14. April 2008 Am 7. März um 12.45 Uhr hatte die New Yorker Journalistin Julia Allison genug. It's me, Julia heißt ihr Blog, den sie über Jahre hinweg mit Fotos von sich und ihren Freundinnen, deren Abendgarderobe und viel Bonbonfarbenem gefüllt hatte. Doch wer war dieses Ich, das sie monatelang nach außen gelagert hatte? Sie wusste es selbst nicht mehr. Sie wusste nur, dass es ein Ende haben sollte, dass sie jahrelang ihre Zeit verschwendet hatte. Dass die Medienperson, die sie geschaffen hatte, sie aufgefressen hatte. Einen Tag später schob sie eine eilfertige Erklärung nach: Sie habe etwas überreagiert am Vorabend. Doch sie habe ihren Spirit nicht verloren, dessen sei man versichert, sie komme zurück. Sie brauche Zeit zum Nachdenken.
Zeit zur Besinnung ist eine rare Ressource in dem Geschäft, das Julia Allison sich ausgesucht hat, das jenen unerbittlich mit abnehmendem Interesse bestraft, der das Tempo verringert, und das seine Autoren in einen unabsehbaren Diskussionsstrom hineinzieht: der Blogosphäre.
Im Reich des gnadenlosen Don
Der böseste unter den deutschen Bloggern, selbsternannter Don Gnadenlos, grüßt am Ingolstädter Bahnhof als eine überraschend freundliche Gestalt, deren Profil an Kurt Beck erinnern würde, wäre da nicht das Stechende und Glänzende in den Augen, das Fehlen jeder Behäbigkeit und die zuvorkommende, von einem leichten bayerischen Zungenschlag gefärbte Art. Während der Fahrt an der langgezogenen Mauer entlang, die das vornehme Ingolstädter Westend von den übrigen Vierteln trennt, nimmt Don Alphonso ohne Stocken die Erzählung auf. Diesseits dieser Mauer wuchs er auf, fühlte sich dabei unbehaglich und schuf deshalb eine Kunstfigur, die er Don Alphonso nannte. Von ihr berichtet sein Blog.
Don Alphonso ist Blogger. Was nicht wiederholt werden müsste, würde man es nicht beinahe wieder vergessen, wenn man mit ihm in seinem Fiat Barchetta durch die engen Straßen der Ingolstädter Altstadt kurvt, in deren Mitte das alte Jesuitenkolleg liegt, das einmal Zentrum der Gegenreformation war und das im vorvergangenen Jahrhundert in den Besitz von Don Alphonsos Familie überging. Don Alphonso hat hier eine Wohnung bezogen, in der knarzende Dielen, zahllose Spiegel, mit Violinen bekränzte Anrichten, Stukkaturen und Biedermeiervitrinen mit Büchern aus Aufklärung und Renaissance ein dichtes historisches Ensemble bilden, in der kein Fernseher und kein Computer das historische Ambiente stört.
Das merkwürdig zeitversetzte Gefühl verstärkt sich, als Don Alphonso seinen Gast stilbewusst mit Tee aus versilberten Kannen bewirtet und seine kaum unterbrochene und immer dichter werdende Erzählung fortsetzt. Fernab mondäner Aktualität, berichtet er darin von der erzreaktionären Ingolstädter Gesellschaft, in der jeder seinen festen Platz hat - der Pastor, der Bäcker, die Tante Agnes - und jeder darüber wacht, dass der andere diesen Platz nicht verlässt. Don Alphonso hasst diese Gesellschaft, an deren Rand er steht und die es, so glaubt man, heutzutage doch eigentlich gar nicht mehr gebe. Hat Don Alphonso sie am Ende herbeifiktionalisiert, um seinen Fluchtimpuls ins Virtuelle zu verstärken? Nein, das war nicht nötig, diese Gesellschaftsform gibt es noch. Das ist Buddenbrooks auf niedrigem bayerischen Niveau, sagt er und lacht.
Gegen Gott und die Welt
Don Alphonso heißt bürgerlich Rainer Meyer und hat hinter der Benutzeroberfläche ein anderes Gesicht. Auf der Benutzeroberfläche, in seinen Weblogs Blogbar und Rebellen ohne Markt, wo er richtet und wütet, sich in Beleidigungen und Abmahnungen verstrickt, hat er sich mit der halben Blogosphäre angelegt und einen entsprechenden Ruf erworben. Don Alphonso treibt ein radikal aufklärerischer Impuls: Contra deum terramque, gegen Gott und die Welt, nennt er sein Motto auf Rebellen ohne Markt, und so wettert er, politisch unverrechenbar, gegen die selbstverliebte Berliner Bloggerszene, gegen die Kommerzialisierungsbestrebungen von Bloggern, gegen die vagen Versprechungen und geringen Gehälter, mit denen Zeitungen Blogger für ihre Zwecke einzuspannen versuchen, gegen die Profilierungsversuche der Pleitiers der New Economy, die jetzt ihre Fühler nach neuen Geldquellen ausstrecken, gegen alle Formen von diskreter Allianzbildung in den Medien, gegen die Verluderung der Sitten und die Kritiklosigkeit im Journalismus überhaupt.
Er wettert nicht nur, er weist auch nach und deckt gelegentlich auf, etwa die klammheimliche Art, wie sich das Portal StudiVZ kommerzialisierte. Recherchiert er? In Fällen wie diesen, ja. Er rufe die Medien an, erhalte jedoch oft keine Antwort, so dass er auf eine Vorwarnung inzwischen oft verzichte, sagt er. Und sein Blick wird noch stechender, und seine Hand ballt sich zur Faust, und sein rechter Arm fährt mit einem gewaltigen Streich nach vorn: Das nächste Mal, Freunde, erwisch ich euch kalt!
Wer austeilt, muss nicht unbedingt einstecken können
Merkwürdig, wie sehr Don Alphonsos Ton von seiner realen Erscheinung unterscheidet, folgt man im Netz den hitzigen Debatten. Wann ist eine solche Diskussion beendet? Eigentlich nie, sagt Meyer, es kommt immer ein weiterer Kommentar, eine Bewertung, ein Angriff, der nicht unbeantwortet gelassen werden kann. Rainer Meyer lässt sich gern herausfordern. Er hat ein dickes Fell. Er kann austeilen. Einstecken muss er nicht. Davor schützt ihn seiner Theorie zufolge seine Kunstfigur Don Alphonso, der die Beleidigungen gelten und die nichts mit seinem privaten Ich zu tun habe. Wenn er nun aber zu medienpolitischen Fragen Stellung bezieht, welchen Geltungsanspruch hat dann das Urteil einer Kunstfigur? Darf ich Ihnen eine Tasse Tee einschenken?, fragt Don Alphonso höflich, wie er es meistens tut, wenn ihm eine Frage nicht behagt. Im Grunde behagt ihm keine Frage, die ihn als Blogger auf den Begriff bringen will. Den Begriff Blogosphäre gebraucht er mit leiser Ironie.
Ist das Bloggen eine Art Sucht, oder könnte er täglich damit aufhören? Nein, das kann er nicht. Immer wieder taucht seine temperamentvolle Stimme in den Blogdiskussionen auf, grollt, attackiert, beschwichtigt. Mit welcher Stimmungslage geht man durch den Tag, wenn man sich erst einmal durch die Diskussionen gebloggt hat? Funktioniert die rasiermesserscharfe Trennung qua Verfremdung, die Meyer zwischen seiner Bloggeridentität und seinem Privatleben zieht, wenn vieles auf seinen Weblogs von seinem realen Privatleben handelt, von seinem Umzug an den Tegernsee, der tatsächlich ansteht, von seinem Faible für versilberte Teekannen und historische Bücher, die sich in seiner Repräsentationswohnung stapeln? Und warum überhaupt bloggt einer wie er, der keinen Fernseher ertragen kann, seinen Laptop in ein Nebenzimmer verbannt und für historische Bücher schwärmt?
Aus den Trümmern der New Economy
Am Anfang, sagt Don Alphonso, stand die New Economy, in die er nach absolviertem Geschichtsexamen irgendwie hineinstolperte, und als der Finanzstrom mit dem Börsensturz des Jahres 2000 abbrach, blieb die Technik, das Weblog, das Programmierer ursprünglich nur dazu verwendet hatten, ihre Fortschritte beim Programmieren ihren Kollegen mitzuteilen. Er habe zu viel geheimes Wissen angesammelt über die haarsträubenden Praktiken und die schrillen Verheißungen der Neuen Ökonomen, als dass er dieses Medium ungenutzt hätte lassen können.
Sind Blogger tatsächlich jene vieldiskutierte subversive Macht, die zurückgehaltenes Wissen wirkungsvoll ausstreuen, in gezielte Konkurrenz zu etablierten Medien treten kann? Das können sie in begrenztem Umfang, sagt Don Alphonso, denn das schnelle Medium tauge nicht zur langfristigen Recherche, es könne daher keinen Vollständigkeitsanspruch behaupten und nur gelegentlich gezielte Nadelstiche setzen. Die großen Enthüllungsgeschichten sucht man in den deutschen Blogs bisher vergeblich. Auch schwindet die Vertrauenswürdigkeit eines Kommentators, der sich Erzählbär oder Ollimoppel nennt und in einem Medium namens Senfsessel berichtet.
Das hohe Gericht der Blogger

Bloggen à la berlinoise: Kontinuierliche Teilanwesenheit auf der Re:publica, der nationalen Bloggerkonferenz
Und es gibt sie doch, allen Rückzugstendenzen ins Unverbindliche und Private zum Trotz, jene unendliche Debatte über den Anspruch der Blogosphäre, eine subversive kritische Gegenposition zu den etablierten Medien einzunehmen, eine Art Gegenöffentlichkeit zu sein. Und am Abend tagt auf Don Alphonsos Blogbar wieder das hohe und unerbittliche Gericht, mit Diskussionen, Beschimpfungen, Verzweigungen, bis in die Nachtstunden hinein. Und Don Alphonso ist in seinem Element, schimpft auf die Blogger genauso wie auf die etablierten Medien. Ist ein Entkommen aus diesem Diskurs möglich, der die von den etablierten Medien herangelieferte äußere Realität zerstückelt und sich nicht selten in gegenseitigen Beleidigungen verfängt?
Die Flüchtigkeit des Mediums, das Bewusstsein, dass im Regelfall nur eine kurze Zeitspanne der Aufmerksamkeit besteht und dass es sich zu behaupten gilt in der Überzahl an Blogs und Kommentatoren, bedingt eine Hybris, die sich auf stilistischer Ebene oft in Übertreibungen entlädt.
Wer es nicht selbst macht, kann es nicht verstehen
Don Alphonso hat nicht viel mit Robert Basic gemein, in einem Punkt aber ähneln sie sich: in der Freude am Tun als Letztbegründung des Bloggens. Robert Basic, der als wichtigster deutscher Blogger gilt, nennt das feeling, und wer es nicht selbst erfahren habe, könne es nicht verstehen. Auch Basic, eingehüllt in Zigarettenrauch, grüßt freundlich aus seiner dunklen Souterrainwohnung in der hessischen Kleinstadt Usingen, in der auf einem unauffälligen Wandtisch ein einzelner Computer steht.
Sofort nimmt er auf jene ansatzlose und selbstverständliche Weise das Gespräch auf, als hätte er es nicht mit einem Unbekannten, sondern einem seiner vielen Blogbesucher zu tun, die er täglich freundschaftlich und geduldig mit Informationen über technische Neuigkeiten, Videoschnipseln und Gute-Laune-Themen unterhält. Robert Basic hat viele und treue Besucher. Als einzigen Deutschen ordnete ihn jüngst eine internationale Studie unter die zwanzig wichtigsten Blogger ein. Um die achttausend Leute besuchen ihn täglich.
Kreuz und quer durch Basic' Wissenskosmos
Darauf gibt er, sagt er, nicht viel, sagt es glaubwürdig und ohne mühsam zurückgehaltenen Stolz. Robert Basic unterhält ein eigenes Wissensuniversum mit bizarren Querverbindungen und Gedankensprüngen. Sein Grundton ist philanthropisch und liberal, doch ohne politisches Sendungsbewusstsein. Es geht ihm nicht um Politik, es geht ihm um die Menschen, die er gern von ihrer besseren Seite wahrgenommen wissen will, auch um den Preis, Gegensätze zu minimieren. Tiefgründige, polarisierende Themen meidet er bewusst in seinem Weblog Basicthinking. Er recherchiere nicht, sagt er. Die wenigsten recherchierten. Seit der ersten Abmahnungswelle habe man immer Angst als Blogger, überhaupt sei die ganze Blogosphäre vorsichtiger geworden. Es sei unheimlich.
Der Blogger bloggt selten aus einer sicheren Position, einer klaren Zielvorgabe und einem gefestigten Selbstverständnis heraus. Er ist gezwungen, täglich neu seinen Kurs zu bestimmen, eine Linie fortzuführen, die er einmal aufgenommen hat, in den unablässigen Diskussionen Stellung zu nehmen und sein Profil zu schärfen. Im Zeitalter der Kollektivierung und Spezialisierung hat es die meist unprofessionalisierte Bloggerkultur schwer: Den wenigen, die sie vorantragen und die meist dafür nicht bezahlt werden, erlaubt das Medium kaum Spezialisierung oder Zeit für Recherche.
Urbanisierung der Provinz
Eine anhaltende Euphorie, eine starke Identifikation mit dem öffentlichen Auftrag ist unbedingt nötig, um jene Zerfaserung des Alltags in Kauf zu nehmen, die das stete Am-Ball-Bleiben fordert. Würde er tiefer bohren und kritischer werden, sagt Robert Basic, könnte er das Grundvertrauen verlieren. Damit meint er die Überzeugung, dass alles geht, wenn man den mündigen Bürger von Regeln befreie. Wozu Regeln? Es geht doch auch ohne, sagt er und lacht.
Das Gespräch zieht Kreise weit über das beschauliche Usingen im nördlichen Schatten des Taunus hinaus. Ist es Kaffeesatzlektüre, im lokalen Milieu den Antrieb des Bloggens zu suchen? Geh mal bitte in Usingen irgendwohin und unterhalte dich über Meme, Stanislaw Lem und Lotus Notes. In den Blogs kannst du das. Ich würde sterben, wenn ich mich nicht austauschen könnte, sagt Robert Basic, der als selbständiger Informationstechniker arbeitet. Mit dem Blog urbanisiert er seine Provinz.
Auf Du und Du mit den Großen der Welt
Es ist eine weite Provinz geworden, die Basic in seiner weitschweifenden, rhapsodischen Manier bewirtschaftet: Er redet von der Frankfurter Stadtbibliothek, in der er als Jugendlicher regalweise Bücher verschlang, ganz unbefangen in alphabetischer Reihenfolge und nach der Farbe des Einbands. Das Orange von Lem! Die dicken Geschichtsbücher von Churchill! Robert Basic ist mit der Welt per du. Er redet von Larry und Zaggy (den Google-Gründern), dem Jules (Jules Verne), der einfach die beste Sprache habe, etwas zu erklären, auch den Butt (oder sagt man ,Batt'?) hat er gelesen, gemeint ist der Roman von Grass. Fischromane, sagt er dazu, weil sie auf dem Meer spielen.
Robert Basic ist keiner Kulturtradition verpflichtet, von Mikrochips, die wir uns vielleicht eines Tages in den Kopf schieben werden, kommt er zu Platon, Faust und den haptischen Erfahrungen des Bücherlesens in der Bibliothek von Yale, die er schwärmerisch beschreibt. Du hast diese Aura, dieses Erhabene, das hast du im Computer nicht. Hier fehlt das in sich Ruhende, das ist immer so ein Haschen. Wir sind so getrieben.
Robert Basic wird böse
Warum ist Robert Basic Blogger geworden? Keine Ahnung, er wisse es nicht, er wolle einfach nur quatschen. Und sein Ort in der Blogosphäre? Stille. Eine ungewohnte, lange Stille, ein vorsichtiger Blick unter der Brille hervor, sein Kiefer zieht sich zusammen, den er so gerne verzieht im Stil eines amerikanischen Comedians, um dann plötzlich mit langgedehnten Vokalen herauszuprusten. Er will sich nicht vereinnahmen lassen, seine unbefangene Mitteilungsfreude nicht zugunsten allgemeinverbindlicher Zielbestimmungen aufgeben.
Dann holt er sein neues Mini-Notebook heraus, fummelt ein bisschen daran herum, redet weiter, fummelt wieder. Will er jetzt bloggen? Wenn ich unter Menschen bin, blogge ich nicht, völliger Schwachsinn! Robert Basic will der Welt offensichtlich ein Freund sein. Nur einmal wird er auf eine kindliche Art böse, als er auf die Beleidigungsunkultur zu sprechen kommt, die in die Blogdiskussionen eingezogen ist. Das darf doch nicht sein. Warum tun die das bloß? Sein freundlich-kurioses Gesicht legt sich in Falten.
Vom Bloggen und Kirschenpflücken
Man müsse viel Energie investieren, um in den Schlachten der Blogosphäre mitzuwirken. Für manchen seien die Beleidigungen existentiell, sagt die Berliner Journalistin Juliette Guttmann, die einen melancholisch-poetischen Privatblog betreibt und sich mit geschickter Verfremdung der dort beschriebenen intimen Gedanken den direkten Angriffen entzieht.
Es gebe zu schnelle, instinktartige Reaktionen, sagt der Berliner Tillmann Allmer. Ein Blogger sei, der ganz beiläufig und ohne Geltungsanspruch am Abend seine privaten Erfahrungen unter Tristesse de luxe aufschreibe und auf sehr reflektierte Weise darüber sinniere, warum er tue, was er tut. Immer, wenn ich anfange zu überlegen, ob ich mit meiner hohen Internetaffinität, meiner hervorragenden Web-2.0-Kompetenz und meinem Heavy-Mobile-Internet-Usage vielleicht mal in einer von diesen neumodischen Agenturen vorstellig werden sollte, muss ich irgendwie daran denken, wie ich einen Sommer lang die selbstgepflückten Kirschen aus Omas Garten an der Dorfstraße versucht habe zu verkaufen und wie sehr doch das Pflücken mehr Spaß machte, als ich die Kirschen nur für mich selber pflückte und dabei in den blauen Himmel träumen konnte und noch nicht an den Profit dachte.
Es ist kein Entkommen
Warum verkauft Tillmann Allmer dann keine Kirschen mehr? Einerseits ist es klar: Es war sein medienwissenschaftliches Interesse an den Kommunikationsbedingungen der neuen Publikationsform, sein Sparteninteresse an Filmblogs und die Melancholie einer gescheiterten Beziehung, die seinem Blog Namen und Anfang gab. Dazu kam die Faszination an der Serialität des Mediums, am Hineingezogenwerden und Nicht-mehr-aufhören-Können. Das lässt ihn bis heute nicht los.
Tilmann Allmer, der bei einem Filmunternehmen arbeitet, kommt aus Berlin und kennt den theoretischen Begleitsound des Bloggens, der im Umfeld der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA) in Berlin gewachsen ist. Die Spielwiese, die verblieben sei, nachdem die New Economy zusammengebrochen war und die Redaktionssysteme mit fest eingeplanten Moderatoren weggefallen waren, soll hier mit neuen Modellen kultiviert werden, die die ernüchterten Biographien der New Economy einer neuen Euphorie zuführen.
Holm Friebe und Sascha Lobo von der ZIA definierten diesen neuen Arbeitsmarkt als ein Abziehbild der Berliner Verhältnisse, wo es diese merkwürdige Selbstdefinition von Leuten gibt, die irgendwas mit Computern machen, und sei es im Café sitzen. Die digitale Boheme ist der Versuch, diese Befindlichkeit einer Generation auf den Begriff zu bringen und sich selbst an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Aus dieser Idee entstand Adical, jene von Sascha Lobo und Johnny Häusler gegründete Firma, die Werbeeinnahmen für Blogs einholen möchte.
Bayern versus Berlin
Wieder ein Aufschrei in der Bloggerszene! War diese Geschäftsidee schon Verrat am subversiven Pathos des Mediums, und wer hat die Berechtigung, es für diese Zwecke zu beschlagnahmen? Es gehört zum stillen Einverständnis der Blogosphäre, nie einem anderen vorzuschreiben, was er zu tun habe. Und wieder protestierte Ingolstadt mit besonderer Schärfe. Das sei eben Berlin, sagt Don Alphonso in seiner Rolle als härtester Kritiker der Kommerzialisierungspläne der digitalen Boheme. Die könnten anderswo gar nicht leben.
Wo die ZIA die New Economy auf neue, stabilere Beine zu stellen verspricht, will Don Alphonso mit ihr abrechnen. Eine Schimpftirade empfängt in seinem Blog jene aufgeblasenen Businessplanscheiterer, Kreativschreibseminar-oder-so-Erzähler, Literaturbordelliers und Debutantenquäler, Institutsliterathuren und Grunzer an der Popverwertungskette - alle, die anpassungwillig im Strom der Trends schwimmen. Bayerische Urwüchsigkeit gegen das verspielt postmoderne Berlin? Eine etwas verkürzte Diagnose, doch auch den Stil des Bloggens prägt gelegentlich das Lokalkolorit.
Die Zweifel hinter den Benutzeroberflächen
Komisch, wie in den Provinzen der Blogosphäre, im direkten Gespräch mit den Autoren, jener oft hämische und selbstgewisse Ton verschwindet, der sich im Netz eingeschlichen hat. Jene standardisiert mit Hehe, Tja oder Ugugu begonnenen Meinungsbekundungen, die im Dünkel argumentativer Überlegenheit und im Bewusstsein der durch die Anonymität geminderten Rechenschaftspflicht vorgetragen werden. Hinter den Benutzeroberflächen scheint die Bloggerszene eine des Selbstzweifels, des halbbewussten Gewordenseins und unablässigen Werdens, des spontanen Machens und allmählichen Reflektierens dessen, was man da eigentlich tut.
Was treibt die Autoren zu dieser erschöpfenden und doch nicht erschöpften Tätigkeit, zu diesem Medium, das unablässig vorantreibt und keine Pausen gönnt, und zu diesem Text, der seine Schreiber vereinnahmt und überrollt? Was ist der Erkenntnisgewinn aus den unzähligen Diskussionen, was der persönliche Ertrag aus den anonymen oder halbanonymen Scharmützeln, wenn nicht vor allem vor allem das Gefühl des Dabeigewesenseins, damals, als sich ein Medium formierte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christian Thiel, Fotolia, privat, Rainer Meyer
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