Gottschalk gegen Bohlen

Wem gehört der Samstagabend?

Von Uwe Ebbinghaus

“Wetten, dass...?“: Frau Gottschalk tanzt mit Herrn Löw

"Wetten, dass...?": Frau Gottschalk tanzt mit Herrn Löw

01. April 2007 In die sonst so genügsame deutsche Fernsehlandschaft ist eine aggressive Note geraten: Stefan Raab versucht, für Quoten Regina Halmich zu verhauen, und Henry Maske fordert nachtragend Virgil Hill zur Revanche - mit großem Erfolg (siehe: Maske schlägt Hill: „Er steht jetzt neben Schmeling“). Die ungewöhnlichste Herausforderung des Wochenendes aber war, dass RTL neuerdings gegen die Unterhaltungs-Institution „Wetten dass ...?“ aufbegehrt: Am Samstag schickte der Sender sein Erfolgsformat „Deutschland sucht den Superstar“ erstmals gegen den verlässlichen ZDF-Quotenbringer in den Ring.

Dabei dachte man immer, es gebe nur drei Dinge, die in Deutschland in stillem Einvernehmen nicht beschädigt werden dürfen: der Bundespräsident, Bären mit Vornamen und die Quotenherrschaft von „Wetten dass ...?“. Droht jetzt auf lange Sicht die Spaltung Deutschlands und des Montag-danach-Gesprächs?


Die Show der schiefen Töne

Dass RTL am Samstag gerade „Deutschland sucht den Superstar“ - im Event-Doppelpack mit dem Maske-Kampf - ins Rennen schickte, hatte dabei eine gewisse Logik. Denn gegensätzlicher können zwei live ausgestrahlte Familien-Unterhaltungsshows kaum sein: Hier der satte Krösus „Wetten dass ...?“, dort das hungrige Underdog-Format DSDS: Während „Wetten dass ...?“ ganz auf seinen patriarchalisch unterhaltenden Entertainer setzt, dessen Unveränderbarkeit Programm ist - ein herübergerettetes Mentalitäts-Erbe aus der Ära Kohl -, gibt die Show der schiefen Töne einem Samstagabend-Lehrling wie Marco Schreyl eine Chance, flankiert durch eine manchmal pöbelhafte Jury, die in den finalen Sendungen aber kaum mehr was zu sagen hat. Über den gesuchten Superstar entscheidet bei RTL allein Deutschland, das heißt: jeder Zuschauer im Besitz eines Fernsprechers - die demokratische Herrschaft des Handys, die sich am Samstag darin äußerte, dass die einzige verbliebene Sängerin von Format (Francisca) nach Hause geschickt wurde.

Während „Wetten dass ...?“ gemachte Stars wie John Travolta (außer einem fundamentalistisch untergeschlagenem Bein keine sektenhaften Auffälligkeiten am Samstag) symbolisch aufs Sofa runterholt, stellt DSDS Unentdeckte auf die Bühne und lässt sie am Starsein schnuppern. Doch das wichtigste Kampfmittel gegen Gottschalk ist: die Emotion, der existentielle Kitzel. Mit DSDS produziert RTL lauter kleine Entwicklungsromane, je kitschiger (Junge aus dem Ghetto greift nach den Sternen), desto besser.


Es geht um gar nichts

Bei „Wetten dass ...?“ hingegen geht es seit über zwei Jahrzehnten um rein gar nichts. Die Gespräche mit Berühmtheiten verbleiben an der Oberfläche, die Wetten sind reinste Gaudi, und wer der letzte „Wettkönig“ war, kann man nach einer Woche kaum mehr sagen. „Wetten dass ...?“ ist Opium fürs Volk, reines Spiel, mit rudernden Armbewegungen dirigiert vom buntgescheckten Thommy Gottschalk. Bei DSDS aber geht es um etwas, so könnte man sagen, da wird zuweilen ein wahrer Satz gesprochen („Du warst heute schlecht“), der die Zukunft eines jungen Menschen verändern kann.

WD verwöhnt - DSDS fordert? So einfach ist es nicht. Die Alternative ist nicht: Realität contra Spiel, sondern: Spiel contra verlogene, ja unverantwortliche Träume vom Verlassen der Realität - denn welcher DSDS-Gewinner wäre anschließend wirklich Superstar geworden? Interessant an dieser Stelle, dass sich „Wetten dass ...?“ neuerdings zum Exportartikel mausert und nach Amerika verkauft wird, während DSDS ein eingekauftes Erfolgsformat ist, das schon um die halbe Welt gegangen ist, bevor es in Deutschland mit Juror Dieter Bohlen die geeignete Identifikationsfigur fand.


Fade Vorstellung

Wie verlief nun der mit Spannung erwartete Showdown zur besten Sendezeit - Gottschalk versus Bohlen? Der Schweiß ist nicht eben durch den Ring gespritzt. Gottschalk versuchte bei seinen Eingangsworten zwar einen frühen Verbal-Knockout: Es sei der Abend der Männer über 40 und er verspreche, vor dem Maske-Kampf rechtzeitig Schluss zu machen - den direkten Konkurrenten erwähnte er nicht. Doch anschließend zeigte er eine fade Vorstellung, spulte mit Routine sein Programm ab, in sicherer Gewissheit, dass er nach Punkten schon siegen werde. Tatsächlich kam „Wetten, dass...?“ am Samstag auf eine Quote, die mit 10,51 Millionen Zuschauern geringer war als gewohnt, auch „DSDS“ aber musste Federn lassen und kam nur auf 4,54 Millionen. Bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 lagen beide Sendungen fast gleichauf - Gottschalks Marktanteil lag bei 27 Prozent, der der Konkurrenz bei 25,2. Ganz vorne aber lag an diesem Abend eine dritte Sendung: Sagenhafte 15,99 Millionen Zuschauer verfolgten den Boxkampf bei RTL. Die nachvollziehbare, seltene Emotion à la Maske erwies sich so als das wirkliche Erfolgsgeheimnis.

Bleibt die Frage nach der Spaltung Fernsehdeutschlands. Doch wer so fragt, unterschätzt wahrscheinlich das Mediennutzungsverhalten gerade junger Menschen, deren Hobby das Speichern und schnelle Abrufen von Fernsehausschnitten ist. Und selbst für den Gegenpol, den patriarchalischen Herrn der Fernbedienung, dessen Multimedialität sich im Zappen erschöpft, ist die Parallelaktion kein Verlust: kann man durch geschicktes Umschalten doch das Unterhaltungsbedürfnis der ganzen Familie in halber Zeit befriedigen - und hat anschließend mehr davon für die wichtigen Dinge des Lebens. Deutschland sucht ja schließlich nicht nur den Superstar.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS, RTL

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