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Das Jammerbarometer

Von Marion Tegethoff

Deutschland im Tief

Deutschland im Tief

11. Juli 2005 Deutschland ist ein Jammertal. Angesichts der wirtschaftlichen Mißstände ist das Kollektiv verängstigt, mutlos und erschöpft. Von Gefühlen der Wertlosigkeit und Schuld gequält, denkt es letztlich nur noch an das eigene Ende.

Die gegenwärtige Stimmung im Land schmeckt nach Tränen. Man mag den Eindruck gewinnen, Deutschland leide an einer kollektiven Depression, und ist geneigt, das Wohl und Wehe der Nation in professionelle Hände zu geben. Wissenschaftler des Management Zentrums Witten reagieren jetzt auf die schlechte Stimmung im Land und leisten auf ihre Art erste Hilfe. Sie gehen der Frage nach, wie tief Deutschland wirklich im Selbstmitleid versunken ist.

Immerhin bestimme die wirtschaftliche Lage zu einem wesentlichen Teil die Stimmung der Bevölkerung. Wer nichts kaufen kann, wird betrübt. Oder beeinflußt die Gemütslage der Menschen gar die wirtschaftliche Situation? Wer betrübt ist, kauft nichts ein? Andererseits: Wer ums Überleben zu kämpfen hat, bringt sich nicht um. Und in Zeiten wirtschaftlicher Not geht die Depressionsrate gegen Null. Geht es uns womöglich zu gut? Die Wittener Forscher - Experten der Psychologie, Medizin und Wirtschaftswissenschaften - haben einen Fragenkatalog für das Internet (http://www.depressionsbarometer.de/) entwickelt, der auf einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren zur Depressionsdiagnostik basiert.

Gesund, leicht oder schwer depressiv

Frei nach dem Motto „In nur fünf Minuten zur Diagnose“ muß Deutschland sieben Fragen beantworten, dann weiß das System: Lacht das Land über die lustigen Dinge im Leben? Oder blickt es mit Freude in die Zukunft? Die Diagnosen lauten: Gesund, leicht oder gar schwer depressiv. Einen Psychologen oder Psychiater wollen die Forscher freilich nicht ersetzen, denn eine Behandlung sieht das Depressionsbarometer nicht vor. Dennoch, die Resonanz ist beachtlich. In den ersten drei Tagen wurden 35.000 Teilnehmer registriert.

Und was soll das Ganze? Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Dem einzelnen möchte man Anhaltspunkte für eine angemessene Selbsteinschätzung liefern. Die Einzelwerte fließen darüber hinaus in einen Gesamtindex ein, der den Grad der Depression in der deutschen Bevölkerung angibt und das öffentliche Bewußtsein für die schlechte Stimmung schärfen soll. Als täglich aktualisierter Indikator der Stimmungslage Deutschlands wird ein Tagesindex ermittelt.

Armes Deutschland

Nach den Anschlägen in London stand Deutschland am Freitag etwa kurz davor, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Aber bereits vor den Attentaten war die Stimmungslage bedenklich. Armes Deutschland. Oder trügt das gemalte Bild? Wissenschaftlich betrachtet, ist die eingefangene Stimmung jedenfalls nicht repräsentativ. Vielleicht fühlt sich die Mehrzahl der Bundesbürger, allesamt rundum glücklich, gar nicht dazu bewogen, ihr depressives Potential analysieren zu lassen.

Und wer sagt überhaupt, Deutschland sei depressiv? Alltägliche Jammerrunden im Fernsehen suggerieren womöglich nur, es sei unsere Pflicht als gute Bürger, in Anbetracht der wirtschaftlichen Mißlage in das allgemeine Klagelied einzustimmen. Vielleicht leidet unser Land gar nicht an einer Depression, sondern schlicht und ergreifend an der Konsequenz einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Warum macht man sich nicht andere psychologische Erkenntnisse zunutze und hält die Deutschen etwa dazu an, jeden Tag für eine gewisse Zeit die Mundwinkel - wenn auch zunächst emotionslos - nach oben zu ziehen? Das soll nachweislich die Stimmung verbessern.

Text: F.A.Z., 11.07.2005, Nr. 158 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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