Der Pianist Aimard über Bach

Musik allein zwischen ihm und Gott

08. Januar 2008 Pierre-Laurent Aimard, 50, gibt Interviews, wie er Klavier spielt: seine Worte kreisen und ordnen sich beim Denken. Er spricht einen Mix aus Deutsch (für die Philosophie), Englisch (für die Technik) und Französisch (für die Abschweifungen). Der Pianist hat sich durch Uraufführungen von Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti einen Namen gemacht. Mit Bach kehrt er nun zurück zu den Wurzeln der Musik.

Herr Aimard, irgendwann kommt jeder bei Bach an. Ist sein Werk so etwas wie die Ursprache der Klassik?

Ihre Frage zeigt, dass Bach auf jeden Fall ein Suprakomponist war. Er konnte in allen Epochen bestehen. Aber sein Werk, sein Denken und die Referenzen sind, glaube ich, zu breit angelegt, um als Urreferenz dienen zu können. Bach reduziert uns nicht auf das Ursprüngliche, sondern fordert uns zum Unendlichen auf. Er hat alle Tricks benutzt, die einem Schöpfer zur Verfügung stehen, hat imitiert, transformiert und immer wieder Grenzen überschritten, um ein bestimmtes Problem zu fokussieren. Ich glaube, dass er letztlich Traditionen gesammelt und sie auf den höchsten Punkt der Kunst gebracht hat. Seine Kraft liegt darin, in seiner Zeit völlig neu und danach für ewig anders zu klingen.

Sie nennen Bach einen Schöpfer, und tatsächlich hat er ja nicht nur komponiert, sondern Systeme geschaffen, in denen Musik zum Kosmos des Empfindens wird. Das „Wohltemperierte Klavier“ oder die „Kunst der Fuge“.

Man muss diese beiden Werke voneinander trennen. Für das „Wohltemperierte Klavier“ hat Bach seine Gegenwart beobachtet und instinktiv verstanden, dass die Zeit reif für ein kollektives System der Tonarten und Stimmungen war. Sein Genie liegt darin, dass er im Stande war, ein Stück zu schöpfen, das dieses System nicht nur aufgegriffen, sondern auch noch langfristig etabliert hat. Die „Kunst der Fuge“ ist eine ganz andere Sache. Natürlich nutzte Bach auch hier wieder das profanste aller Instrumente, und trotzdem schrieb er Musik, die allein zwischen ihm selbst und Gott stattzufinden scheint. Er will nicht imponieren, sondern nutzt die Polyphonie, um durch die Musik zu kommunizieren. Dabei scheint die Tonwelt für ihn ein Kosmos zu sein, der alles umschließt.

Sie behaupten also, dass Bach auch in seiner Klaviermusik eigentlich geistliche Musik geschrieben hat?

Man hat sich ja oft gefragt, ob Bach überhaupt gläubig war. Ich denke schon, und lustigerweise besonders, wenn er nicht seine Kantaten für die Sonntage komponierte, sondern dann, wenn er wusste, dass die Geistlichen nicht da sind. In unserem Jahrhundert leben wir mit einer natürlichen Trennung zwischen dem Profanen und dem Religiösen. Bei Bach waren die Welten noch eins. Seine Stücke für das Klavier sind natürlich keine Messen, aber es gibt Referenzen zu alten kirchlichen Polyphonien, zu religiösen Stücken, gleichzeitig sind aber immer auch Anspielungen auf die Welt zu hören. Wenn Bach nur für sich selbst komponiert hat, schien er keine Trennung zwischen religiösen Konventionen und profanen Zitaten vorzunehmen. Statt einer Religion oder einer Ideologie hat er eine ureigene Haltung eingenommen.

Können Sie diese Haltung beschreiben?

Schwer, aber vielleicht handelt es sich um eine universale Sprache, in der das gesamte Menschsein, das Spirituelle wie das Logische, der Geist und der Körper eine selbstverständliche Einheit bilden. Bachs inspirierteste Werke sind aus einer Unabhängigkeit entstanden, in der er einfach aus dem Spaß heraus schöpfen konnte. In diesen Momenten haben wir es mit jenem Kosmos zu tun, der nichts sein will außer Musik - und in dem Musik doch eben alles ist.

Ist es so, dass der Mensch in seiner Ganzheit nur durch die strenge Form zu greifen ist?

Bach war sicherlich der gigantischste menschliche Computer, den wir höchstens noch mit Albert Einstein vergleichen können. Aber er war eben auch ein Mensch, hatte 21 Kinder, führte eine Zettelkartei für seinen Rotwein und bewies bei gesellschaftlichen Auftritten immenses Temperament. Dieses Doppelleben sorgt für seine irritierende Position in der Musik. Wir können seiner Musik vollkommen logisch begegnen, aber all das bleibt stumm, wenn wir es nicht erleben. Das Verblüffende ist, dass Bach den Ausdruck nicht wegen, sondern trotz der Struktur schafft. Die Form ist für ihn nur eine permanente Herausforderung, die wahrscheinlich von einem generellen Glaubensbekenntnis geprägt ist.

Ist die Form doch so etwas wie die Gesetzmäßigkeit des Seins . . .

. . . nein, denn die Form an sich ist nichts. Bachs Genie liegt darin, das Komplexe als Mittel der intuitiven und kollektiven Kommunikation nutzbar zu machen - er hat also die Fähigkeit, eine Sprache zu benutzen, die alles sagt, aber nur gezielt verstanden wird. Wer von uns hat schon ein so großes Gedächtnis, all seine Motive zu verfolgen und sich an sie zu erinnern? Wir können die Noten analysieren, sehen, dass in der fünften Fuge der Kontrapunkt punktiert ist, also eine gewisse Dynamik entsteht, sehen, dass es zu einer Kombination zwischen den beiden Themen kommt und dass sie sich - durch ausgeklügelte Verspätungen - so lange ineinander verschachteln, bis das Thema am Ende mit seiner eigenen Umkehrung synchron auftaucht. Aber ich glaube, dass Bach das gar nicht von uns erwartet, dass er seine Hörer gleichzeitig auf einer anderen Ebene durch Emotionalität und Virtuosität Musik einfach nur erleben lässt. Man könnte sagen: Die allumfassende Form mündet bei ihm immer im Profanen.

Vielleicht ist Bach auch deshalb nie politisch vereinnahmt worden.

Ebenso wenig wie übrigens Mozart auch. Natürlich hatten die beiden das Glück, nicht in einer Zeit zu leben, in der man unbedingt eine Ideologie auf den Tisch legen musste. Außerdem war die Rolle des Schöpfers zu Bachs Zeit noch nicht heldisch geprägt. Das hätte ihm auch widerstrebt, da er zu sehr an die Musik als eigene Welt glaubte. Deshalb hat er sich auch nicht auf Äußerlichkeiten eingelassen. Er hätte ja eine Art Händel werden können, aber dafür fehlte Bach schon das Talent für gesellschaftlichen Erfolg. Außerdem war er sich der Gefahr bewusst, dass seine Musik korrumpierbar geworden wäre. Von Bach gibt es keinen komponierten Masseneffekt wie Beethovens „Ta! Ta! Ta! Taaaa!“ aus der fünften Sinfonie. Der lag, zugegeben, auch nicht in der Zeit. Stattdessen hören wir bei ihm ein „Dilaludidelladu“, das der Hörer mit sich selbst ausmachen muss.

Setzt Bach der Ideologie eine andere Größe entgegen?

Er ersetzt sie durch den freien Fluss des Gedankens. Man könnte das mit einem Schachspiel vergleichen: Die Regeln sind gegeben, aber es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie das Spiel verläuft. Dabei kommt Bach immer wieder mit genau jenen Lösungen hervor, an die man selbst nie denken würde. Aber im Nachhinein stellt man fest, dass sie genial waren.

Kann es nach Bach tatsächlich noch neue Formen geben?

Menschen befinden sich ständig in der Evolution, was bedeutet, dass ihre Emotionen und ihre Gehirne sich entwickeln. Irgendwann entdecken sie, dass es andere Räumlichkeiten im Kosmos gibt und neue, unerwartete Regeln. In diesem Moment verändert sich auch ihre Vorstellungskraft für Zeit und Raum. Das gleiche Leben spielt plötzlich in anderen Dimensionen. Dann ist es die Aufgabe der Schöpfer, auch die Formen der Kunst zu erweitern. Klänge werden immer imitiert. Wenn man sie schlecht imitiert, ist man ein Salieri, wenn man sie genial transformiert, ist man ein Mozart. Das Grundmaterial wirft uns lediglich auf die Form der Präsentation zurück, es verändert sich also nur der Gestus.

Sie haben gesagt, dass Bach ein Spieler gewesen ist - wie steht es um den Interpreten seiner Musik. Muss der auch ein Spieler sein?

Jeder wird sich erst einmal klein fühlen vor den Noten des Monumentes Johann Sebastian Bach. Aber gleichzeitig ist es eine Herausforderung, am Klavier zu sitzen, vor einer Welt aus Musik, die man nach seinen eigenen Überlegungen gestalten kann. Die Rahmen sind gegeben, aber sie bieten die Möglichkeit, der Logik freien Lauf zu lassen. Sobald man sich auf den gegebenen Kosmos einlässt, spürt man, dass Bach einem die Hand reicht, dass er uns anregt, breit zu atmen. Das ist das Schöne an ihm: Er gibt uns immer die Chance, in seiner Welt zu bestehen.

Interview Axel Brüggemann

Pierre-Laurent Aimard spielt Bachs „Kunst der Fuge“, Deutsche Grammophon



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 24
Bildmaterial: Warner Classics / Paul Cox

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche