01. September 2006 Unzählige geruhsame Nächte und 15 Jahre unaufgeregte Orientierung im politischen Tagesgeschehen hat der deutsche Fernsehzuschauer Ulrich Wickert zu verdanken. Heute abend moderiert Wickert zum letzten Mal die Tagesthemen. Im F.A.Z.-Gespräch blickt der Moderator auf seine Karriere zurück.
Am 31. August hören sie nach fünfzehn Jahren als Moderator der Tagesthemen auf. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Für mich war das eine sehr spannende Zeit. Ich hätte nie geglaubt, daß ich fünfzehn Jahre bleiben würde. Bei den Tagesthemen ist jeder Tag ein neuer kreativer Kampf. Ich gehe heute nach über fünfzehn Jahren jeden Tag noch gern ins Büro und kämpfe wieder mit, daß wir bitte schön doch die beste Sendung machen, die wir schaffen können und habe den Eindruck, die Tagesthemen haben sich in den letzten fünfzehn Jahren geändert, logischerweise, weil der Journalismus sich geändert hat, weil die technischen Möglichkeiten sich geändert haben, weil die Sehverhältnisse sich verändert haben, weil sogar unsere Sendezeit sich ein wenig verändert hat. Aber ich gehe mit einem zufriedenen Gefühl, weil die Tagesthemen sehr gut dastehen, durch die Vorverlegung auch in absoluten Zahlen kräftig Zuschauer gewonnen hat. Und weil ich der Meinung bin, daß Tom Buhrow als mein Nachfolger dieses Schiff hervorragend mitführen wird.
Was hat sich denn für den Moderator in der Zeit geändert?
Der Moderator ist derjenige, der all das zusammenfaßt, was die große Redaktion und die Korrespondenten und Reporter herbeigeschafft haben. Das hat sich im wesentlichen nicht verändert. Was sich verändert hat, das ist die Möglichkeit heute innerhalb von wenigen Stunden sofort überallhin schalten zu können. Etwas, was mich immer wieder sehr skeptisch gemacht hat, weil wir fürchterliche Dinge live miterleben können, wie den Beginn des Krieges im Irak, wie das Einstürzen der Türme vom World Trade Center. Solche Dinge sollte man, wenn es geht, nicht live senden. Ich sehe die Bilder im selben Augenblick wie der Zuschauer. Ich weiß noch, wie unwohl mir war, als man sah, daß Menschen aus den Fenstern des World Trade Center gesprungen sind. Denn mir war klar, wenn sie unten ankommen, sind die tot. Und das war ein schrecklicher Tod.
Das war die Botschaft des Terrors, gezielt über die Medien verbreitet. Da ist der Moderator machtlos.
Der Moderator war in diesem Fall machtlos.
Sie haben sich als Autor eingemischt, zum Beispiel auch eine moralische Debatte aufgeworfen mit Ihrem Buch 1994 Der Ehrliche ist der Dumme. Sie wurden als Moralapostel apostrophiert. Was wollten Sie mit diesem Buch erreichen?
Ich habe das Buch nicht konzipiert als die Epistel eines Moralapostels. Sondern ich ging von einem rein journalistischen Ansatz aus. Denn als politischer Journalist erkenne ich, welche Fehlentwicklungen wir in unserer Gesellschaft zu verzeichnen haben. Ich wollte die Ursachen dafür finden. Nun gehöre ich zu einer Generation, die humanistisch erzogen worden ist. Ich habe zu meinem Leidwesen noch das große Latinum gemacht, mit einem schrecklichen Abschluß. Und Griechisch gelernt. Heute sage ich, das war nicht schlecht, aber damals fand ich es gruselig. Es hat aber sicherlich mein Denken stark beeinflußt. Deshalb war ich auch in den sechziger und siebziger Jahren nie versucht, mich Ideologien anzuschließen. Ich gehörte damals zur humanistischen Studentenunion und dachte, daß die Abläufe in einer Gesellschaft nicht so leicht erklärbar sind durch eine Ideologie, ob Kapitalismus oder Kommunismus, sondern durch das, was wir die Ethik nennen. Insofern habe ich 1981 mein erstes Buch veröffentlicht, das hieß Die Freiheit, die ich fürchte. Ein Zitat von Goethe. Er sagte immer, wenn die Fürsten das Wort Freiheit im Munde führen, dann tun sie es, um die Leute zu unterdrücken. Es endet damit, daß ich sage, nicht wenn die Strukturen sich verändern, wird sich in der Gesellschaft etwas verändern, sondern wenn sich das Denken und das Handeln der Menschen verändert und sie sich wieder auf ihre Werte besinnen. Und das ist heute noch meine Überzeugung, daß der Zustand von Gesellschaften davon abhängt, wie stark man in der Gemeinschaft die, ich will es mal so nennen, gesellschaftlichen Regeln befolgen will.
Welche Rolle hat für Sie Ihr Vater gespielt, Erwin Wickert, Diplomat und Autor?
Er hat in meinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt, indem er mir etwas vorgelebt hat, das mich geprägt hat.
Was war das?
Er war, bevor er wieder in den diplomatischen Dienst zurückgehrt ist, Schriftsteller. Er hat Bücher und Hörspiele geschrieben. Wenn ich als kleiner Junge von der Volksschule oder dem Gymnasium nach Hause kam, dann war er immer da und schrieb. Zu gewissen Abenden besuchten uns seine Freunde und dann wurde Pfälzer Wein aufgemacht. Wir lebten damals in Heidelberg. Und dann haben sie sich Hörspiele im Radio angehört, die mein Vater geschrieben hatte. Manchmal durften mein Bruder und ich zuhören und mußten dann allerdings ins Bett, als sie anfingen, zu diskutieren. Ich habe als Kind, ich weiß nicht, wie alt ich war, in Heidelberg beim Studio des Süddeutschen Rundfunks als Sprecher bei Kinderhörspielen mitgemacht. Und ich habe mal ein Manuskript geschrieben für den Kinderfunk des Hessischen Rundfunks über den großen und den kleinen Klaus. Aber das muß so schrecklich gewesen sein, daß die es mir prompt zurückgeschickt haben.
Geboren wurden Sie in Tokio. Haben Sie noch eine Erinnerung an Japan?
Ich bin mit knapp fünf Jahren nach Deutschland zurückgekommen und erinnere mich noch an das Dorf und das Haus, in dem wir in Japan gewohnt haben. Es war sehr idyllisch. Ein schöner See, in der Mitte ist eine Insel und das Ganze am Fuße des Fuji, dieses wunderschönen Berges. Ich habe einen etwas älteren Bruder und wir haben in einem Holzhaus gewohnt. Auch das sehe ich noch vor mir. Ein sehr einfaches Bauernhaus, es hatte unten ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Plumpsklo und einen sogenannten Ofuro, das ist ein Holzbottich, mit einem Ofen darunter und der Ofen wurde einmal in der Woche geheizt, weil dann alle nacheinander gebadet haben. Oben gab es zwei Zimmer, ein Schlafzimmer für die Eltern, eines für die Söhne. Mein Vater hielt Hühner. Wir hatten natürlich wunderbare Gelegenheiten zum Spielen. Es war so, wie man sich das als Kind nicht schöner vorstellen kann. Ich bin sehr viel später noch einmal dorthin gefahren. Das Haus gibt es nicht mehr. Da ist jetzt eine Brücke. Der See ist noch da. Ich erinnerte mich, daß in einem Waldstück ein Tempel lag, sehr verfallen. Wo mein Bruder und ich uns damals Bretter besorgt haben. Kinder brauchen immer Bretter, die müssen mit Brettern immer etwas machen. Hütten bauen oder Schiff spielen. Und ich stürzte in diesen Wald hinein und da steht ein neulakierter rot-weißer Tempel. Das hat mich gestört, weil ich ja im Kopf den alten Tempel hatte. Dann ist mir noch etwas ganz erstaunliches aufgefallen. In meiner Erinnerung stand der Fuji nicht da. Das war nur ein Bild. Das brauchte ich als Kind offensichtlich nicht. Aber der Fuji steht genau hinter dem See und es ist ein unglaubliches Bild. Wer den Fuji mal gesehen hat, wird ihn nie wieder vergessen, weil solch einen Berg gibt es nirgendwo in der Welt, so schön, so harmonisch.
Sie sind als Kind ins Nachkriegsdeutschland gekommen. Haben Sie daran noch eine Erinnerung?
Ja. Wir waren zuerst im Sauerland bei meiner Tante, also ganz im tiefen Sauerland. Rothaargebirge. Da stand in dem Tal noch ein zerschossener deutscher Panzer. Dann sind wir nach Heidelberg gezogen. Und in Heidelberg war das amerikanische Hauptquartier. Die Panzer fuhren durch die Straßen und es gab dann das erste Feuerwerk mit Schloßbeleuchtung. Zehntausende sind dahin gelaufen, da standen die Panzer und oben die Soldaten an den Maschinengewehren und schauten, ob die Menschen sich auch ordentlich benehmen würden.
Als Journalist sind Sie für die ARD beim Magazin Monitor gewesen und dann Korrespondent in Washington, Paris und New York. Wenn Journalisten auf ihre Vita sehen, erscheint ihnen die Zeit als Korrespondent als die Beste.
Ja. Ich würde das bestätigen. Die Zeit des Korrespondenten ist grandios gewesen, weil Sie inhaltlich eine riesige Bandbreite abdecken können und sehr unabhängig sind. Ich erinnere mich an die Zeit in Paris, daß ich mit einem Kollegen morgens beim Kaffee auf der la terrasse im Bistro sitze, um alles zu besprechen und eine schöne Sonne auf uns fällt, und wir sagen: Mensch, die bezahlen uns auch noch dafür. Ich bin von 1956 bis 1959 in einem Pariser Vorort in eine französische Schule gegangen, bedingt durch die Tätigkeit meines Vaters in Paris und habe dadurch das Glück gehabt, Französisch von den Franzosen zu lernen. Dadurch ist ein Teil meiner Identität durch Frankreich geprägt gewesen. Als ich 1968 als Hilfsschluffe zum WDR kam und 1969 de Gaulle zurücktrat wegen des verlorenen Referendums und ein Team nach Paris fuhr, hieß es, der Wickert kann mitfahren, der kann ja französisch. Immer, wenn etwas in Paris war, was unser Studio nicht bewältigen konnte, hieß es, da kann ja der Wickert hinfahren, der kann ja französisch. Irgendwann wurde die Position des zweiten Korrespondenten frei, dann ist das doch logisch, da kann der Wickert hinfahren. Das war nie etwas Bewußtes. Dann habe ich mir überlegt, wenn ich losfahre, was machst du eigentlich, wenn du da Korrespondent bist? Dann habe ich gesagt, eines willst du nicht, du willst nicht Klischees bedienen, sondern du willst erklären, warum die anders sind. Was ist Frankreich, was stellt Frankreich dar, was ist das grundsätzlich andere zu uns?
Was hat es eigentlich mit der Käsegilde auf sich, deren Mitglied Sie sind, Confrérie de Saint-Uguzon?
Bei mir um die Ecke in Paris, wo ich wohnte, gab es einen Käseladen, ganz klein. Der war so klein, daß die Leute Schlange standen. Da standen auch schon mal Cathérine Deneuve in der Schlange. Da habe ich mich nie getraut reinzugehen, weil ich gesagt habe, oh Gott, wenn ich reingehe und die fragen, was wollen Sie und ich sage Käse, dann lachen die und schauen mich sehr merkwürdig an. Und irgendwann bin ich reingegangen und habe gesagt, ich würde gern den Patron sprechen. Ein kleiner Mann, Roland Barthelemy. Ich sagte, ich bin vom deutschen Fernsehen und würde gern mal einen Bericht über Ihren Laden machen. Ja gern. Kommen Sie Dienstag vormittag, Montag haben wir geschlossen. Ich kam dann am Dienstag zum Drehen und durfte als Journalist jede blöde Frage stellen. Denn der Journalist muß ja Fragen stellen. Dadurch habe ich eine Freundschaft entwickelt zu diesem Käsehändler und er hat mir sehr viel über die Käse erzählt und dadurch habe ich erfahren, daß Käse nicht nur etwas ist, das man ißt, sondern daß dahinter eine große Kultur steckt. Daß es Leute gibt, die sich aufopfern, um den besten Ziegenkäse im Frühjahr zu machen. Man merkt, daß zum Beispiel mit dem Roquefort-Käse viel Kultur verbunden ist. Kultur, damit meine ich Legenden, Anekdoten, die aber ganz weit zurückführen und die das Verhalten der Menschen bestimmt haben. Das heißt, aus der Käseproduktion in Frankreich habe ich gelernt, daß es gewisse soziale Verhalten in Frankreich gibt, die durch die Produktion von Lebensmitteln bestimmt sind. Der Käse war die Nahrung der armen Leute.
Sie haben einen Essay geschrieben Deutschland auf Bewährung. Der schwierige Weg in die Zukunft. Da ging es Ihnen um ein aktuelles Verständnis deutscher Identität verbunden mit einem historischen Bewußtsein. Was glauben Sie, trägt die Debatte über Grass, auch Ihre erste Bücher-Sendung nach seiner Enthüllung, dazu bei?
Ich glaube, daß das Buch von Grass ein Diskussion darüber auslösen wird, wie muß man die Belastung von Menschen sehen, die in Diktaturen, nicht nur unter den Nazis, sondern auch in der DDR, irgendwo reingerutscht sind. Ich will das ganz bewußt so sagen. Günter Grass schreibt in diesem Buch, er habe das Glück gehabt, amerikanischer Gefangener zu werden. Wenn er russischer Gefangener gewesen wäre, wäre er vielleicht in der DDR gelandet. Vielleicht wäre er da ein überzeugter Bürger der DDR gewesen. Ich glaube, daß es ganz wichtig ist, daß wir immer wieder nach unserer Identität fragen.
Am 31. August ist Ihre letzte Tagesthemen-Sendung. Wissen Sie schon, wie Sie sich von den Zuschauern verabschieden? Wird es das Wetter sein?
Eine geruhsame Nacht auf jeden Fall.
Das Gespräch führte Michael Hanfeld.
Text: F.A.Z., 17.08.2006, Nr. 190 / Seite 40
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