
Islands Premierminister Geir Haarde gibt bekannt, dass seine Koalitionsregierung angesichts der sich vertiefenden Finanzkrise auseinandergebrochen ist.
26. Januar 2009 Halldór Gudmundsson wurde 1956 in Reykjavik geboren. Er studierte Literaturwissenschaften in Island und Kopenhagen, war lange Jahre Verlagsleiter von Islands größtem literarischem Verlag Mál og Menning und bereitet derzeit Islands Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011 vor.
Heute hat die isländische Regierung aufgegeben. Davor gab es ungewohnte Bilder aus Island, von Feuer legenden Demonstranten und Polizisten, die dagegen mit Tränengas vorgehen. Wieso hat die Bevölkerung so spät - immerhin vier Monate nach dem Zusammenbruch des Finanzsystems - und so heftig protestiert?
Island Geschichte ist von Naturkatastrophen geprägt, und so sah man die Krise als eine Art Flutwelle, die von Amerika kommend auf die Insel überschwappt. Das Volk bewies viel Geduld, wartete lange ab, und erst, nachdem Tag für Tag Enthüllungen über das Treiben der Bankenvorstände und Politiker, über das Versagen der Kontrollorgane an die Öffentlichkeit erschüttert haben, erkannten die Isländer, dass das Land selbst seine Krise verursacht hat. Dem ersten Schock folgte die Wut. Wut darüber, dass kein einziger der Mitverursacher der Krise Verantwortung übernommen hat, obwohl vielen der Beteiligten die Folgen ihres Tuns wahrscheinlich bewusst waren. Bloß taten sie nichts. Dabei wird von Tag zu Tag klarer, dass dieses Finanzsystem auch ohne diese Flutwelle nicht lange überleben hätte können und dass das Ausmaß der Katastrophe noch schlimmer als zunächst angenommen ist.
Es ist tatsächlich schwer nachvollziehbar, dass ein ganzer Staat beinahe bankrott geht und niemand persönliche Konsequenzen zieht.
Die Regierung hat nicht gemerkt, dass sich der Diskurs über Schuld und Verantwortung in der Bevölkerung geändert hat. Verantwortung zu übernehmen hat in der isländischen Politik keine große Tradition. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es nur zweimal den Fall, dass ein Minister zurückgetreten ist. Das wird eine der großen Umwälzungen sein, die Island widerfahren wird: politische Verantwortung wird zukünftig stärker eingefordert werden.
Wer organisierte die Proteste?
Es waren weder die Oppositionsparteien, noch die Intellektuellen - die mischten sich ein, waren aber bei den Protesten nicht federführend. Vielmehr war es ein Aufstand, bei dem unterschiedlichste Bürger beteiligt waren. Vom Rentner, der seine Ersparnisse verloren hatte bis zum anarchistischen Jugendlichen. Es waren die größten Proteste seit dem Nato-Beitritt 1949, und die Organisation lief größtenteils über das Internet. Gerade habe ich etwa über meinen Facebook-Account erfahren, wo und wann der Rücktritt der Regierung gefeiert werden soll.
Machen sich die Bürger nicht auch selbst Vorwürfe? Immerhin haben sie von dem fatal beendeten Goldrausch auch profitiert.
Die Isländer haben von dem Reichtum profitiert, aber nicht alle gleichmäßig. Es gab eine neue Gruppe von Superreichen. Die sind mit ihren Privatjets in Reykjavik, in der Stadt gelandet, und haben sich Elton John zur Geburtstagsfeier eingeladen. Selbst der Präsident lobte die neuen Wikinger, wie sie genannt wurden, und zog gewagte Parallelen zu den alten Seeräubern im Nordatlantik. Das war eine ungesunde Entwicklung, gerade für so ein kleines Volk wie die Isländer. Auch gegen diese Neureichen richtet sich nun die Wut der Normalbevölkerung. Die, die jetzt auf die Straße gehen, sind durchaus selbstkritisch: sie werfen sich aber weniger vor, von dem System profitiert zu haben, sondern eher, nicht viel früher dagegen protestiert zu haben.
Wie sehr hat das Selbstvertrauen der Isländer gelitten?
Natürlich hat der Reichtum das Selbstbild mitgeprägt. Nun heißt die Maxime Rückbesinnung auf die traditionellen Werte. Auch wird man über einen EU-Beitritt und eine Währungsreform nachdenken. Das wird auch eine große, spannende Herausforderung nicht nur für den neuen politischen, sondern auch für den neuen intellektuellen Diskurs im Land.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP
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