die Phantasien und die Praxis der Gewalt als gute Unterhaltung, als Fun" ansieht.
All ihre Rechte verspielt
Auch damit aber ist noch nicht ganz das offensichtliche Unvermögen der fotografierenden Folterer erklärt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Als Voraussetzung der Folter begreift Sontag den offiziell sanktionierten Glauben der Folterer, Menschen einer minderwertigen Rasse und Religion in ihrer Gewalt zu haben. Nach ihrer düsteren Analyse setzt Abu Ghraib sich in Amerika fort: "Wahrscheinlich denkt eine große Zahl von Amerikanern lieber, es sei in Ordnung, andere Menschen zu quälen und zu erniedrigen - Menschen, die als unsere mutmaßlichen oder verdächtigen Feinde all ihre Rechte verspielt haben -, als sich den Aberwitz und die Inkompetenz und den Betrug des amerikanischen Unternehmens im Irak einzugestehen." Die Fotos sind auch für Sontag vor allem Indizien einer verlogenen, unmoralischen, mit internationalen Übereinkünften und Verträgen brechenden Politik.
Die einsame Ruferin in der Wüste braucht sie aber nicht länger zu spielen. Diesmal reiht sie sich in den anschwellenden Chor der Regierungskritiker ein, wenn sie Bush und den "Aposteln des neuen, kriegerischen, imperialen Amerikas" vorwirft, weniger den in den Fotos enthüllten "Verbrechen der Führungsriegen und der Politik" nachzugehen, als hauptsächlich an der Begrenzung der Public-Relations-Katastrophe zu arbeiten.
Erstmals breitere Zustimmung
Sontag muß ihre früheren Verdammungsurteile dabei kaum umformulieren. Aus Verachtung aber sind jetzt Abscheu und Ekel geworden. Machte sie sich einst mit ihren Antikriegstiraden im eigenen Land wenig Freunde, so dürfte sie nun, in einem für die Regierung viel unerquicklicheren Klima, erstmals auf breitere Zustimmung stoßen. In ihrer Gewißheit, auf den Fotos "systemische, autorisierte, geduldete Handlungen" zu erkennen und nicht bloß das Werk einiger fehlgeleiteter Individuen, fände sie inzwischen sogar bei ausgewählten Kongreßmitgliedern Zustimmung. Allenfalls ihre Behauptung, Bush übertreffe mit seinem "Karzer-Imperium" noch die Strafkolonien der französischen Teufelsinsel und des sowjetrussischen GULag, dürfte in Amerika nicht mehrheitsfähig sein - noch nicht.
Keine Verirrung sieht sie in der Folter, sondern die Folgen der "Mit-uns-oder-ohne-uns-Ideologie" einer Regierung, deren eigennützigem Ikonoklasmus sie allerdings das Scheitern voraussagt. Denn endlos wie der Krieg gegen den Terror werde auch der elektronische Datenstrom der Fotos sein. Jeder Versuch, sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten oder ihre Verbreitung als unpatriotisch zu brandmarken, müsse scheitern: "In unserem digitalen Spiegelsaal werden die Bilder nicht verschwinden."
Die unautorisierten Enthüllungen des Wochenendes geben ihr recht. Ein einziges Bild, muß auch die Frau des Wortes zugeben, sei in der Tat tausend Worte wert. Und eine Regierung, die eine Perversion der Worte betreibt, wenn sie Folter unerschütterlich zur Mißhandlung verniedlicht, wird sich deshalb heute wie in Zukunft die Frage gefallen lassen müssen, ob die "Natur ihrer Politik" nicht solche Akte wahrscheinlich macht. Unter diesen Vorzeichen kommt Susan Sontag nicht um das Resümee herum: "Die Fotos sind wir."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2004, Nr. 119 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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