20. Oktober 2005 Adorno fand es Anfang der sechziger Jahre bei einem Gang über die Buchmesse befremdlich, daß immer mehr Verlage auf Umschlagbilder auch bei literarischen Titeln setzten, wo nach seiner Auffassung das Bildhafte in Romanen sich doch auf das Sprachliche beschränken sollte.
Ein paar Jahre später fanden viele Autoren den Betrieb so lärmend und lähmend, daß sie mehr oder weniger demonstrativ dem Ereignis fernblieben. In den siebziger Jahren war ein Schriftsteller auf der Buchmesse so schwer zu finden wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Nachdem um 1980 die Postmoderne ausgerufen wurde, kamen die Autoren wieder nach Frankfurt. Irgendwie dämmerte es, daß das Literaturbetriebsfest immer schon eine postmoderne Veranstaltung war: So viel Disparates ist nirgends. Und die Messe wurde immer bunter. Wo bleibt denn da das Literarische, mag mancher, der in der Kulturkritik befangen ist, noch immer fragen. Zwischen irgendwelchen Buchdeckeln wahrscheinlich. Im literarisch sich gebenden Small talk wohl nicht.
Der Hornby-Mann
Der erste Fachbesuchertag. Erstaunlich, wer da alles vom Fach ist. Man hangelt sich von Menschentraube zu Menschentraube. Wo es Ansammlungen gibt, ist ein Autor nicht weit. Je schwieriger es ist, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, um so bekannter ist der Verfasser. Großer Auflauf bei Nick Hornby am Stand einer Wochenzeitung. Frage: Haben die Kritiker recht, die in Ihren Romanen immer wieder festgestellt haben, daß die jeweilige Hauptfigur dem Autor ähnelt? Sie hätten diesen Figurentypus Hornby-Mann genannt. Hornby lacht und sagt, die Figuren in seinen Büchern seien schon unterschiedlich. Die einen hätten mehr mit ihm selber zu tun, die anderen weniger. Nein, natürlich kommt es nicht auf mögliche Erkenntnisgewinne an. Man will halt mal einen Schriftsteller, einen erfolgreichen zumal, leibhaftig sehen und sprechen hören. Die Bücher sollen auf diese oder jene Weise lebendig werden, und wenn es sich um Fiktionen handelt, die auf ihren Seiten stehen, soll wenigstens ihr Schöpfer sich einmal in der wirklichen Wirklichkeit präsentieren.
Anderswo, bei Bildbänden naturgemäß, genügt es, hübsche Bilder aus den Büchern als große Plakate zu zeigen. Der private Spaß am Buch, am Schmökern oder auch am Schauen, hört auf der Buchmesse auf. Was sich nur irgendwie plakativ aus den Werken herausholen läßt, schmückt die Stände, erobert die Hallen, verstopft die mit grauem Teppichboden ausgelegten Gänge. Geringfügig dezenter als Marktschreier, in der Intention diesen aber nicht unähnlich, preisen oft Herren mit untadeligem Haarschnitt und schnittiger Gesichtsform eine Ware an, die doch nicht ist wie alle anderen Konsumgüter. Jedes Buch verlangt Zeit. Gerade auch ein Kochbuch. Oder eines über Weine. Köche sehen ja neuerdings aus wie Popstars, genauer: wie Mitglieder einer englischen Britpop-Band. Das hat nun offensichtlich auch auf die Weinkundigen übergegriffen: Der zottelhaarige, lässige Matt Skinner bittet am Stand von Gräfe und Unzer zur Weinprobe. Sein Buch heißt Wine - just a drink und verkauft das edle Rebenprodukt als Fruchtsaft für Erwachsene, an dem sich jeder erfreuen könne. Wenn er nur erst einmal das Buch gelesen hat, wollen wir ergänzen.
Autor und Verleger allein
Es spült uns weiter. Die Gänge hinauf und hinunter, an großzügigen Installationen und engen Kojen vorbei, in denen Kleinverlage ihr Angebot ausgelegt haben. Wenn hier einmal ein Autor aus dem Buch steigt, bleibt er zumeist mit dem Verleger allein, hält sich an einem Glas Apfelsaft und der Hoffnung fest, daß seine Zeit einst kommen werde. Und mit ihr ein anderer, ein großer Publikumsverlag.
Buchcover schauen dich an. Schwanger und schön, ein Bildband, Die besten Partyplatten, kein Buch über CDs, sondern über belegte Brötchen, oder, merkwürdig, Als Eisenbahnpionier im Zweiten Weltkrieg. Hierzulande unbekannte koreanische Autoren probieren ein Mikrofon aus, indem sie ein Ah - ah hineinstoßen, das nach einem o klingt. Die Koreaner, das haben wir auf dieser Buchmesse schon erfahren, lieben die deutsche Kultur. Schade nur, daß immer weniger Deutsche die deutsche Kultur lieben, geht es einem durch den Kopf.
Aber es ist ja schon schwer genug, seinen Mann oder seine Frau zu lieben, weshalb die Firma Langenscheidt jetzt ein Wörterbuch Deutsch - Mann / Mann - Deutsch aufgelegt hat, verfaßt von Susanne Fröhlich und Konstanze Klais. Signierstunde am Stand. Manche warten schon mehr als eine Stunde. Frau Fröhlich ist bestens aufgelegt, ruft ein aufgekratztes Hallo in die Runde. Sagt ein Mann zu einer Frau den gelinde kryptischen Satz: Das sind hier zu 90 Prozent Frauen, die die Männer verstehen wollen. Laß uns weitergehen.
Text: F.A.Z., 20.10.2005, Nr. 244 / Seite 50
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