18. Oktober 2006 Als Paul McCartney sagte: Pop music is the classic music of today, war manche Schlacht zwischen E- und U-Musik schon geschlagen; entschieden war die Sache freilich noch nicht. Der Fusionsunsinn des Pop goes Classic stand erst bevor, seine Ausläufer spüren wir heute noch. Geht man einige Schritte hinter diese Entwicklung zurück, dann bekommt man eine Figur in den Blick, die für die Rockmusik vermutlich mehr getan hat als jede andere: Auch wenn Bill Haley die rhythmische Betonung erfand, Elvis Presley als der Prototyp erschien und Ike Turner diese Musik überhaupt zum allerersten Mal spielte - das Herz des Rock'n'Roll ist Chuck Berry.
Ihm fiel es zu oder sagen wir: Er wagte es, der klassischen Musik ganz offen den Kampf anzusagen. Obwohl schon die Existenz des Neuen als Provokation empfunden wurde, so war es doch erst Roll Over Beethoven, das die kulturelle Auseinandersetzung auf eine bis dahin unübliche Weise entschied. Der Jazz, der Blues und der Country hatten sich ihre Existenzberechtigung weitgehend ohne offensive Gesten gesichert; Chuck Berry schubste Beethoven einfach von der Tanzfläche.
Das Leben? Eine Ansammlung von Banalitäten
Auch wenn der Text etwas anderes meinte - der Song wurde sofort als Schlachtruf verstanden, der, beispielsweise bei den Beatles, lange nachhallte und im Grunde bis heute nicht verstummt ist. Die Wirkung nicht nur dieses Songs ist kaum denkbar ohne das Selbstbewußtsein eines Mannes, der nur wenig später als die eigentlichen Pioniere die Bühne betrat, im Herbst 1955, aber zehn Jahre älter war als die meisten von ihnen. Daß Chuck Berry dennoch zum Teenageridol wurde, verdankte sich seiner wohl wichtigsten Qualität: der Identifikationskraft seiner Lieder, die in ihrer Detailgenauigkeit weit über vergleichbares Material hinausgingen, ohne an Anheizerpotential einzubüßen.
Chuck-Berry-Songs erzählten von gleichsam archetypischen Situationen, in denen sich das Lebensgefühl der damals jungen Generation verdichtete. Ihr schlau ersonnenes und bis heute nicht widerlegtes Erfolgsrezept waren Simplizität und Direktheit: Was ist das Leben? Eine Ansammlung von Banalitäten. Chuck Berry zeigte uns, daß Rock'n'Roll etwas im besten Sinne Alltägliches ist. Seither wissen wir, daß die richtige Telefonnummer (Memphis Tennessee) oder das passende Auto zum Privatrennen (Maybelline; der von Berry wohl erstmals formulierten Analogie zwischen Technik/Motor und Liebesspiel bedient sich Mick Jagger bis heute) wichtiger sein kann als allgemeinere soziale Tatsachen.
Bis heute voller Energie und Lässigkeit
So beschallte Chuck Berry ein Jahrzehnt, das oft als rückständig abgetan wird; dabei war er der Zukunft zugewandt: Hail, hail rock and roll, deliver me from the days of old, heiß es in School Days, einem dieser nicht tot zu kriegenden Songs, die eingingen ins Rock'n'Roll-Gedächtnis, das von den unterschiedlichsten Interpreten angezapft wird und sehr wesentlich aus Chuck Berrys Songs besteht: Come On, Carol, Johnny B. Goode, Rock and Roll Music, Havana Moon, Around and Around, Sweet Little Sixteen. Die Revolution, zu der er blies, war freilich, im Gegensatz zum Punk, eine, die selber noch Werte hatte.
Als aber in England der Beat entstand, der ohne diese unglaublich kompakten, von Berrys Gitarrenchorussen spektakulär angetriebenen Lieder nicht denkbar wäre, saß Chuck Berry im Gefängnis; es war nicht das letzte Mal. Der vielfach um Tantiemen Geprellte und dementsprechend Mißtrauische, Übellaunige kehrte oft zurück, ohne sich je dabei zu blamieren, etwa 1972 mit dem schlüpfrigen My Ding-A-Ling, das mit urwüchsiger Gewalt über eine hybrid gewordene Szene kam. Bis heute gehen seine Darbietungen aufgrund ihrer Energie und Lässigkeit über Nostalgieveranstaltungen souverän hinaus. An diesem Mittwoch wird Charles Edward Anderson Chuck Berry, die legitime Vaterfigur des Rock'n'Roll, achtzig Jahre alt.
Text: F.A.Z., 18.10.2006, Nr. 242 / Seite 39
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Anna Meuer, Cinetext/Morgan
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