Kafkas Sätze (18)

„Es war die leichteste Sache von der Welt“

Von Ingeborg Harms

23. Juli 2008 Dieser Satz spricht das Geheimnis des Kafkaschen Hungerkünstlers aus. Seinetwegen wird die gleichnamige Erzählung vielleicht bald auf dem Index landen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihrer Kampagne gegen den „Magerkeitswahn“ muss er ein Ärgernis sein, lautet deren Motto doch „Leben hat Gewicht“. Kafkas Hungerkünstler wiegt am Ende seiner Karriere fast nichts mehr, in einem Zirkus wird er mit einem Haufen faulen Strohs zusammengekehrt. Wer zu essen aufhört, hat keine Selbsterhaltungssorgen mehr, er erfährt eine Unabhängigkeit, die ihn aus der Gemeinschaft der um ihr tägliches Brot Bemühten heraushebt.

Ein von der Verdauung befreiter Körper ist leicht, er fordert keine Beachtung und überlässt den Geist seinen Höhenflügen. Zugleich ist niemand so einsam wie der Fastende, der das elementare Ritual des Essens nicht länger mit der Gemeinschaft teilt. Deshalb liegt dem Hungerkünstler so viel daran, bewundert zu werden. Das ist der einzige Grund, warum er seine Fastenvorführungen regelmäßig nach 40 Tagen abbricht. Denn dann versiegt erfahrungsgemäß das Interesse der Menge an dem Mann, der sich in einem Käfig in einem öffentlichen Saal wie ein Zootier ausstellt.

Eine Sehnsucht ohne Ziel

Auch Moses, Christus und Buddha fasteten 40 Tage, Symeon Stylites ließ sich sogar solange in seiner Zelle einmauern. Im Christentum dient die Nahrungsaskese der Läuterung, der Abkehr von der Welt und der geistlichen Sammlung. Die Visionen der Mystik gehen nicht selten auf Fastenperioden zurück. Nichts dergleichen wird vom Hungerkünstler berichtet. Gott ist für ihn in der Einsamkeit kein Gegenüber mehr. Das Hungern ist verschlankt auf sich selbst, besonders, als die Neugier der Menge versiegt. Nun wird das Fasten zur unbedingten Abwehr aller Sachzwänge, zum reinen Dasein, sogar über den Tod hinaus: „noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, dass er weiterhungre“.

Mit einem Satz schlägt Kafkas nüchterne Erzählung ins Mystische um. Hunger ist immer Hunger nach etwas, doch wie der Hungerkünstler mit letzter Kraft verrät, konnte er die Speise nicht finden, die ihm schmeckt. Er fastet nicht, weil er keinen Appetit hätte, sondern weil der so mächtig ist. Nur findet er keine Sättigung dafür. Er löst sich, mit einer Wendung, die Kafka fremd ist, in Sehnsucht auf. Man müsste seinen Hungerkünstler den größten Romantiker nennen, wenn die Speise der Romantik, die Liebe, ihm schmecken würde. Doch sein Geschmack geht auf etwas, das in der Welt nicht zu finden war. Etwas, von dem sich nur sagen lässt, dass der Hunger danach ihn überlebt.



Text: F.A.Z.

 
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