Einwanderung erschwert

Kein Zugang für Hochqualifizierte

Von Christian Schwägerl

Nur nicht hinschauen: Arbeitsminister Müntefering will nichts ändern

Nur nicht hinschauen: Arbeitsminister Müntefering will nichts ändern

26. Oktober 2006 Wer hochqualifiziert ist und sich in Deutschland dauerhaft niederlassen will, hat den Behörden ein erstaunliches Testat vorzulegen: Ein Jahresgehalt von 85.000 Euro muß darin nachgewiesen sein, andernfalls hat der Antragsteller wieder zu gehen. Das ist eine erkleckliche Summe, die nur die wenigsten am Tag nach ihrem Studienabschluß zugesichert bekommen, selbst wenn sie bestens ausgebildet sind und beseelt von dem Wunsch, mit ihren Einfällen viel zu verdienen.

Nur neunhundert Menschen konnten denn auch im vergangenen Jahr diese schmale Eintrittspforte für hochbezahlte Hochqualifizierte passieren. Im gleichen Zeitraum aber haben sich rund hundertfünfundvierzigtausend Deutsche ins Ausland verabschiedet, darunter sehr viele auf Kosten der bundesdeutschen Steuerzahler bestens ausgebildete Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler. Nicht alle Auswanderer gehen für immer fort, mancher kommt klüger und erfahrener zurück - aber der ständige Verlust kreativer Deutscher, der durch die viel zu wenigen hochqualifizierten Einwandern nicht wettgemacht werden kann, löst in Teilen von Politik und Wirtschaft immer heftigere Nervosität aus. Nur bei dem Mann nicht, auf den es ankäme: Bundesarbeitsminister Müntefering.

Die Argumentation des Arbeitsministeriums ist skandalös

Den Vorschlag zahlreicher Forschungs-, Wirtschafts- und Innenpolitiker, die gesetzliche Einkommenshürde zumindest für Jüngere zu senken - etwa auf 63.000 Euro - hat der Vizekanzler nun ausgehebelt, wie der Innenpolitiker Wiefelspütz berichtet, für den sich „das Thema damit erst einmal erledigt hat“. Das Thema aber hat sich eben nicht erledigt, denn die Argumentation des Arbeitsministeriums ist schlicht skandalös: Die Regel stelle keine Hürde für hochqualifizierte Einwanderer dar, vielmehr sei die Attraktivität des Forschungs- und Wirtschaftsstandorts insgesamt das Problem. Das absurd zu nennen ist höflich. An deutschen Instituten forschen sehr viele hochintelligente Jungakademiker aus aller Welt. Erst wenn sie bleiben wollen, gibt es Probleme.

Daß ausgerechnet der Mann, der von seinem Dienstschreibtisch aus den besten Blick in das tiefe Rentenloch der Zukunft hat und dem alle Statistiken über den machtvoll nahenden Mangel an Hochqualifizierten vorliegen, selbst eine derart simple Verbesserung verhindert, stellt seinen Veränderungswillen sehr grundsätzlich in Frage. Freuen über solche Ignoranz dürfen sich jene Länder, die vom Zustrom Hochqualifizierter profitieren, an erster Stelle Amerika. Dorthin hat es 1992 die Familie Karim gezogen, die in Deutschland unter einem „ausländerfeindlichen Klima“ litt. Dreizehn Jahre später wurde Sohn Jawed zum Mitbegründet von Youtube, er studiert nun in Stanford und will Informatikprofessor werden. An eine Rückkehr nach Deutschland denkt die Familie nicht. Bleibt es bei Münteferings Veto, streichen die vielen Karims in aller Welt Deutschland bald ganz von ihrer Landkarte.

Text: F.A.Z., 25.10.2006, Nr. 248 / Seite 48
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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