Journalismus im Irak

Schreiben Sie, was wir Ihnen sagen

Von Souad Mekhennet, Bagdad

28. November 2003 Das neue System im Irak ist, je nachdem, mit wem man es zu tun hat, das alte. Journalisten dürfen nicht ohne "Begleiter" recherchieren, wer sich nicht fügt, wird vertrieben. Zum Beispiel von Muqtada al Sadr.

Als sich die Wagenkolonne in Bewegung setzt, ist den Reportern der Ort der Pressekonferenz nicht bekannt. Sie wissen nur, daß es von Bagdad Richtung Süden geht, nach Nadschaf. "Wir können Ihnen den genauen Ort erst in Nadschaf mitteilen, aus Sicherheitsgründen", sagt Scheich Ali, ein Pressesprecher von Muqtada al Sadr, einem der drei mächtigsten Schiitenführer im Irak. Er hatte zuletzt immer häufiger gesagt, die Besatzer sollten den Irak unverzüglich verlassen. Der Irak solle ein "islamischer Staat" werden, verfaßt nach den Regeln der Scharia. Etwa dreißig Fahrzeuge mit Journalisten aus aller Welt haben sich vor dem Büro Sadrs im Stadtteil Kadhamya gegen halb neun am Morgen versammelt. Den weiblichen Reportern war mitgeteilt worden, daß sie ein Kopftuch und eine Abaja - einen langen schwarzen Umhang - tragen sollten.

Gehäufte Anfragen

Im Pressebüro Muqtada al Sadrs in Bagdad hatten sich Anfragen wegen Interviews gehäuft. Deshalb entschloß sich seine Entourage, alle Journalisten auf einmal nach Nadschaf zu bestellen. Wer nicht auf die Liste kam, hatte das Nachsehen. Bei al Sadrs Anhängern geht nichts ohne Genehmigung des Chefbüros. Wer in einem Gebiet, das von al Sadrs Anhängern dominiert wird, recherchieren möchte, darf das nur mit einer Genehmigung. Ohne Papier kein Interview. Wer sich nicht daran hält, kann schon mal für einige Stunden festgehalten werden, wie es einem Übersetzer der "Washington Post" passierte.

Muqtada al Sadr ist dreißig Jahre alt. Sein Vater, der Großajatollah Mohammad Sadek el Sadr, hatte viele Anhänger im Irak, er wurde 1999 angeblich auf Anordnung der irakischen Regierung hin ermordet. Auch al Sadrs Brüder Moamel und Mustafa starben. Muqtada al Sadr blieb zwar im Irak, wurde aber von den Sicherheitsdiensten Saddam Husseins nicht aus den Augen gelassen. Nach dem Fall Bagdads hatten ihn die Amerikaner jedoch kaum beachtet und ihn auch nicht in die Regierung einbezogen. Im Gegensatz zu den beiden anderen großen Schiitenführern, Ayatollah Sistani und dem verstorbenen Bakr al Hakim; sie haben Vertreter im Regierungsrat und den Ministerien.

Parolen gegen Amerikaner und Briten

Al Sadr wurde in den letzten Monaten jedoch immer populärer, er weiß vor allem junge Männer hinter sich. Mit seinen Parolen, die sich häufig gegen die Amerikaner und Briten richten, bereitet er der neuen irakischen Regierung, die al Sadr nicht anerkennt, große Probleme. Er hat seine eigene Regierung gebildet und seine eigene Armee ins Leben gerufen. Auch seine Vorstellungen von Pressefreiheit sind sehr eigen. "Einmal tauchten vor unserem Hotel bewaffnete Männer von al Sadr auf", sagt Aktham Suliman, Korrespondent von Al Dschazira, "sie schrien und waren aufgebracht." Einer habe gefragt, ob dies das Hotel des arabischen Nachrichtensenders Al Arabija sei. Als man verneinte, seien die Männer weitergezogen. Al Arabija, so Suliman, hatte just an diesem Tag einen Sadr-kritischen Bericht ausgestrahlt.

In "Sadr City" - dem ehemaligen "Saddam City", einem von Schiiten bewohnten Stadtteil Bagdads ist Muqtada al Sadr heute so präsent wie Saddam Hussein vor dem Fall Bagdads. Dieser hatte das Viertel verkommen lassen, denn die meisten Bewohner waren ihm feindlich gesinnt. In vielen Familien ist mindestens ein Angehöriger in den neunziger Jahren spurlos verschwunden, während der Schiiten-Aufstände verhaftet oder ermordet worden. Bis heute ist die Armut auf den Straßen zu sehen; die wenigsten Häuser sind verputzt, Kanalisation ist kaum vorhanden, die Kinder spielen im Abwasser.

„Zu Ihrer eigenen Sicherheit“

Muqtada al Sadr unterstützt gerade in diesem Stadtteil Krankenhäuser und Hilfseinrichtungen. Er unterhält die "Mahdi-Armee", eine Miliz, die in Sadr City für Ordnung nach seinen Vorstellungen sorgen soll. Dazu gehört, daß Journalisten nur in Begleitung von "Armee-Mitgliedern" durch die Stadt gehen sollen. "Das ist zu ihrer eigenen Sicherheit", heißt es im Büro Sadrs. Und: "Die Regeln sind hier so. Wenn Sie ohne Begleitung gehen oder keine schriftliche Genehmigung haben, wird in Sadr City niemand mit Ihnen sprechen."

Nach drei Stunden Fahrt in Nadschaf angekommen, werden die Reporter von einem Mitarbeiter al Sadrs abgeholt. "Folgen Sie meinem Wagen", sagt er. Ort des Interviews ist ein Haus, in dem sich ein Büro al Sadrs befindet. Davor werden wir durchsucht, die Angst vor Anschlägen ist groß. "Laßt erst die Männer rein, erst die Männer," sagt einer der Scheichs den Wachen.

Weil der für das Interview geplante Raum überfüllt ist, nachdem sich erst ein Drittel der Journalisten hineingezwängt hat, wird die Pressekonferenz auf die Dachterrasse des Gebäudes verlagert. Eine dreiviertel Stunde später erscheint ein Scheich und fragt, ob jemand da sei, der Arabisch ins Englische übersetzen könne. Muqtada al Sadr tritt auf, mit schwarzem Turban, im schwarzen Umhang. Er hört sich die Fragen der Journalisten an, beantwortet sie aber nicht oder mit wenigen, gleichlautenden Floskeln.

Offene Frage

"Sie unterstützen viele soziale Einrichtungen", sagt eine Reporterin des amerikanischen Radiosenders NPR. "Bekommen Sie Geld aus dem Ausland, und wenn ja, woher?" Der Übersetzer flüstert ihm die Frage zu. "Soziale Projekte sind sehr wichtig", sagt al Sadr, "wir werden weiter die armen Menschen unterstützen." Als die Reporterin darauf aufmerksam macht, daß er ihre Frage nicht beantwortet habe, dreht er seinen Kopf zur anderen Seite.

Ein anderer Journalist fragt, wie er es mit der Pressefreiheit hält. Al Sadr räuspert sich: "Jeder Journalist, der über uns berichten möchte, ist uns herzlich willkommen. Aber natürlich gibt es auch bei uns Regeln, die eingehalten werden müssen. Wer schlecht über uns schreibt oder lügt, der ist dann nicht mehr willkommen." Als er erklären soll, was "schlecht" bedeute, wird er ärgerlich: "Schreiben Sie einfach das, was wir Ihnen sagen." Ein spanischer Fotograf fragt al Sadr, warum ihm und anderen Kollegen so oft die Filme oder Kameras abgenommen worden seien. "Ich habe noch nie von solchen Vorfällen gehört", sagt al Sadr, "vielleicht waren das Anhänger unserer Feinde, die uns nur schlechtmachen wollen." Als der Fotograf ihm erklärt, daß diese Übergriffe vor seinem Büro in Sadr City stattfanden, sagt al Sadr: "Sie müssen sich wohl täuschen, ich weiß von nichts."

Nach einer Stunde ist die Konferenz beendet. Die Reporter drängen sich schweißgebadet die Treppe hinunter, um in den Schatten zu gelangen. "Siehst du", sagt eine italienische Journalistin zu einer Kollegin, "wir sind doch blöd, wir lassen mit uns machen, was die wollen, und am Ende erfahren wir nichts Neues." Muqtada al Sadr aber weiß, daß er mitten in Bagdad Journalisten Regeln unterwerfen kann, welche die meisten mit ein bißchen Murren nur befolgen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2003, Nr. 277 / Seite 38
Bildmaterial: EPA

 
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