Hochschulpolitik

Humboldt, der Amerikaner

Von Jürgen Kaube

Man denkt noch an ihn: Humboldt-Denkmal in Berlin

Man denkt noch an ihn: Humboldt-Denkmal in Berlin

20. Januar 2005 Keine Universitätsrede kommt ohne Humboldt aus. Aber welcher Humboldt ist gemeint? Der Auswanderer Humboldt. Denn kein Rückblick auf die Zeit, als deutsche Universitäten noch Weltachtung genossen, verzichtet auf den Hinweis, gerade die damals, im neunzehnten Jahrhundert erfolgte Gründung der amerikanischen Forschungsuniversitäten - Stanford, Cornell, Johns Hopkins, Chicago - habe sich an der preußischen Universitätsreform um 1800 orientiert. Heute gelten alle diese Universitäten und ihre staatlich fianzierten Pendants, in Kalifornien etwa, Wisconsin oder Pennsylvania, als vorbildlich, im Gegensatz zu den hiesigen. Wäre es da nicht am einfachsten, das Modell zu reimportieren?

Gemessen an den klassischen Programmschriften für die deutsche Universität, steht sie heute tatsächlich nicht gut da. Ihrer Idee nach sollte es um Bildung durch Wissenschaft gehen. Heute hat man Schwierigkeiten, auch nur zu erklären, was universitäres Studium anderes sein soll als ein Versuch, Berufschancen zu maximieren. Bei Humboldt hieß es hingegen, der Unterricht auf Universitäten habe ganz der Erkenntnis zu dienen. Die gegenwärtige Durchsetzung der Bachelorstudiengänge führt jedoch dazu, daß sich die Differenz von Lehre und Forschung endgültig als Form der Universität etabliert: spezialisierte Schnellkurse und Überblicksveranstaltungen für die meisten, für den Rest vielleicht Humboldt.

Was Humboldt, Fichte, Schleiermacher nicht ahnten

Dieser hatte einen "freien mündlichen Vortrag" gefordert, in dem Wissen nicht hererzählt, Forschung nicht einfach nur präsentiert wird, sondern Denken vorgeführt und der Erkenntnisvorgang selbst anschaulich gemacht wird. Fichte wünschte darüber hinaus eine "fortlaufende Unterredung" zwischen Lehrer und Student. Die Wirklichkeit heute ist, von glücklichen Ausnahmen abgesehen, vielerorts die Vorlesung, in der vorgelesen wird, was auch nachgelesen werden könnte, weil es bereits publiziert ist. Die Wirklichkeit ist das Seminar, in dem Referate zum einen Ohr hinein- und zum selben wieder herausgehen. Und die Wirklichkeit der fortlaufenden Unterredung ist die Sprechstunde, Mi 10 bis 12 Uhr in Raum KL 32/1091, bei der sich der Student vorstellt, weil ihn der Dozent nicht kennt.

Allerdings wich die Wirklichkeit von der Idee schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ab, als die deutschen Universitäten noch vorbildlich erschienen. Und auch schon damals war die Abweichung kaum zu vermeiden. Denn als Humboldt, Fichte und Schleiermacher von der Universität sprachen, hatten sie eine Wissenschaft vor Augen, die der heutigen wenig ähnelt. Sie ahnten weder etwas von naturwissenschaftlicher Forschung unter den Bedingungen hochgradiger Spezialisierung und Technisierung noch vom Bedürfnis moderner Nationalstaaten, immer größere Anteile der Berufswelt zu akademisieren. Sie ahnten also weder den Maschinenbau und die Betriebswirtschaftslehre noch das moderne Labor und die weltweit verknüpfte, also nicht in, sondern nur an der Universität stattfindende Forschung. Daß es für den Professor einmal unumgänglich sein würde, erhebliche Summen Geldes für Apparate einzutreiben, um überhaupt forschen zu können; daß Forschung die Verwaltung ganzer Mitarbeiterstäbe einschließt; daß die Universität zwischen einem Drittel und der Hälfte eines Geburtsjahrganges unterrichten soll - dies alles war weder vorgesehen noch vorstellbar. Von Rekrutierungsverfahren, die Fünfunddreißigjährige zur Notlüge zwingen, schon Ideen für hundert Aufsätze gehabt zu haben, ganz zu schweigen.

Idealismus als Form wirklichkeitsblinder Romantik

Wenn Idee und Wirklichkeit auseinanderfallen, muß das nicht gegen die Wirklichkeit sprechen. Immerhin könnte es ja sein, daß die Universitätsentwürfe um 1800 mit dem, was an Industriegesellschaft, Massendemokratie und wissenschaftlich-technischem Auflösungsvermögen erst noch entstehen sollte, einfach inkompatibel waren. Wenn das industrielle, demokratische und das technische Zeitalter eine andere als die ideale Universität verlangen, wird man sie ihnen dann nicht geben wollen?

Die gegenwärtige Bildungspolitik aller Parteien scheint diese Konsequenz zu ziehen. Für sie ist der Idealismus in Fragen der Bildung eine Form wirklichkeitsblinder Romantik und im Grunde ganz unverständlich geworden. Was man versteht und für funktionale Einrichtungen hält, sind außeruniversitäre Forschungsinstitute und Fachhochschulen. Also tut man alles, um die Universitäten den letzteren anzuverwandeln. Kein Beruf, von dem man sich nicht vorstellen kann, daß er durch ein universitäres Studium vorbereitet werden könnte. Nebenfachstudien sind im Rahmen der Bachelorabschlüsse nicht vorgesehen. Die der Universität zugemuteten Studentenzahlen lassen die Idee eines "forschenden Lernens" in den meisten Fächern als Witz erscheinen. Für die Vorstellung, an der Universität finde Erziehung statt, die im amerikanischen College ebenso institutionalisiert ist wie im englischen Tutorialsystem, gilt dasselbe.

Die Stärke guter amerikanischer Universitäten

Soeben hat im Rahmen der "Berliner Lektionen" der ehemalige Rektor der Universität von Stanford, Gerhard Casper den Zustand der deutschen Universitäten kommentiert. Dabei kam er auch darauf zu sprechen, was die amerikanischen Spitzenuniversitäten um 1890 herum von den deutschen gelernt hätten. Es waren nicht einfach die Postulate Humboldts. Vielmehr wurde aus dessen Forderung nach einer wissenschaftlichen Ausbildung der Eliten die Konsequenz gezogen, man brauche Spitzenforschung. Beim humanistischen Lehrplan der "Liberal Arts Colleges" und ihrer moralisch-allgemeinbildenden Erziehung konnte es darum nicht bleiben. Der Gegenbegriff zu Wissenschaft war also nicht, wie um 1800 in Deutschland, unfreies "Brotgelehrtentum", sondern: nicht auf Forschung beruhendes und nicht zu Expertentum führendes Wissen. Wie hätten sich auch ausgerechnet Universitäten, die mit dem Geld von Eisenbahnmillionären wie Leland Stanford und Ezra Cornell gegründet wurden, einen Affekt gegen Nützlichkeit und Berufswelt ins Programm schreiben können?

Der Unterschied zwischen den damaligen Gründungen heute berühmter Universitäten und der gegenwärtigen Universitätsreform in Deutschland ist darum auch nicht durch den Gegensatz von Humboldt-Idealen und bloßem Wirtschaftskalkül zu beschreiben. Er liegt vielmehr darin, daß die Vereinigten Staaten es verstanden haben, in beiden keinen Gegensatz zu sehen, sondern Elemente eines stark differenzierten Bildungssystems. Die Forschungsuniversität ersetzte nicht das College, sie ergänzte es. Zwischen Forschung und der Ausbildung für die Professionen wird ebenfalls institutionell innerhalb der Universität unterschieden. Niemand käme auf die Idee, aus Universitäten Fachhochschulen zu machen, nur weil Fachhochschulen, was niemand bestreitet, eine gute Sache sind. Die Stärke guter amerikanischer Universitäten liegt in ihrer Fähigkeit zur Integration unterschiedlicher Funktionen.

Wissenschaftler aus den Universitäten gelockt

In Deutschland hingegen werden derzeit weder die humanistische Bildung noch die innovationsgetriebene Wissenschaft als Komponenten der Universität ernst genommen. Caspers Befunde unterstrichen das. Man schiebt in Deutschland immer mehr Abiturienten in die Hochschulen, kürzt diesen aber fortlaufend die Mittel dafür, den quantitativ wie qualitativ veränderten Lehrumständen Rechnung zu tragen. Die Universität Mainz beispielsweise hat heute 35.000 Studenten, zwanzig Prozent mehr als vor fünf Jahren. Wie könnte es der Wissenschaftsminister dieses Landes wagen, irgendeine Idee von Universität in Anspruch zu nehmen, wenn in derselben Zeit das dortige Personal um fünf Prozent reduziert wird? Man kann so etwas höflich "Unterfinanzierung" nennen, aber auch einen kalten Zynismus, der Bildungsversprechen ablegt und zugleich dafür sorgt, daß sie nicht eingehalten werden können.

Doch nicht nur die Lehre, auch die Forschung leidet im Vergleich mit den Vereinigten Staaten. Denn "Einheit von Forschung und Lehre" setzt mindestens voraus, daß Universitäten überhaupt relevante Forschungseinrichtungen sind. In Deutschland wird alles getan, um die besten Wissenschaftler aus ihnen herauszuziehen. Eine ganze Armada von Einrichtungen außeruniversitärer Forschung steht bereit, interessante Wissenschaftler auf Karrierewege zu setzen, auf denen ihnen kaum mehr Studenten begegnen. Die Geringschätzung der Lehre in diesem Land ist ungeheuer, und die ebenso unkluge wie rücksichtslose Neigung vieler erfolgreicher Forscher, sich von der Lehre zu dispensieren, ist groß. Die Etats jener reinen Forschungseinrichtungen, die in den Max-Planck-, Helmholtz-, Leibniz- und Fraunhofer-Verbünden organisiert sind, sind überdies von den Sparzwängen der öffentlichen Haushalte weit weniger betroffen als die Universitäten.

Kein Parlament, keine Bank, keine Fußballmannschaft

Eine dritte Diagnose Caspers schließlich: Die deutsche Universität krankt daran, daß in ihr Demokratie gespielt wird. Das sorgt dafür, daß an manchen Universitäten mittwochs überhaupt nur Kommissionen arbeiten. Nur hat die Universität so viel mit Demokratie zu tun wie eine Bank oder eine Fußballmannschaft - nämlich gar nichts. Die Studenten sind weder ihre Bürger, noch - das unterstrich Casper gegen einen anderen sachfremden Vergleich - sind sie ihre "Kunden". Kunden werden nicht erzogen, belehrt und benotet.

Eine gute Universität hätte es nicht nötig, andere Organisationsmodelle zu beanspruchen, sie wäre selber eines. Humboldt und den Seinen schwebte ebendies vor, auch wenn sie nichts von den Bedingungen wußten, unter denen so etwas heute gelingen kann, weshalb ihre Schriften nur begrenzt informativ für eine gegenwärtige Universitätsverfassung sind. Eine gute Universität, so kann man Caspers Beschreibungen zusammenfassen, ist teuer, aber ihren Preis wert. Sie steht unter dem Primat der Forschung, was für die Lehre heißt, daß sie sich an Studenten wendet, die bereit sind, sich von Anfang an Forschungsanstrengungen zu unterziehen - wozu ihnen dann aber auch die Gelegenheit gegeben werden muß. Die Universität wendet sich also nicht an alle. Und sie bedarf einer professionellen Verwaltung, die durchsetzungsfähig, also kooperationsbereit, nach außen wirtschaftsfreundlich und nach innen an der wissenschaftlichen Sache interessiert ist.

Eine gute Universität würde darum weder einem Priesterseminar oder der Berliner Universität von 1815 noch einem Max-Planck-Institut, einer Volkshochschule oder einem Managementkurs ähneln. Sie würde überhaupt nichts anderem ähneln als guten Universitäten ihrer Gegenwart. Die gibt es, als private wie staatliche, und es ist nicht zu begreifen, warum das von der deutschen Hochschulpolitik seit vierzig Jahren nur gewußt, aber nie berücksichtigt wird. Wo ist der Entscheidungsträger, der Leute wie Gerhard Casper, die wissen wovon sie reden, wenn es um gute Universitäten geht, nicht nur zu Vorträgen einlädt, sondern zur Umsetzung dieses Wissens?

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005, Nr. 17 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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