„Vanity Fair“

Star + Tier = Erfolg

Von Nils Minkmar

Bei “Vanity Fair“ kennt man die primitivste Quotenfaustregel der Covergestalter

Bei "Vanity Fair" kennt man die primitivste Quotenfaustregel der Covergestalter

07. Februar 2007 Ich kenne nicht viele Menschen, die jeden Monat die amerikanische „Vanity Fair“ lesen, und es sind ausnahmslos Journalisten. „Vanity Fair“, das sollte für die Menschen, die einen vernünftigen Beruf erlernt haben, vielleicht kurz erklärt werden, liest man nicht, man bewohnt es. Schon die ersten Seiten, die mit den Anzeigen der großen Modemarken, eröffnen vor allem Räume und vermitteln Lichteinfälle, Atmosphären, die darauf abgebildeten Waren sind meist kaum zu bemerken. Schon angesichts der Anzeigen beginnt man zu meditieren: Was machen diese drei komatösen jungen Leute so schlechtgelaunt auf dem Fußboden? Warum essen sie nicht mal was?

Dann steht man beim Chef: Lange zeigte das Foto zum Editorial den graumähnigen Graydon Carter stehend an seinem schönen Schreibtisch in einem Eckbüro in New York, verschmitzt lächelnd. Es ist wie ein monatliches Rendezvous. Was gibt's Neues, Freund Graydon? In wenigen Jahren hat sich unser Rendezvous allerdings zu einem brisanten politischen Forum entwickelt: Klarere und fundiertere Anklagen gegen die Bush-Regierung findet man selten. Nach dem Check in bei Carter beginnt der lange Aufenthalt im Magazin. Es ist wie mit einem großen, alten Hotel: Man spürt, wie lange hier schon Gäste bewirtet werden - auch das ist eine Bedeutung von to entertain - und genau dieses Gefühl macht einen großen Teil des Genusses aus.

Was für ein Horror

Undurchsichtig: Vor dem Redaktionsgebäude der deutschen “Vanity Fair“-Ausgabe

Undurchsichtig: Vor dem Redaktionsgebäude der deutschen "Vanity Fair"-Ausgabe

Die Beiträge, die mir am meisten behagen, sind die entlegensten: die absurden Tagebücher von Dominick Dunne und Reportagen über obskure Kriminalfälle - aber so was liest man nur, wenn man daran gewöhnt ist. Was für ein Horror, dachte ich oft gruselnd nach der Lektüre, wenn man diese Themen und Texte in einer real existierenden, deutschen Redaktion unterbringen müsste, was für ein Doppelhorror, wenn man „Vanity Fair“ neu gründen müsste.

Und dann ist es - wie meistens, wenn man etwas gruselnd beschwört - genauso gekommen. Achtzig Kollegen und ein großer Verlag haben daran geglaubt, dass Deutschland jetzt ein neues altes Magazin aus New York braucht. Teil meiner Gruselvorstellung war auch schon die Reaktion der übrigen deutschen Blätter auf so ein ambitioniertes, arrogantes Produkt: Den Verriss von Reinhard Mohr auf „Spiegel-online“ hätte ich schon aufsagen können, bevor der Chefredakteur der deutschen „Vanity Fair“, Ulf Poschardt, das erste Mal zu Verhandlungen in die Vereinigten Staaten geflogen ist.

Trotzdem: dieses Cover!

Derart vorhersehbar ist der Spott, den das Blatt auf sich ziehen wird, dass man gar nichts von der eigenen Enttäuschung schreiben mag. Aber trotzdem: dieses Cover! Die amerikanischen Kollegen überlegen sich jedesmal einen kleinen Gag für das Titelbild, ein grüner Al Gore, eine diesmal angezogene Demi Moore. Und das neue deutsche Magazin? Geht auf Nummer obersicher. Einem kurzen Sommer bei einem Frauenmagazin verdanke ich die allerprimitivste Quotenfaustregel der Covergestalter: Star plus Tier gleich Verkaufserfolg, als verzweifelte Booster kann man noch Frisuren und Weihnachtsplätzchen hinzunehmen. Wenn auf einer der nächsten „Vanity Fair“ Jan Josef Liefers und Udo Walz Siamkätzchen herzen, während Anna Loos im Hintergund die Teigrolle schwingt, wissen wir, dass das deutsche Publikum noch nicht so weit war.

Besonders verkrampft wirkt leider das Editorial von Ulf Poschardt, der uns mit dem x-ten Aufguss von Roman Herzogs „Unverkrampfter Nation“ langweilt. Auch sein Lob der „harten Arbeit“, die angeblich zum Erfolg der in „Vanity Fair“ berücksichtigten Berühmtheiten geführt hat, wirkt deplaziert und wenig durchdacht: Viele Menschen arbeiten härter als Til Schweiger, aber das ist doch gar nicht das Kriterium, an dem Filmstars gemessen werden. Und im Fall von Anna Politkowskaja - deren Tagebücher das Blatt verdienstvollerweise abdruckt - mag man von Tragik reden, von Gemeinheit, aber nicht von Erfolg. Poschardts Satz dazu („Nicht jeder, der Erfolg hat, kann diesen genießen“) klingt viel zu cool.

„Haben Sie so etwas wie eine Erfolgsformel?“

Das Heft wird dann immer besser: Die Reportage von Michel Friedman bei der NPD ist glänzend, auch das Porträt des Anwalts von Murat Kurnaz bietet überraschende Einsichten. Aber dreihundert Seiten sind eine Menge Platz. Es konnte noch nicht alles eingerichtet werden, also hat man schon mal was hingestellt. Die Menschheit braucht vieles, aber kein weiteres Robert-de-Niro-Porträt. Auch den Essay von Bushido zur Lage der Welt („Ich will 7er fahren und meine Ruhe haben“) hätte ich nicht vermisst. Interessant sind die Spannungsbögen im Heft: In dem schönen, kritischen Porträt von Sigmar Gabriel wird seine mangelnde Glaubwürdigkeit als Umweltaktivist bemängelt, doch viele Seiten später gerät das Interview mit dem Ferrari-Chef zu einem Muster im Genre des Wohlfühlinterviews: „Graf Montezemolo, woher kommt Ihre Autoleidenschaft?“ „Haben Sie so etwas wie eine Erfolgsformel?“ Von kritischen Fragen zur Erderwärmung und zum Verbrauch dieser schönen, aber überflüssigen roten Privatraketen nur ein allzu kleiner Hauch.

Richtig ärgerlich war bloß die Grafik zu den Gerüchten im französischen Präsidentschaftswahlkampf: Was das Foto eines Kindes, von Martin Chirac, zufällig der minderjährige Enkel des Staatspräsidenten, aber am politischen Geschehen gänzlich unbeteiligt, auf so einer Spottseite zu suchen hat, ist unbegreiflich. Solche Stilbrüche passen nicht zu „Vanity Fair“.

Die Zeit wird es richten, wir werden weiter mäkeln und doch jedes neue Heft eifrig kaufen. Man braucht eben Geduld, um zusammen alt werden zu können.

Text: F.A.Z., 08.02.2007, Nr. 33 / Seite 38
Bildmaterial: dpa

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