„Digital Life Design“

Es ist nicht nur alles möglich - es wird auch immer besser

Von Stefan Niggemeier

Analoges Sesselsitzen: Podium auf der Konferenz “Digital Life Design“

Analoges Sesselsitzen: Podium auf der Konferenz "Digital Life Design"

23. Januar 2007 Warum organisiert ein deutscher Zeitschriftenverleger eine dreitägige internationale Konferenz über die digitale Welt? Für Hubert Burda hat es sich vielleicht schon für den einen Satz gelohnt, den die einflussreiche amerikanische Kolumnistin Arianna Huffington hinterher in ihrem Blog über ihn schrieb: „Ich habe die Zukunft der europäischen Medien gesehen (Burda), und sie sieht ihrer Vergangenheit (Burda) verdammt ähnlich.“

Das anschaulichste Beispiel dafür hat Burda vor zwei Tagen geliefert und die vielleicht unwahrscheinlichsten Inhalte ins Internet geholt: Schnittmuster - die Bögen, mit denen Hubert Burdas Mutter Aenne vor 55 Jahren den Grundstein für ihren Erfolg als Verlegerin legte. Auf burdastyle.com können Besucherinnen sich lizenzfreie Bögen herunterladen, eingebettet in ein Konzept, das alle gerade schwer gehypten Mittel des Internet nutzt. Wenn Nutzer auf anderen Seiten Fotos hochladen und Videos selbst gestalten können, zeigen Hobbyschneiderinnen hier, wie sie die Burda-Vorlagen als Inspiration genutzt haben, und können sogar ihre eigenen Kreationen als Schnittmuster hochladen.

Das Markenzeichen: glänzende Augen

Mit glänzenden Augen zeigten Nora Abousteit und Benedikta Karaisl von Karais, zwei junge Frauen, die das Projekt entwickelt haben, die neuen Seiten und schwärmten, wie sie damit moderne Frauen erreichen: ein attraktiveres Fashion-Statement als jedes teure Label. Glänzende Augen sind so etwas wie ein Markenzeichen der Konferenz, die sich „Digital Life Design“ (DLD) nennt und die wichtigsten Protagonisten des Internets auf dem Weg zum Weltwirtschaftsforum nach Davos abgefangen hat. Sie alle eint nicht nur der Glaube, dass alles möglich ist - sondern auch, dass dadurch alles besser wird.

Niklas Zennström, der Gründer von Skype, das kostenlose Telefonate über das Internet ermöglicht, erzählte, wie segensreich das für Oppositionelle in vielen Ländern ist, weil es ihnen Kommunikation ermöglicht, die im doppelten Sinne „frei“ sei: Kostenlos und ohne Lausch-Möglichkeit der Mächtigen. Caterina Fake, die Gründerin der gewaltigen Foto-Album-Gemeinschaft Flickr.com, berichtete, wie dort Fotos von Demonstrationen in Weißrussland auftauchten, die das Regime geheimhalten wollte, und nannte Flickr „außerordentlich Unruhe stiftend“. Nicholas Negroponte berichtete von seinem Projekt, Kindern in der Dritten Welt Bildung zuteil werden zu lassen - dadurch, dass sie millionenfach produzierte, nur gut hundert Dollar teure Laptops bekommen (siehe auch: 100-Euro-Notebooks: Ein Laptop für jedes Kind).

Ideale Ergänzung auf verrückte Art

Das Zweifeln an sich selbst, das Treffen etwa der Fernsehbranche heute prägt, ist den Internet-Unternehmern fremd. Und, vielleicht noch wichtiger: Auch das Verzweifeln am Publikum kennen sie nicht. Craig Newmark, Gründer der riesigen Kleinanzeigenseite craigslist.com, beschrieb, wie Nutzer selbst dafür sorgen, dass unakzeptable Inhalte entfernt werden. „Es gibt immer Leute, die Böses im Schilde führen“, sagt Craig, „aber die überwältigende Zahl der Menschen ist gut.“ Er glaubt, wie alle hier, an die „Weisheit der Masse“, daran, dass große Gemeinschaften sich mit minimaler Moderation selbst regulieren. „Wenn man seinen Lesern traut, belohnen sie einen dadurch, dass sie eine Kultur des Vertrauens aufbauen.“

Die Stars der digitalen Welt setzen ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft - und haben dabei auch die Enttäuschung über die Vergangenheit auf ihrer Seite. Fragt man Arianna Huffington, ob denn all diese Blogs und Internet-Medien ohne die Kontrollstrukturen eines etablierten Medienhauses garantieren können, dass die Menschen korrekt informiert werden, erzählt sie von der regierungskonformen und falschen Berichterstattung der „New York Times“ vor dem Irak-Krieg. All die Kontrollstrukturen des Mediums hätten das nicht verhindert. Viele Gegensätze, die zwischen „alten“ und „neuen“ Medien aufgebaut würden, seien falsch, sagte Huffington: „Alte Medien leiden an Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, die neuen an Zwangsneurosen.“ So gesehen ergänzten sie sich auf verrückte Art ideal.

Ein künstliches Gefühl andauernder Krise

Einen bemerkenswerten Kontrapunkt zu all der Euphorie setzte die Autorin Linda Stone, die in leitenden Positionen bei Apple und Microsoft gearbeitet hat. Sie beschrieb, wie viele der hyperaktiven modernen Menschen heute ununterbrochen verbunden sind, ihre Handys nicht ausschalten können, aus Angst, etwas zu verpassen, nach E-Mails, Nachrichten, Blog-Einträgen suchen oder sie selbst schreiben. „Kontinuierliche teilweise Aufmerksamkeit“ nennt sie dieses Verhalten, das süchtig mache, weil der Mensch dauernd Stresshormone freisetze - auf der Suche nach einem Impuls, einer Nachricht, auf die er reagieren müsse, und zwar sofort. Ein „künstliches Gefühl andauernder Krise“ entstehe so. Die Fähigkeit, echte Krisen zu erkennen, abzuschalten, sich zu konzentrieren und Beziehungen mit Bedeutung zu pflegen, verkümmere. Auf Dauer sei das unproduktiv und unbefriedigend.

Während sie das erzählte, tippten die Zuhörer vor ihr in ihre Laptops, schrieben Blog-Einträge und E-Mails, checkten ihre Nachrichten und kontrollierten ihre Blackberrys.

Text: F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 40
Bildmaterial: Hubert Burda Media

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