Peter Handke

Überall ist Auenland

Von Hubert Spiegel

02. Februar 2007 Man müsste einmal eine Landkarte zum literarischen Werk des Peter Handke zeichnen lassen. Wie würde, was sich im Regal breitmacht, Buchrücken an Buchrücken seit mehr als vierzig Jahren, in der geographischen Darstellung aussehen? Die Abtei, wo vor drei Jahren Don Juan zu Gast war, läge neben der Niemandsbucht, die wiederum grenzte an die Sierra de Gredos und die „Hochgrube Hondareda“ aus dem Roman „Bildverlust“ von 2002. Mittendrin wären das Wäldchen des Apothekers von Taxham und der geliebte Mont Ventoux.

Dörfer, überall Dörfer. Oder doch nur eines, nämlich immer dasselbe? Von der Wüste in den Wald, vom Wald auf den Berg, es ist immer nur ein Katzensprung, eine Sache von wenigen Schritten, Seiten, Sätzen. Die Gesetze von Zeit und Raum sind hier außer Kraft gesetzt. Wer hier reist, richtet sich nicht nach Karte, Kompass oder den Himmelsrichtungen, er folgt der Stimme des Erzählers. Wer ihr nicht folgen mag, wird verstoßen. Und auch wer ihr folgt, setzt sein Leben aufs Spiel. Denn er könnte umkommen vor Langeweile.

Ringsum lauert das Böse

Die Handke-Welt weist mittlerweile starke Ähnlichkeit auf mit Tolkiens Auenland, ein gesegnetes Fleckchen, wo brave Leutchen ihr frisches Brot gemeinsam brechen. Aber ringsum lauert das Böse, vielleicht ist es sogar schon eingesickert. In „Kali“, der neuen „Vorwintergeschichte“ Handkes, liegt das Auenland irgendwo in Europa, dem „Vereinten Europa“, und besteht vor allem aus einem Salzbergwerk, der dazugehörigen Knappensiedlung sowie dem leuchtenden Salzberg, der die Landschaft beherrscht wie ein an Land gespülter weißer Wal. Hier leben und arbeiten die „Auswanderer“, die aus aller Herren Ländern kommen. Früher haben die Menschen hier eine neue Heimat gefunden, aber „Flüchtlinge des neuen Jahrtausends“ werden nirgends mehr heimisch. „Manchmal scheint mir“, so sagt der „Grubenherr“, der Leiter des Salzbergwerks, „sie sind die Überlebenden des Dritten Weltkriegs, der rund um uns schon seit langem wütet, unerklärt, wenig sichtbar, aber umso böser. Sicher ist: sie sind Überlebende und haben in ihrem Überlebenskampf jede Kraft verloren. Von Grund auf Verwirrte sind sie.“

Also eine Opfergemeinschaft, die arbeitet, im Salzbergwerk, und betet, und zwar von „morgen bis abends“. Denn jede Handlung dieser Überlebenden kann ein Gebet sein, das Schuheputzen ebenso wie mit den Zehen zu wackeln, Finger zu spreizen oder Türklinken zu drücken. Nichts ist profan in Handkes Auenland, und so zeigt sich der Erzähler auch gehörig beeindruckt: „Es ist ein wildes Beten, wie ich noch kein erlebt haben, ein wildes, wildes.“ Natürlich betet keiner für sich selbst, sondern für die „Abwesenden“, für die, die „sie verloren haben, nein, fast verloren haben . . . für diese Fastverlorenen beten sie“.

Eine geheimnisvolle Fremde

Dummerweise zählt zwar jede Tätigkeit zum Beten, aber nicht das Lieben, schon gar nicht die körperliche Liebe. Deshalb wurde der Gemeinschaft kein Kind mehr geboren. Das ist umso ärgerlicher, als die Kinder, die es doch irgendwie geschafft haben, gezeugt und geboren zu werden, auf geheimnisvolle Weise verschwinden. Das letzte dieser Kinder ist seit knapp einer Woche vermisst. Es ist ein Fastverlorener der besonderen Art, und es scheint, als sei sein Schicksal mit der seltsamen Gemeinschaft verknüpft. Zum Glück kommt eine geheimnisvolle Fremde des Wegs, eine Sängerin und Finderin, die auf der Suche ist nach dem einen, ihr vom Schicksal vorherbestimmten Mann. Aber wenn sie ihn findet und sich mit ihm vereint, wird es, als hätten wir es nicht geahnt, beider Tod sein.

Auf Seite 9 gibt sich die schöne Unbekannte erstmals als Finderin zu erkennen, auf Seite 41 findet sie einen verlorenen Ring, auf Seite 53 eine Kontaktlinse, und so kann es nicht verwundern, dass hundert Seiten später auch das vermisste Kind gefunden ist. Handke inszeniert die Szene wie in einem schlechten Hollywoodfilm der fünfziger Jahre: Ein Rabe schreit auf dem Feld, eine Kirchentür öffnet sich, und „im Gegenlicht, nur als bloßer Umriss, erschien das wiedergefundene Kind“.

Schaut, schaut - hört, hört

Und so, unter schluchzenden Geigenklängen, mit Lichteffekten der schlichtesten Art und einer Metaphorik, wie sie abgedroschener kaum denkbar ist, steuert Handke auf das Ende zu, in dem die Gemeinschaft der Auswanderer die Rückkehr des verlorenen Kindes mit einem „Raunen“ quittiert und die Pastorin des Dorfes triumphiert: „Und es ist da. Ich und es sind da. Das Leben ist neu erschienen. Die Träume sind zurückgekommen: Schaut, schaut - hört, hört.“ Und damit noch der letzte seiner Leser begreift, dass Peter Handke in seinem immer kleiner werdenden Auenland nicht weniger versucht, als sich ein von ihm erwähltes Volk zu imaginieren, ein Volk der Heimatlosen und Entrechteten, wird die Gemeinschaft aufgefordert, zu ihrem Namen zu stehen, „wie die Juden stehen zu den Namen, die ihnen aufgestempelt wurden, ob Birnbaum, Buchwald oder Rosenzweig.“ Da macht es dann auch nichts mehr, dass der Schneewind persönlich der schönen Unbekannten die frohe Botschaft überbringt, dass sie ihre vermeintlich verbotene Liebe doch nicht mit dem Tod büßen muss: „Denn nirgends - steht - es - geschrieben.“

Schlichter, unbekümmerter, mit derart nachlässig aufgesetzter Einfachheit ist wohl noch keines der Bücher Peter Handkes dahergekommen. Mit dieser trüben Erlösungsphantasie gerät Handke allmählich in die betrübliche Nachbarschaft eines Robert Schneider und dessen Schmonzette „Die Luftgängerin“. Aber es könnte noch schlimmer kommen. Denn wenn nicht alles täuscht, hat Peter Handke mit diesem Buch eine Figur entworfen, der wir noch öfter begegnen werden.

Kette mit Totenschädeln

Der Titel seiner puderzuckerbestäubten „Vorwintergeschichte“ verweist ja nicht nur auf den Kalibergbau und das Salzbergwerk, sondern auch auf die geheimnisvolle Fremde, von der es in der ersten Zeile des Buches heißt: „Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen.“ Kali ist der Name einer der wichtigsten indischen Gottheiten. „Die Schwarze“ verkörpert die böse und gefährliche Seite der Gattin Shivas. Um den Hals trägt sie gern eine Kette mit Totenschädeln, aber einer ihrer zehn Arme ist stets segnend und trostspendend ausgestreckt.

Kali ist eine Göttin der Vernichtung und der Erneuerung, sie ist eine Verkörperung des Zorns, aber sie steht auch für das Leben. Sie ist die Zeit, die alles verschlingt, aber sie verschlingt auch alles Böse und nimmt es in sich auf. Sie ist die gütige Erdmutter, die im Blutrausch auf den nackten Leibern ihrer Feinde tanzt. Kurzum, sie ist die ideale Gefährtin für Peter Handke, der die Welt, wie er sie sieht, am liebsten mit Zerstörungs- und Kriegsphantasien überziehen möchte, und dabei von der Reinheit des Kindes träumt, das wieder einmal das letzte Wort behält: „Ah, wenn einmal ein Kind ins Erzählen kommt: Gehen von Menschen unter blühenden Bäumen . . .“ Handkes nächste Reise dürfte nach Indien führen. Dann gehört auch Indien zum Auenland.

Peter Handke: „Kali“. Eine Vorwintergeschichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 161 S., geb., 16,80 Euro.



Text: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite Z5
Bildmaterial: AP

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