24. Juni 2006 Aha, dieses Köln ist also Cologne. Auf dem Grill liegen Würstchen, und Schwitzen im Sitzen ist die Regel. Wie die anderen uns sehen. Ein Streifzug durch die Weblogs internationaler WM-Besucher.
Berlin, 1. Juni 2006 Bin jetzt in Berlin. Nachdem ich meine Mitfahrgelegenheit von Paris nach Köln verpaßt habe, habe ich eine andere gefunden, und zwar bei einem Typen namens Mafuta Kamena. Das muß man sich mal vorstellen! Ursprünglich sollte ich mit einem namens Hakuna Matata fahren. Der Typ war also ein riesiger Schwarzer aus dem Kongo, der nicht ein Wort Englisch sprach. Aber er hat mich sofort auf französisch angeredet, und als er sah, daß ich überhaupt nichts verstand, wechselte er zu Deutsch über, woraufhin ich mich traute, ein paar Gedanken mit ihm zu tauschen. Er hat mir dann gleich erklärt, daß er Evangele sei, und machte evangelische Musik an. Ergebnis: Sechs Stunden Reise nach Köln, während kongolesische Musik lief und ich bloß Jesus und Hallelujah verstand! Aber nun gut...
Borboleta, Brasilien, http://themisaragao.blogspot.com
Berlin, 8. Juni 2006 Ich kam in einen Friseursalon, und obwohl er leer war, schaute mich das Mädchen an und sagte: Ich hätte einen Termin für 16 Uhr. Es war 10 Uhr früh. Ich ging in einen anderen Salon. Es gibt Mädchen, die schneiden die Haare für neun Euro. Das ist ein Schnäppchen. Sie waschen sie mit einer ausführlichen Massage, sie schneiden sie, als wären sie Gärtnerinnen, überlassen dich dir selbst zum Trocknen, und fertig. Das ist das, was sich auf deutsch Cut & Go nennt. Aber ich würde es nur empfehlen, wenn es sich um einen Notfall handelt. Ich gehe immer dahin, weil es sich bei mir immer um einen Notfall handelt.
Yaotzin Botello, Mexiko, http://yaotzin.blogspot.com
Köln, 10. Juni 2006 Nach all den Jahren der Vorfreude kam es endlich zu meiner ersten echten Weltmeisterschafts-Nacht, all das Herumfliegen, das Schlafen im Zug, das Internet-Surfen auf der Couch gipfelten in diesen einen Moment, und wo enden wir? In einer Bar namens Key West, in der (ausgerechnet) Salsa und Merengue gespielt wurden. Immerhin war es kein hasselhoffartiger Baywatch-Club. Wir quatschten und tranken, und auf dem Weg zu der Bar fragte mich eine süße Einheimische, ob ich aus Ecuador komme (zur Erinnerung: Ich trage ein Ecuador-Trikot). (...) Das führt dazu, daß ich ihr Salsa-Unterricht gebe. Wer mich kennt, weiß so gut wie ich, daß Deutschland einer der wenigen Orte auf der Welt ist, wo ich dazu qualifiziert bin, Salsa-Unterricht zu geben.
Juan Cifrian, Ecuador, http://www.travelblog.org/Europe /Germany/Cologne/blog-66628.html
Köln, 16. Juni 2006 Die deutsche Methode der Straßenreinigung ist sehr effektiv und sollte in England übernommen werden. Das Pfand auf Plastik- und Glasflaschen führt dazu, daß obdachlose Menschen die Straßen von Abfall reinigen, was bedeutet, daß man kaum eine Flasche auf dem Boden findet. Wenn man die Einlagen auf alle Arten von Müll ausdehnen würde, dann gäbe es nicht nur keinen Müll, sondern wir hätten auch die bestverdienenden Bettler der Welt. Nimm das, Paris!
Joe, England, http://aloneincologne.wordpress.com
München, 16. Juni 2006 Ja, es gibt Lebensmittelläden in Deutschland. Sie sind wie amerikanische Lebensmittelläden - in Miniatur (...). Die Einkaufswagen sind kleiner, und die Gänge sind viel enger. Versucht einmal, in einem Lebensmittelladen mit einem Baby in einem riesigen deutschen Kinderwagen einzukaufen. Man paßt kaum durch die Gänge, und wehe, jemand muß an euch vorbei. (...) In einem besonders entmutigenden Fall stand ich in der Schlange, mit zwei oder drei Artikeln, die ich kaufen wollte, und Kaan wurde in seinem Wagen sehr quengelig. Ich war die zweite oder dritte in der Schlange. Ein neuer Kassierer öffnete eine neue Kasse, und der Mann in seinen Vierzigern hinter mir, der einen vollen Wagen hatte, hetzte zur neuen Kasse, während ich wartete, daß die Person vor mir hinüberwechselt, wie es in den Staaten üblich ist. Ich war genervt und wollte diesem Mann nicht erlauben, die Regeln der Etikette zu brechen und sich vorzudrängeln, vor der Mutter mit dem schreienden Kind und zwei Sachen, derjenigen mit Vorrang. Ich rammte ihn mit meinem Ellbogen und drängte mich vor ihn zur neuen Kasse. Als ich nach Hause kam, fragte ich meine nette deutsche Freundin, von der ich sicher bin, daß sie sich nie vordrängeln würde, welche Regel hier herrscht, wenn eine neue Kasse öffnet. Die Regel, erzählte sie mir, lautet renne!.
Saskia Akyil, Vereinigte Staaten, http://www.travelblog.org/Europe/Germany/Munich/blog-67064.html
Nürnberg, 16. Juni 2006 Nürnberg ist eine ziemlich nette Stadt. Das Stadion befindet sich auf dem Gelände des alten Kolosseums (dem Ort der Aufmärsche von 1933 und der Nürnberger Prozesse nach dem Krieg). Das Kolosseum beherbergt jetzt das Dokumentationszentrum, das die Schrecken des Dritten Reichs darstellt. Auch das Stadion sowie das Fan-Fest sind dort. Es ist schon ehrfurchtgebietend, wenn man sich vorstellt, daß dieser Ort jetzt als Treffpunkt für Menschen aus aller Welt genutzt wird.
Knoxy, Trinidad & Tobago, http://tntworldcup2006.blogspot.com
Köln, 17. Juni 2006 Da meine Freunde hier die Stadt verlassen, ist es auch für mich Zeit, Frankfurt zu verlassen. Das Wetter ist großartig, aber die Stadt ist von der Weltmeisterschaft überlaufen (...) Ich werde versuchen, ob ich einfach meinen Flug ändern und nach Hause fahren kann. Ich finde die Nummer der Fluggesellschaft heraus, aber irgend etwas stimmt mit meinem Telefon nicht (...) Ich halte es für das beste, einfach zum Flughafen zu fahren und die Sache persönlich zu erledigen. Solche Dinge sind persönlich sowieso immer einfacher. Ich durchquere den Flughafen, warte 45 Minuten in einer Schlange am Ticketschalter und bekomme schließlich die Auskunft, daß das Schild lügt, daß die Fluggesellschaft nur am Vormittag am Flughafen präsent ist, aber die Menschen dort (die für eine andere Fluggesellschaft arbeiten) sind sehr hilfsbereit und geben mir die Telefonnummer, die ich bereits habe.
Einige Fernzüge halten am Flughafen, aber inzwischen ist es zu spät am Tag, um dorthin zu fahren, wo ich eigentlich hin will. Statt dessen sollte ich in eine Stadt fahren, die ungefähr in der richtigen Richtung liegt und gute Zugverbindungen hat. Ich erinnere mich an das letzte Mal, als ich so etwas gemacht habe, und daran, wie wenig Spaß es gemacht hat, aber vielleicht habe ich seitdem etwas gelernt. Leider haben die Leute von der Bahn am Flughafen keinen Zugplan von Deutschland. Ich habe einen am Hauptbahnhof gesehen, nur zehn Minuten mit der U-Bahn, also fahre ich zurück. Zurück am Hauptbahnhof entscheide ich mich, nach Köln zu fahren (...).
Es stellt sich heraus, daß auch Köln mit Sportfans überlaufen ist (Menschen mit Tröten, Trommeln, Flaggen und bemalten Gesichtern), aber ich bin ein wenig näher an einem Land, das die Weltmeisterschaft nicht veranstaltet. (Es stellt sich auch heraus, daß Köln, von dem ich noch nie etwas gehört hatte und dachte, es wäre ein kleiner Ort, auch als Cologne bekannt ist, wovon ich schon gehört hatte und das die viertgrößte Stadt in Deutschland ist, was die gute Zuganbindung erklärt. Es war nur eine 90minütige Fahrt von Frankfurt, aber erst sieben Stunden, nachdem ich entschieden hatte, woandershin zu fahren, kam ich an und lediglich vier Stunden, nachdem ich ein Ziel gewählt hatte. Es soll keiner sagen, Reisen wäre einfach. Das positive ist, daß ich noch saubere Socken habe, und die Kathedrale hier sieht erstaunlich aus.
Seth Golub, Vereinigte Staaten, http://www.aigeek.com/entropy/
Göppingen, 18. Juni 2006 Dieser Eintrag ist all jenen gewidmet, die mir nicht glauben wollten, daß in Deutschland in Fahrschulen ein VW Golf benutzt wird (in diesem Fall das neue Modell), ich habe sogar auch BMWs und Audis gesehen. Ich habe ein Foto einer BMW-Fahrschule bedauerlicherweise nicht hier, aber sobald ich kann, werde ich es euch zeigen, um zu beweisen, daß ich nicht gelogen habe, als ich behauptet habe, daß hier schon Jungs mit Autos fahren lernen, die in Argentinien nur Leute mit sehr viel Geld benutzen.
Misael Zapata, Argentinien, http://www.misaelzapata.com.ar
Gütersloh, 19. Juni 2006 Ein paar Fußgängerzonen, ein Stadtmuseum, und drei Cafés. Das war's. Hoffentlich gewinnt Mexiko gegen Holland, denn dann ginge es für uns nach Freiburg, das ist eine von diesen idyllischeren Städten. Wenn Mexiko verliert, müssen wir dagegen gegen Argentinien ran, und wohin uns das führen würde, dort gibt es nicht mal Züge. Vier Tage eingesperrt in einem anderen Dorf, das noch kleiner ist als dieses hier.
Paola, Mexiko, http://paolaenelmundial.blogspot.com
Berlin, 20. Juni 2006 Es gab indes auch gelegentlich blutige Folgen, etwa als ein angesäuselter Schwede unbedingt eine ZDF-Kamera als Trophäe erbeuten wollte. Er wurde daran von einer Kamerafrau mit Karatefertigkeiten gehindert, dank derer er auf den Boden mit Bierglasscherben fiel. Eine weitere vermeintliche Erkenntnis der Gäste: in Schweden sei es eine seltene Kunst, im Sitzen zu schwitzen, in Deutschland aber eher die Regel als die Ausnahme.
Jarno, Schweden, http://www.afairjudgement.com/blog/
Stuttgart, 20. Juni 2006 Die Deutschen machen alles gründlich. In der ARD haben sie sogar einen Spezial-WM-Wetterbericht, damit man auch weiß, wie feucht der Rasen vom Olympiastadion sein wird, oder um zu erfahren, wie die Chancen dafür stehen, daß Angela Merkel auf ihrer Präsidententribüne von einem spontanen Schauer überrascht werden könnte (heute nachmittag war die Wahrscheinlichkeit dafür 40 Prozent). Im Bestreben um Neutralität sollten sie auch einen Wetterbericht der S-Bahnen bringen, damit ich schon vorher weiß, ob ich mich gegen die Hitze der Linien S1, S2 oder S3 Richtung Hauptbahnhof wappnen muß oder ob ich gleich zur Sauerstoffmaske greifen muß. Danke im voraus, ARD!
Beness, Frankreich, http://beness.blogspot.com/
20. Juni 2006 In den meisten Arenen oder bei öffentlichen Übertragungen in Deutschland gibt es eine besondere Form der Teilnahme an der Weltmeisterschaft, die die Deutschen am meisten mögen: die Grillparty, das ist so ähnlich wie ein Churrasco bei uns. Seit ich hierher kam, habe ich an mindestens zehn dieser Festlichkeiten teilgenommen. Beim typisch deutschen Churrasco muß ich immer an diese alten amerikanischen Serien nachmittags im Fernsehen denken, wo man einen winzigen Grill mit Rost benutzt. Im Gegensatz zu den Hamburgern in den Vereinigten Staaten ist hier das bevorzugte Fleisch Schweinefleisch oder, na klar, die Wurst. Meistens ist das Essen schon vorgewürzt, also vergeßt das grobe Salz zu den Steaks. Obendrauf kommt bei den Deutschen immer noch eine Soße, entweder Senf oder Ketchup oder was Scharfes. Nachdem sie sich den Bauch vollgeschlagen haben, kommt das Saufen. Sie trinken hier viel, und eine gängige Praxis beim Grillen ist es, ein Bier und einen Schnapse zu trinken. Eigentlich eignet sich jede Art von destilliertem Getränk, um dem Bier noch einen Schwung zu versetzen und damit es richtig schnell in den Kopf steigt. Meistens sind diese Getränke sehr stark, über 35 Prozent, und süß.
Albert Steinberger, Brasilien, http://www.comlab.com.br/blog/
Stuttgart, 21. Juni 2006 So viele Deutsche haben angemerkt, daß sie nie zuvor so viele Landsleute gesehen haben, die Flaggen tragen oder die deutschen Farben in ihr Gesicht gemalt haben. In Australien nennen wir das Patriotismus, hier nennen sie es Nationalismus. In Deutschland ist Nationalismus ein Schimpfwort, weil es unter der Führung eines Typen vor 60 Jahren der ganzen Nation viel Ärger eingebracht hat, und dieses Erbe bleibt tief verwurzelt in der Kultur des Landes. Sogar heute, nur einen Tag nach einem vernichtenden 3:0-Sieg über Ecuador, werden die meisten Flaggen wieder abgenommen, die wenigsten werden Deutschland-T-Shirts tragen und mit Sicherheit kaum jemand Farbe im Gesicht. Vielleicht stellt dieses Turnier die Wende dar, die es den Deutschen erlaubt, Nationalstolz von den Sünden der Vergangenheit zu trennen.
John Sweeney und Kristian Payne, Australien, http://www.travelblog.org/Europe/Germany/T%FCbingen/blog-68107.html
Zwischen Essen und Berlin, 24. Juni 2006 Wenn man mit dem Zug reist und ein Spiel zu Ende ist, nimmt der Schaffner das Mikrophon und verkündet, daß die Deutsche Bahn, die deutsche Zuggesellschaft, dank der Unterstützung der Deutschen Telekom, dem deutschen Kommunikationsunternehmen, live über die Resultate der Spiele informieren kann. Danach macht er die Ansage in einem Englisch, das er in einem zweiwöchigen Kurs gelernt hat. Es klingt genauso wie Deutsch. (...) Der Schaffner nimmt noch einmal das Mikrophon und begrüßt alle Fußballfans, die eingestiegen sind: Wir bedanken uns, daß sie mit uns reisen. Womit sonst? Es ist, als ob die PRI in Mexiko, als sie noch regierte, gesagt hätte: Danke, daß Sie uns gewählt haben. Gab es eine andere Möglichkeit?
Yaotzin Botello, Mexiko, http://yaotzin.blogspot.com
Zusammengestellt und übersetzt von Robert von Lucius, Nils Minkmar, Peter Richter, Harald Staun, Anne Zielke.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa