Von Hendrik Leber

Losgelöst von Herkunft, Geschlecht, Rasse oder Sprache - allein aufgrund ihrer Fähigkeiten werden die besten Absolventen einen überproportionalen Anteil am Einkommen erhalten
28. Dezember 2007 Es ist ein Irrtum zu glauben, dass mehr Chancengleichheit auch zu einer gleichmäßigeren Verteilung von Einkommen und Wohlstand führt. Das Gegenteil stimmt. Wer beklagt, dass trotz jahrzehntelanger Bemühungen sich die Verteilungsgleichheit nicht verbessert habe, sitzt einem logischen Irrtum auf. Denn die Faktoren, die die Chancengleichheit erhöhen, reduzieren die Verteilungsgleichheit: höhere Transparenz, bessere Informationen, mehr Leistungsorientierung, globalere Märkte sowie Computerisierung und Massenfertigung. Und es ist sinnlos, sich dagegen zu wehren.
Wenn Menschen Zugang zu guter Ausbildung bekommen, wenn sie losgelöst von Herkunft, Geschlecht, Rasse oder Sprache allein aufgrund ihrer Fähigkeiten die ihnen angemessene Ausbildung bekommen, dann werden die besten unter ihnen einen überproportional hohen Anteil an volkswirtschaftlichen Früchten (Einkommen und Vermögen) dafür ernten. In einer flach gewordenen Welt heißt das Stichwort The winner takes it all.
Je globaler eine Disziplin, desto höher sind die Spitzengehälter
Weltweit bekannte Popstars wie Paul McCartney oder Madonna können Milliardenvermögen aufbauen - weil ihre Musik weltweit bekannt ist. Und weil die Marketingbudgets von Plattenfirmen sich auf den Besten und nicht den Zweitbesten konzentrieren müssen, werden nur sichere Gewinner intensiv beworben. Ähnliches gilt im Tennis, beim Fußball, im Autorennsport, aber auch für Filmstars. Je globaler eine Sportart oder Disziplin ist, desto höher sind die Spitzengehälter: Man vergleiche den Übergang von einer national abgeschotteten Bundesliga zu einem globalen Talentwettbewerb. Das Prinzip gilt aber genau so in der Kunst und im Management. Und man vergleiche analog den Übergang vom provinziellen Kulturförderalismus zur internationalen Pisa-Leistungsorientierung. Umso mehr stehen die Zweitbesten im ökonomischen Schatten.
Die Arbeitswelt ist nicht mehr regional zersplittert. Der Zimmermann, der früher dank Meisterbrief ein lokales Monopol hatte, ist verdrängt worden vom internationalen Architektenstar oder vom Fertighausbauer. Der Vorstand der lokalen Bankfiliale, der früher die Rolle eines Platzhirsches spielte, hat nicht mehr viel zu sagen. Seine fachlichen Fähigkeiten, zum Beispiel seine Kredit- oder Wertpapierkompetenz, wurden in eine nationale oder sogar internationale Firmenzentrale verlagert. Der Wettbewerb ist bei Gütern, Dienstleistungen und am Arbeitsmarkt funktional geworden. Dadurch wurde er messbar, transparent - und hart.
Die amerikanischen Universitäten geben Milliarden aus
Die Jagd nach gutem Nachwuchs ist dementsprechend intensiv. Den Besten werden hohe Einstiegsgehälter gezahlt, und in bestimmten Berufen können diese Besten schon nach wenigen Berufsjahren Einkommensmillionäre sein. Das war früher undenkbar. Es hat jedoch heute keinen Sinn mehr, zehn mittelmäßigen Händlern Geld oder zehn mittelmäßigen Programmierern Aufgaben anzuvertrauen, wenn ein Besserer ohne Mehraufwand auch die zehnfache Leistung bewältigen kann. Unternehmen haben deshalb ein hohes Interesse, die besten Talente möglichst noch vor Studienabschluss direkt an den Universitäten zu rekrutieren.
Die amerikanischen Ivy-League-Universitäten geben Milliarden aus, um Wohnheime und Fachbereiche ansprechend und komfortabel für ihre Studenten auszustatten. Sie haben ein hohes Interesse daran, Talente international ungeachtet ihrer Herkunft zu identifizieren, und darum vergeben sie rund fünfzig Prozent aller Studienplätze per Stipendium. Auf diese Weise wird aber der öffentliche Ausbildungssektor von Talenten leergesaugt.
Dahinter steckt letztlich der Konsument
Krieg um die Besten heißt auch: Suche nach talentierten Frauen und generell nach talentierten Menschen in den falschen Ausbildungsgängen oder benachteiligten Ländern. Dadurch entsteht von einem bestimmten Punkt in der Ausbildung an dort, wo der Nachwuchs seine Leistung zeigen kann, Chancengleichheit. Die Eltern der gehobenen Schichten in Deutschland haben das verstanden: Sie schicken ihre Kinder zunehmend auf ausländische Schulen und Universitäten und innerhalb Deutschlands häufig auf Privatschulen mit internationalem Charakter, um sie darauf vorzubereiten. Wer sich auf den öffentlichen Sektor verlässt, hat im Kampf der Talente verloren.
Wer steckt dahinter, wer hat dabei die Fäden in der Hand, möchte man fragen. Es ist letztlich der Konsument, der gute Leistung zu billigen Preisen aus einem globalen Angebot haben möchte. Wo der Kunde, unterstützt durch Warentest und Internet, die beste Leistung und den besten Preis sucht, fördert er den brutalen Auslesewettbewerb unter den Anbietern und die Suche nach den Spitzentalenten. Gleichzeitig zieht er sich teilweise selbst seine ökonomische Basis weg. Sein Wettbewerber um den Arbeitsplatz sitzt vermutlich nicht im gleichen Land, sondern ist leistungshungrig in Osteuropa oder Asien zu finden.
Die besten Talente identifizieren
Wenn wir in Deutschland eine relativ gleichmäßigere Einkommensverteilung als in anderen Ländern haben, so liegt das auch daran, dass unser Arbeitsmarkt noch nicht im vollen globalen Wettbewerb steht. Es gibt viele Bereiche, in denen nur regulierter nationaler Wettbewerb besteht. In anderen Branchen hat sich der Wettbewerb aus Deutschland herausverlagert (Hedge-Fonds, Investmentbanken). Der Lohndruck, der in Deutschland jetzt zu spüren ist, ist ein globaler Druck, ebenso wie die Ansammlung von Wohlstand an der Spitze.
Der globale Wettbewerb zwingt uns dazu, die besten Talente zu identifizieren und ihnen eine optimale Ausbildung zu geben. Damit stellen wir sie in den internationalen Leistungswettbewerb. Als ein unvermeidlicher Nebeneffekt wird sich jedoch die Ungleichheit erhöhen. Eine Verweigerung dieser Herausforderung bedeutete wirtschaftlichen Stillstand. Es gibt keine Nischen mehr - weder auf dem Jahrmarkt der Leistungen noch auf dem Jahrmarkt der Talente.
Der Autor ist Anlageberater und Investmentfondsmanager in Frankfurt am Main
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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