Games Convention

Im Atombunker brennt noch Licht

Von Martin Wittmann

Mehr Event als Messe: Bei der Games Convention in Leipzig wird einiges aufgefahren

Mehr Event als Messe: Bei der Games Convention in Leipzig wird einiges aufgefahren

22. August 2008 Es ist schon spät, und der Frau im Atombunker 101 scheint mittlerweile die Verve abhanden gekommen. Kein Wunder bei soviel Apokalypse. „Mit der erweiterten Funktion kann man die Körper noch effektiver in Stücke schießen“, kommentiert sie arg gelangweilt das Geschehen auf der Leinwand, wo die Fetzen nur so fliegen. Der Bunker 101 ist einer der spektakulärsten Stände auf der Games Convention, mit Minikino, in dem die ersten Szenen von „Fallout 3“ gezeigt und eben von Experten kommentiert werden. Der Inhalt des Trailers in Kürze: Planet Erde, Jahr 2277, postnuklearer Albtraum, Mutantengemetzel.

Das Rollenspiel „Fallout 3“, nur für Erwachsene und sogar in einschlägigen Magazinen als zu explizit bezeichnet, ist einer der Stars der Messe, die Schlange vor dem Bunker lang. Das ist nicht selbstverständlich, nicht mehr. Da das Außenseiterhobby längst zum Volkssport geworden ist – im Fall von Wii-Nutzern, die sich statt auf der Tastatur auf sensorbestückten Matten austoben, sogar buchstäblich – hätte man auf der Leipziger Messe ein idyllischeres, familienfreundlicheres Bild erwarten können. Doch vor den Denkspielen und Gymnastikangeboten drängelt sich keiner. Mag die Vereinnahmung der kleinen Zockerwelt durch eine heterogene Gelegenheitsspielerschicht noch so fortgeschritten sein, auf der Messe findet sich hauptsächlich das ursprüngliche Klischeeklientel: Männlich, ledig, jung, Sucht.

Nicht „nur“ anti-soziale Kellerkinder

Aber auch wenn sie hier nicht vertreten ist: Es ist die breite, spielende Masse, die der Branche zu zweistelligem Wachstum verhilft. Nicht nur die netten Konsolenspiele tragen dazu bei, dank der Flatrateflut sind es vor allem Online-Spiele und die dafür fälligen Gebühren, die Geld bringen. „World of Warcraft“ etwa macht eine Milliarde Umsatz im Jahr. Seit das Spiel vor drei Jahren auf den Markt kam, ist der Umsatz mit Internet-Spielen um „geschätzte 800 Prozent gestiegen“, sagt Kai Schober von Goa Games.

Dafür könnten „nicht nur anti-soziale Kellerkinder“ verantwortlich sein, mit Betonung auf dem „nur“. Schober steht an seinem Stand, einer Art Geisterbahn ohne Bahn, und stellt das Spiel „Warhammer Online“ vor. Es sei ein „MMORPG“, sagt er, ein „massively multiplayer online role-playing game“ also, erklärt er auf vorsichtige Nachfrage. Wer „Warhammer Online“ spielen wolle, brauche lediglich einen leistungsstarken Rechner. Wahr ist: Einen derart leistungsfähigen und damit teuren Rechner braucht überhaupt nur, wer bei solchen Spielen dabei sein will – so freuen sich über die vielen Spieler nicht zuletzt die Computerhersteller, die vom Erfolg der Spiele (deren Vorfahren früher als Spielerei mitgeliefert wurden) profitieren, sich inzwischen danach richten. In revolutionären Zeiten wedelt der Schwanz mit dem Hund.

Schober erzählt weiter. Bald steht Distinktion im Raum, je weiter die erzählte Reise ins Zwergenreich und zur Elfengilde führt, desto unverständlicher wird das für Außenstehende, deren Mehrheit aber, glaubt man den eindrucksvollen Wachstumszahlen, immer weiter schrumpft. Also halt, jetzt nur nicht aufgeben, denkt man, denn wenn dies hier, wie den Prognosen zu entnehmen ist, die massenkompatible Zukunft ist, dann steht, wer den Anschluss verpasst, bald da, wo heute irritierte Senioren die Wählscheibe am Tastentelefon suchen.

Futuristische Kriegerinnen und Mutanten

Schober erzählt mit einer Leidenschaft vom Elfenreich wie andere von der Heimat. Von irgendwo tönt ein „Guitar Hero“-Spieler, der auf einer saitenlosen Knopfgitarre Aerosmith interpretiert. Spiele wie Basketball oder Minigolf, die aus der Realität in die Computersphäre übernommen wurden, finden an manchen Ständen den Weg zurück in die Wirklichkeit. Unklar bleibt, wo die Eskapismus-Getriebenen herkommen oder hinwollen.

Überall hängen Plakate von mittelalterlichen Kriegern, die gewiss keinen Dopingtest bestehen würden, und Bilder von futuristischen Kriegerinnen, die keinen Zweifel daran lassen, das auch in ferner Zukunft Oberweite als weiblicher Trumpf gelten wird. MTV überträgt live von der Messe, andere Leinwände zeigen Videospielszenen, bei denen nicht mehr zwischen real gefilmt oder nachgespielt unterschieden werden kann. Ab und an findet man ältere Versionen von Spielen, deren aufwendige Ästhetik noch vor zwei Jahren als kaum verbesserungswürdig galt. Heute sieht das aus wie besseres Daumenkino.

Eigentlich gibt es Chill-out-Zonen, wo die Messebesucher, daddelmüde und reizüberflutet, in Sandsäcken sitzen und sich konservativ, also fernsehend, entspannen können. Aber diese sind meist überfüllt. Wer Ruhe sucht, trifft sich lieber am chronisch leeren Stand der Bundesagentur für Arbeit. Die Agentur will sich um die vielen jungen Menschen hier kümmern, die aber mehr für die sexy Welt von Final Fantasy XIII übrig haben als für Hartz IV. Wer gerade zwei Stände und damit fast dreihundert Jahre weiter einen verstrahlten Mutanten gegrillt hat, ist verständlicherweise nicht in der Stimmung für Perspektivberatung. Und Mutantengrillen ist nun wirklich Arbeit genug.

Text: FAZ.NET

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Für alle Fälle abgesichert? Jetzt private Haftpflichtversicherungen vergleichen und bequem online abschließen.

Die Zielgruppe auf der Messe ändert sich nicht merklich: Männer, ledig, jungEs kostet die Mamas doch einige Überwindung, sich auf diesen modernen Zeitvertreib einzulassenDie familienfreundlichen Spiel-Zonen sind dagegen eher spärlich besuchtHier steht ein Junge gegen Donald Duck im Tor: Nintendo Wii macht's möglichEine Zukunftsvision: Jetzt ist auch der letzten möglichen Unterbrechung eines Spiels vorgebeugt Das Erfolgsrezept: Futurismus und geladene WaffenVoll konzentriert testen die Besucher der Messe die neuesten SpieleAuch für das jüngere Publikum ist gesorgt: der Game-Boy ist Schnee von gesternHier werden Computerspiele im wahrsten Sinne des Wortes zum Volkssport