Partnersuche im Internet

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Von Andrea Jeska

Auf dem Weg zum Kontaktgesuch wird aus einem Menschen schnell ein Scherenschnitt

Auf dem Weg zum Kontaktgesuch wird aus einem Menschen schnell ein Scherenschnitt

05. Juli 2008 Der Erste, den sie traf, hieß Bernhard. Als Beruf hatte er „Führungskraft“ angegeben. Bernhard und sie verbanden 63 von 100 möglichen Matching-Punkten. Das war im oberen Drittel und schon ziemlich viel an Übereinstimmung. Bernhard hatte in sein Profil geschrieben, er wandere gern und sei ein ernsthafter, gebildeter Mensch. In ihrem psychologischen Diagramm hatten beide ein überdurchschnittliches Verlangen nach emotionaler Stabilität und eine unterdurchschnittliche Fähigkeit, ihre seelischen Bedürfnisse unmittelbar zu befriedigen.

Als sie Bernhard eine Kontaktanfrage schickte, war sie seit vier Wochen als Premium-Mitglied einer Partnerschaftsvermittlung im Internet angemeldet, die damit warb, der Liebe durch Wissenschaft zum Erfolg zu verhelfen. Sie hatte die Laufzeit eines halben Jahres gewählt, um den Mann zu finden, „der Sie so liebt, wie Sie sind“, so zumindest war es ihr angekündigt worden. Darüber hatte sie lächeln müssen, über diesen kindlich-naiven Wunsch: das Geliebtwerden ohne Einschränkungen. Die Gesamtmitgliedschaft kostete sie gut hundertsiebzig Euro. Geld, das sie eigentlich nicht übrig hatte, eigentlich wäre der Geschirrspüler endlich zu reparieren und eigentlich die Wände mal wieder zu streichen. Es langte ohnehin hinten und vorne nicht, schon deshalb hatte sie ein schlechtes Gewissen.

Ein doppelter Spiegel

Eine ganze Woche hatte sie gebraucht, ihr „Ich über mich“ auszufüllen. Die Frage, wer sie sei, wie sie sei, hatte sich lange nicht mehr gestellt. Sie war siebenundvierzig, da hatte sie die Identitätssuche doch eigentlich hinter sich. Sie misstraute den Worten, den wenigen, die in die Spalten passten. Was immer sie schrieb, es wurde daraus ein doppelter Spiegel. Hier, was sie in sich sah. Dort, was der andere in ihren Worten sah. Was würde ankommen von dem, was sie wirklich war?

Die Ratschläge unter dem Link „Rat“ dafür waren: Lieber zu wenig als zu viel verraten. Die eigenen Macken nicht in den Vordergrund stellen. Kein Gejammer. Sich nicht kleiner und hässlicher machen, als man ist. Sich nicht größer und schöner machen. Präzise sein. Individuell sein. Und nicht: „Eigentlich glaube ich ja nicht daran, hier jemanden zu finden, aber versuche es dennoch. Nichts Neues beginnt mit der Resignation.“ Das fand sie endlich lustig und motivierend.

Fünf Worte für das Äußere. Sie schrieb: zierlich, blond, blauäugig. Zwei Wörter fehlten, doch mehr fiel ihr nicht ein. Am anderen Tag löschte sie alles und schrieb: Gut. Schlecht. Strahlend. Müde. Ich.

„Egal“ bei jeder Frage

Unmöglich zunächst auch, zu definieren, was für eine Art „Partner“ sie wollte. Von „einem, der meinen Gedanken folgt, einem, mit dem ich das Leben teilen kann“, stand da nichts. Stattdessen geographische Festlegung, Größe, Körperstatur, Raucher, Nichtraucher, geschieden, verwitwet, Kinder ja oder nein.

Aus Sorge, den Passenden zu verfehlen, wenn sie ihre Suche einschränkte, kreuzte sie bei jeder Frage „Egal“ an. Daraufhin erhielt sie 2210 Partnervorschläge. Das war ihr unheimlich, und darum schränkte sie die Suchkriterien ein. Sie nahm Österreich und die Schweiz heraus, erhöhte die Körpergröße auf ihre eigene, senkte das Alter auf fünfundfünfzig. Das waren immer noch acht Jahre mehr als ihres. Danach blieben 771 Möglichkeiten, die Liebe zu finden und dem triumphalen Slogan „Ich hab ihn“, mit dem die virtuelle Partnervermittlung warb, zu einem weiteren Erfolg zu verhelfen.

Sie war seit dreieinhalb Jahren allein mit den vier Kindern. Eines war fast erwachsen, eines noch klein und hatte eine Lernschwäche. Wenn von 771 nur ein Zehntel anständig war und von diesem ein weiteres Zehntel eine wie sie wollte, würde sie bald nicht mehr allein sein. Das war ihr ein schöner Gedanke.

Immer war sie gegangen

Immer war sie diejenige gewesen, die aus den Beziehungen gegangen war. Den Wunsch, jemanden zu finden, mit dem sie leben wollte, hatte sie dennoch nicht aufgegeben. Er hatte sich nur als nicht lebbar erwiesen, aber dieses Scheitern, so ehrlich war sie, reflektierte sie als Brüche in ihr. Die Sehnsucht blieb, auch wenn die Beziehungen vergingen und die Erfüllung immer schwerer wurde mit jedem weiteren Lebensjahr und mit jeder entschwundenen Illusion.

An einem Sonntagnachmittag, die Kinder waren unterwegs, setzte sie sich hin und las das Persönlichkeitsprofil, das die Agentur von ihr erstellt hatte. Dafür hatte sie sich bei einem Test im Internet zwischen Kreisen und Dreiecken, zwischen Blau und Grün entscheiden müssen, hatte Formen und Farben nach Präferenzen ausgesucht. Nun war, was sie ist, in achtzig Seiten eingeschrieben, im pdf-Format.

Auf dem ersten Blatt des Profils hieß es in einer Art Einleitung: „Das Liebespaar gehört zu den größten Mythen der Menschheit. Nichts scheint erstrebenswerter als die Liebe zwischen zwei menschlichen Wesen, die füreinander geschaffen, vom Schicksal füreinander bestimmt worden sind. Und nichts wäre trauriger, als ein Leben lang vergeblich nach dieser Liebe zu suchen. Zu den bedauernswertesten Geschöpfen der Literaturgeschichte zählt nicht von ungefähr das Androgyn aus Platons ,Gastmahl'. Von einem wütenden Gott in zwei Hälften geteilt, irren seine Teilabschnitte seither unglücklich und unvollkommen auf der Suche nach ihrer anderen Hälfte umher. Ähnlich beschwerlich gestaltet sich für viele auch heute die Suche nach einer verwandten Seele.“

Ausgeprägte Rückzugstendenz

Was sie über sich erfuhr, war nicht neu. Nur in Worten ausgedrückt hatte sie es nie gesehen. Ihr Bedürfnis nach Nähe und Distanz, Kontakthemmungen, Bedürfnis nach Alltag, geregeltem, männliche Seite, Kompromissbereitschaft. Ihre Rückzugstendenz war stark ausgeprägt, es war ihr nicht gutgegangen an dem Tag, als sie das Persönlichkeitsprofil ausgefüllt hatte. An jedem anderen hätte sie leuchtendere Farben, weichere Formen gewählt.

Ihre erste Lektion in der Welt der virtuellen Partnersuche war also diese: Sie war zur Ware geworden. Sie sollte für sich werben. Für die Komplexität ihrer Biographie und ihrer Persönlichkeit war in der Selbstdarstellung kein Platz, und was von ihr, die viel auf sich hielt, blieb, als sie ihr Profil ausgefüllt hatte, schien ihr kümmerlich zu sein. Zu Markte getragen, war ihr Wert plötzlich gering.

Nachts hatte sie sich hingesetzt, verschämt irgendwie, bestrebt, nur ja die Kinder nicht merken zu lassen, dass ihre Mutter einen Gefährten suchte. Sie hatte sich ungefähr 200 der 771 Vorschläge angesehen und fünf Männern geschrieben. Sie meint, es sei gleich am Anfang gewesen, als sie zum ersten Mal jene Antwort auf ein Kontaktgesuch erhielt, mit der man sich unter den Mitgliedern der Agentur klarmachte: du nicht. „Sie werden verabschiedet.“ Sie erinnert sich auch noch genau an ihr Erschrecken darüber.

Die schönste aller Hoffnungen

Auf ihre ersten, unsicheren Kontaktanfragen erhielt sie entweder keine Antwort, eine ablehnende oder eine plumpe Antwort. Das sah sie als Bestätigung ihrer Kümmerlichkeit. Bis sie begriff, dass nichts davon persönlich gemeint war, ging es ihr schlecht. Bislang, trotz aller Täuschungen, Enttäuschungen, war die Liebe etwas Mystisches für sie gewesen, die tiefste und schönste aller Hoffnungen. Vielleicht war sie romantisch, aber sie hatte in jedem den Gleichklang gesucht, das Rilkesche, sagt sie: „Alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich.“

In der virtuellen Welt schien es keinen Platz für dieses Anrühren zu geben, das Hinwegheben der Seele. Eine Welt der Regeln, marktwirtschaftlich ausgerichtet: Ich biete, ich suche, und unter dem Strich musste die Bilanz stimmen. Da gab es die gleichaltrigen Männer, die noch eigene Kinder wollten. So wurde ihr bewusst, dass ihr biologisches Verfallsdatum überschritten war. Plötzlich fühlte sie sich alt. Dann gab es die älteren Männer, die keine Kinder mehr wollten. Jedenfalls nicht die anderer Männer. Was sie liebte, behütete, war anderen eine Zumutung. Plötzlich fühlte sie sich wertlos.

Willst du mit mir gehen?

Es gab solche, die wollten Sex. Oder zumindest wissen, was sie von Sex halte. Ob es ihr wichtig sei. Sie sah keine Notwendigkeit, solche Fragen zu beantworten. Es gab Mails, die mit „Hallo“ anfingen und aus zwei Sätzen bestanden oder alberne Fragen stellten, um Übereinstimmungen zu erkunden. Was eine Frau zum ersten Date anziehe. Welchen Teil der Zeitung sie zuerst lese. Die vermeintliche Belohnung für Übereinstimmungen war meist eine Zumutung. Einer wollte ein Nacktfoto schicken, ein anderer ein Foto seines Wohnzimmers, eine Einladung zu einem Kaffee war noch die bürgerlichste Variante. Es erinnere, sagt sie, an die Briefe aus der Grundschule mit der Frage „Willst du mit mir gehen?“ und den vorgefertigten Kästchen zum Ankreuzen: Ja. Nein. Vielleicht. Zurzeit nicht.

Nach den ersten Ablehnungen und dem ersten Kummer wurde sie nüchterner und überarbeitete ihr Profil, sie versuchte, ehrlich zu sein, aber ehrlich sah langweilig aus, traurig und unattraktiv.

Hobbys und Interessen? Die Kinder, der Haushalt. Sport? Wenn sie es schaffte, ging sie zum Aerobic. Die Antwort „Ich bin alleinerziehend und leiste die Arbeit, die sonst mindestens zwei erledigen, ich falle um neun Uhr ins Bett und stehe um fünf wieder auf“ gab es nicht. Also schrieb sie: Wandern, Theater, Aerobic, Sprachen, Literatur.

Lob und Bewunderung

Mit Bernhard mailte sie sich drei Wochen lang. Dann schickte er ihr sein Bild, das gefiel ihr. Ihres gefiel ihm auch. Doch nach siebzehn Mails war nicht ersichtlich, wen oder was er als Führungskraft führte. Sie hätte fragen können, aber traute sich nicht. Es erschien materialistisch.

Sie schrieb ihm Alltägliches aus ihrem Leben. Er schrieb ihr nichts aus seinem. Er lobte und bewunderte nur. Sie erzählte, dass sie Lehrerin sei, ihre Kinder aus zwei Lebensgemeinschaften habe und mindestens einmal im Monat ins Theater gehe. Außerdem am liebsten in Österreich wandere. Er antwortete, sie habe eine poetische Ausdruckskraft. Sie fand das maßlos übertrieben. Dann schrieb sie ihm, wie wichtig ihr die Kinder seien. Er antwortete, die Tiefe der Liebe, die aus ihren Worten spreche, habe ihn berührt.

Sie wollte ihn verabschieden, dann dachte sie, sie müsse lernen, dem Leben eine Chance zu geben. Also bat sie um ein Treffen. Es ergab sich, dass Bernhard eine Woche später in Bremen sein würde, dorthin konnte sie in einer Stunde mit dem Zug fahren. Sie verabredeten, essen zu gehen. Männer in Führungspositionen kannte sie nur als Anzugträger, also wählte sie ein schwarzes Kleid. Dass die Frage „Was ziehe ich an?“ noch einmal solche Relevanz erhalten würde, amüsierte sie. Für die Kinder hatte sie sich eine sorgsame Lüge ausgedacht, die ausschloss, dass sie sich meldeten. Wenn ihr der Mann gefiel, würde sie den Kindern von ihm erzählen. Wenn nicht, gab es keinen Grund.

Er war noch nie im Theater

Bernhard trug eine Cordhose und ein Hemd im Bauernkaro. Seine Schuhe waren abgetragen. Er wählte ein gutbürgerliches Restaurant und bestellte Cordon bleu. Sie bestellte nur einen Salat. Bernhard führte eine Firma, die Hausmeisterarbeiten erledigte. Er beschäftigte drei Mitarbeiter. Er gab zu, noch nie in einem Theater gewesen zu sein, aber das mit der Liebe zu den Bergen sei wahr. Während des Gesprächs hatte er traurige Augen, als leide er an sich selbst. Sie monologisierte, er lobte. Ihr Kleid, ihre Frisur, ihre Augen. Nach einer Weile ging ihr das so auf die Nerven, dass sie begann, ihre chaotischen Liebesbeziehungen auszubreiten. Den Regeln zum Trotz, die für das erste Date vorgesehen sind. Sie erzählte von ihren Kindern, ihrer Verwöhntheit und ihren Zickigkeiten, ihrem Überdruss am Job und dass nie das Geld langte. Bernhard nickte und lobte ihre Ehrlichkeit, ihre Stärke. Nach zwei Stunden gab sie erschöpft auf und ging. Er meldete sich nicht wieder.

Der Zweite hieß Andreas und war Buchhändler. Er lobte nicht, er klang ehrlicher, ruppiger, und wie sie hatte er mehrere gescheiterte Beziehungen und aus jeder dieser Beziehungen Kinder. Sie hatten sich vier Wochen lang geschrieben, dann ein Treffen verabredet. Sie trafen sich in seinem Buchladen, die letzten Kunden gingen gerade, sie hatte noch Zeit, ihn zu beobachten. Er wirkte freundlich, ein wenig übertrieben charmant zu den Frauen, ein wenig zu glatt für ihren Geschmack. Er begrüßte sie mit einem gehauchten Wangenkuss, sein Atem roch nach Pfefferminz, sein Gesicht nach einem angenehmen Aftershave. Das Restaurant, das er ausgewählt hatte, war stilvoll, das Essen wunderbar, ganz unerwartet glaubte sie auf einmal, auf dem richtigen Weg zu sein.

Trennungen und Wunden

Den Abend über erzählten sie sich von ihren Trennungen und den Wunden. Andreas sagte Sätze wie: „Wir haben viel gelebtes Leben hinter uns.“ Es klang, als gefiele ihm all dieses gelebte Leben. Er gab ihr Feuer, als sie rauchte, er war einer von jenen, die gerne tief in die Augen blickten, und so alt sie war, es machte sie ganz wirr. Als sie zur Toilette ging, hatte sie wirklich weiche Knie. Als sie wiederkam, brachte Andreas das Gespräch auf seine sexuellen Frustrationen, wie seine Frau ihn im Bett verhungern ließ. Sie sagte, sie glaube, das gehe sie nichts an, da war er ein wenig beleidigt. Am nächsten Tag bedankte sie sich telefonisch für den netten Abend, er bedankte sich seinerseits.

Danach überarbeitete sie ihr Profil wieder. Sie fand Gefallen daran, sich selbst zu definieren, ihre Wünsche zu prüfen. Manches, was über die Jahre nebulös war, wurde klar. Eine Weile erlag sie sogar dem Schwarzweißdenken dieser virtuellen Ebene. Sie fand Beschreibungen für sich, die sich auf Adjektive beschränkten, und empfand ihre innere Brüchigkeit weniger. Es hielt nicht lange an.

Ohne Schmerz und ohne Schicksal

Sie schrieb einem, der war Witwer, er schrieb ihr zurück, er schickte sein Bild und war so hübsch, so intensiv in den Augen, dass sie Herzklopfen hatte. Sie dachte, einer, der verwitwet ist, weiß um Scheitern und Schmerz, um Schicksal und Trauer, sie schrieb ihm lang und ehrlich. Er habe bei einem Autounfall seine Frau und seine Tochter verloren, schrieb er zurück, einem Autounfall, den er verursacht habe, und deshalb sei sie ihm zu schwer. Er wolle eine, mit der er Drachen fliegen und um die Welt segeln könne, eine ohne Schmerz und ohne Schicksal. Er wolle leben, und er wolle vergessen. Erschrocken löschte sie ihn.

Es kamen Peter und noch ein Andreas, Rainer und ein Günther, alle waren nett, sogar lustig, sie verbrachte angenehme Abende in Restaurants, in die sie nie gegangen wäre. Aber in keinen verliebte sie sich, sie erwartete das auch nicht mehr. Manchen traf sie zweimal, und Günther und Rainer hatten ihr geschrieben, als sie eine Frau fanden, mit der sie es versuchen wollten. Sie lernte Bernd, den Atomforscher, kennen, Harald, den Kulturwissenschaftler, Michael, den Lastwagenfahrer mit Literaturstudium. Er fuhr Äpfel von Italien nach Schweden. Mit ihm freundete sie sich an, und weil sie wusste, wie er es hasste, anzukommen und niemand wartete auf ihn, ließ sie sich seinen Fahrplan geben und rief ihn an, wenn er wieder nach Hause kam. Dafür schraubte Michael an ihrem Wagen, und manchmal trafen sie sich und redeten über Bücher.

Die perfekte Frau

Sie stellte fest, dass jene Männer, die in ihrem Profil „gutaussehend“ angegeben hatten, ihr am wenigsten gefielen. Die Eitelkeit, die aus dieser Selbstbeschreibung schimmerte, war auch im Leben vorhanden. Wenn einer schrieb, er lebe in Trennung, antwortete sie nicht. Sie würde sich vorkommen wie ein Notnagel.

Dann kam wieder ein Witwer, der Sohn drei Jahre alt. Sie hatte Bilder gesehen, niedlich irgendwie, alle beide, Bastian und Felix hießen sie. Sie schafften es bis zum ersten Telefonat. Nach kurzer Einleitung erzählte Bastian vom Sterben, vom langsamen, schmerzvollen Krebstod seiner Frau. Er erzählte eine Stunde lang. Die große Liebe. Die perfekte Gattin, die aufopfernde Mutter. Habe immer gekocht, erst jetzt merke er, wie viel Arbeit sie gehabt habe. Und nun sei er so einsam. Und Felix auch. Sie zwang sich, durch die Zähne freundlich zu antworten. Sie sagte, sie koche nicht gerne. Und ein bloßes Dasein als Ehefrau und Mutter könne sie sich nicht vorstellen. Sie sei es nicht gewohnt, einen Mann zu versorgen. Es scheine ihr nicht erstrebenswert.

Die Erfolge der anderen

Und dann waren die sechs Monate ihrer Mitgliedschaft irgendwann vorüber. Noch immer war der Geschirrspüler nicht repariert, die Wände waren nicht gestrichen. Sie las die Erfolgsgeschichten von Kai, 45, Verwaltungsangestellter, und Rita, 43, Einzelhandelskauffrau. Oder von Sebastian, 31, Textildesigner, und Sabrina, 28, Werbefachfrau. Sie las sich durch siebenunddreißig Erfolgsgeschichten, das entsprach der angegebenen prozentualen Erfolgsquote der Partnerschaftsvermittlung.

Da gab es jene, die schrieben sich sofort, trafen sich nach zwei Wochen, landeten am selben Abend im Bett und waren ein Jahr später verheiratet. Dann gab es jene, die mochten sich erst nicht, gaben sich eine zweite Chance und manchmal auch noch eine dritte. Es gab welche, bei denen klappte es, weil sie so nahe beieinander wohnten, und andere, bei denen klappte es, obwohl sie so weit auseinander wohnten. Es gab Frauen, die hatten sechs Kinder und dreißig Kilo Übergewicht und fanden dennoch jemanden, den Deckel auf dem Topf, es gab Männer, die waren arbeitslos und Kettenraucher, und auch für diese ergab sich eine Liebe. Für jede eventuelle Vermittlungsschwierigkeit gab es eine Erfolgsgeschichte, aber sie bezweifelte deren Authentizität und bedauerte die Redakteurin, die sich diese Geschichten ausdenken musste.

Sie verlängerte nicht.

Was es ihr brachte?

Sie zögert mit der Antwort. Erfahrung in erster Linie. Über sich selbst und andere. Versöhnung mit ihrem eigenen Lebensweg. Die der anderen waren auch nicht gerade. Die Erkenntnis, die ganz persönliche ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit: Die Liebe ist doch ein Zufall. Das Internet, sagt sie, sei die Illusion der Machbarkeit. Wenn die Begegnung mit dem Richtigen nicht mehr dem Schicksal überlassen wird, bedeutet das, ich bin nicht Opfer. Ich kann handeln und lenken. Gerade jene, die sich wie sie gescheitert fühlen, sind froh, wenn sie nicht mehr Opfer sein müssen. Wenn man die Liebe durch Wissenschaft, durch die psychologisch untermauerte Abstimmung der Persönlichkeit erhalten kann, dann gibt es kein Schicksal mehr. Ein schöner Gedanke, sagt sie. Aber falsch.

Womit wir wieder bei Rilke wären: „Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand?“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Frank Röth

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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