Bionade

Wir sind das Volksgetränk!

Von Martin Wittmann

11. September 2007 Im Auge des Orkans: Das Wohnhaus im unterfränkischen Ostheim vor der Rhön hat sich gar nicht sehr verändert seit dem Bombeneinschlag. Kein frischer Anstrich an der Wand, kein neu gedecktes Dach. Die „Bombe“, so hat eine Journalistin die Bionade genannt, als diese in kürzester Zeit zur drittbeliebtesten Limonade im Land wurde. Und jetzt? Stünden die vielen Getränkelaster nicht in der Einfahrt zum Hof der angrenzenden Brauerei - das Wohnhaus würde den Triumph des Familienbetriebs gut zu verbergen wissen.

Fünf Jahre ist es her, dass die Nachfrage nach der Kräuterlimonade zum ersten Mal die immensen Zuwachsraten verzeichnete, die seitdem regelmäßig für Lieferengpässe sorgen. Im Jahr 2002 verkaufte die Brauerei zwei Millionen Flaschen, dieses Jahr sind es zweihundertfünfzig Millionen. Die Zahlen belegen den jungen Erfolg des Start-ups „Bionade GmbH“, das im neuen Jahrtausend clever eine Marktlücke nutzt und sein Kultprodukt charmant von der Provinz aus in alle Welt verkauft. Die Zahlen verraten aber nichts von der Geschichte einer deutschen Unternehmerfamilie, deren Schicksal über Generationen mit dem ihres Betriebs verknüpft war.

So war das halt

Die Familie sitzt im Wohnzimmer. Das Grün der Ledercouch, das Weinrot des Teppichs, das Braun des Holztisches - alles ist abgewetzt, die Farben wirken so trist, dass das kräftige Dunkelblau der Bionadeflasche, die auf dem Tisch steht, fast blendet. Sogar die Sommerlandschaft, die an der Wand hängt, wirkt verregnet. Sigrid Peter-Leipold sitzt nicht auf der Couch, sondern auf der Lehne. Richtig zur Ruhe kommt sie nicht. Heute nicht, gestern nicht und in der Zeit vor dem Erfolg erst recht nicht. Sie sei mit der Arbeit aufgewachsen, erzählt sie. Schon als Kind muss sie im väterlichen Betrieb mithelfen, genauso wie ihre beiden Schwestern und später ihre Söhne. Als ihre ältere Schwester in den sechziger Jahren einen Juristen heiratet, der kein Interesse an der Brauerei zeigt, wird ihr als Zweitgeborener die Verantwortung übertragen. Eigentlich will sie ihr Wirtschaftsabitur machen, stattdessen schicken ihre Eltern sie auf die Handelsschule in Würzburg. Gewehrt habe sie sich nicht, „so war das halt“.

Der „Peter-Bräu“, eine von damals eintausendfünfhundert Brauereien in Bayern, stellt zu dieser Zeit einen jungen Braumeister namens Dieter Leipold ein. Der stammt ausgerechnet aus Würzburg. Sigrid Peters pragmatischer Vater Ludwig fädelt ein, dass seine Tochter in das soeben freigewordene Zimmer seines neuen Braumeisters zieht. So wohnt die junge Frau im Zimmer des Mannes, den sie dreißig Jahre später heiraten sollte. „Richtig schnulzig“, unterbricht Peter Kowalsky die Erzählung seiner Mutter. Der Neununddreißigjährige spricht lieber vom Jetzt und damit von der Bionade. Bald werde sie auch in Amerika gebraut, sagt der Diplom-Brauingenieur, der heute Geschäftsführer der 2002 gegründeten Bionade GmbH ist. Nicht schick, aber aufgeräumt in Hemd und Jeans gekleidet, die Haare blond gelockt wie die Mutter, sitzt er da, in der Hand einen Blackberry. Trotz der unaufhörlichen Schwärmerei für sein Produkt und trotz seiner fortwährenden Idealisierung des Geistes, der dahinterstecken soll - ökologisch, gesund, erschwinglich -, fällt es schwer, seinen Enthusiasmus als reine Verkaufsstrategie zu interpretieren.

Die wankelmütige Szene

Ob er denn nicht fürchte, dass das Szenegetränk mit dem kommerziellen Erfolg seinen Kultcharakter verliere? „Von der Szene kann man nicht leben, die verabschiedet sich irgendwann. Die Bionade ist vielmehr ein Getränk fürs Volk.“ So wie früher das Bier der Brauerei. Nach hundertfünfundzwanzig Jahren in Familienbesitz macht Bier nur noch ein Prozent der Produktion aus. Die „Bombe“ hat das Unternehmen gerettet, die Tradition aber ist ihr zum Opfer gefallen.

Zurück zu den sechziger Jahren: Braumeister Dieter Leipold sucht eine Urlaubsvertretung. Sein alter Freund Bernd Kowalsky fällt ihm wieder ein. Alsbald lernt er ihn in Ostheim an. Dann wird Leipolds Freundin schwanger. Der Braumeister, katholisch erzogen, hat keine Wahl. Er heiratet das Mädchen. Zur gleichen Zeit wächst der Druck auf Sigrid Peter. Der Vater will, dass sie einen Brauer heiratet, der später den Betrieb übernehmen kann. Sie heiratet Bernd Kowalsky. Beide Ehen bringen jeweils zwei Kinder hervor, bevor sie in den achtziger Jahren scheitern. Dieter Leipold und Sigrid Peter-Leipold kommen zusammen.

Die Gesetze der Ökonomie versagen

1987 übergibt Ludwig Peter seiner Tochter den „Peter-Bräu“, der wie so viele Brauereien in der Region angeschlagen ist. „Jeden Tag mussten wir mit den Banken telefonieren“, sagt sie. Aber die Zahlen sind desaströs. Zu einer Summe, die womöglich eine Entscheidung gegen die Brauerei erzwänge, würden sie jedoch nie und nimmer addiert. Die Bilanz soll für eine Firma alles bedeuten. Aber was zählt dieser Grundsatz für den, dem die Firma alles bedeutet? Hier versagen die Gesetze der reinen Ökonomie: Man ist schließlich nicht anonymen Aktionären Rechenschaft schuldig, sondern der Verwandtschaft. Hier sitzt kein Manager im Büro des Geschäftsführers, sondern die Mutter. Personalführung heißt hier, einen Streit der Söhne zu schlichten. Und den Betrieb sanieren hieße nicht bloß, die Zukunft der Kinder zu sichern, sondern die eigene Vergangenheit am Leben zu erhalten.

Anfang der neunziger Jahre werden die Banken unruhig. Von den siebenhundert Brauereien, die es zu dieser Zeit in Bayern nur noch gibt, geben jeden Monat drei auf. Die Hoffnungen der Ostheimer Familie konzentrieren sich mehr und mehr auf Dieter Leipold, der nach Feierabend an seinem Geheimplan arbeitet - eine gesunde Limonade, die nach dem Reinheitsgebot wie Bier gebraut wird, aber keinen Akohol enthält. Als Versuchslabor dient die Wohnung. In der Küche werden die Würze und die Mineralien gekocht, das Ergebnis im Wohnzimmer abgestellt. Dort stehen die Gläser auf den Fensterbänken und der Schrankvitrine, und neben der grünen Couch fermentiert eine Flüssigkeit tagelang vor sich hin. Im Badezimmer mischt Dieter Leipold schließlich Aromen in die Behälter und filtriert das Getränk.

Erstmal viel zu sauer

Die ersten Versuche schmecken „katastrophal: viel zu sauer“, sagt Sigrid Peter-Leipold. Auch ihr Vater, der alte Braumeister, ist skeptisch. Nach dem Tod seiner Frau kommt er jeden Tag zu Besuch, Die Tochter kocht jetzt für ihn. „Beim Blick ins Wohnzimmer hat er immer die Augenbrauen gehoben“, erzählt sie. Der Familie gegenüber zeigt er sich desinteressiert an den Experimenten, die Dieter Leipold durchführt. „Aber wenn er sich unbeobachtet gefühlt hat, hat er ein Glas nach dem anderen genommen und daran gerochen.“ Außerhalb der Familie glaubt sowieso niemand, dass dieses seltsame Getränk die alte Brauerei noch retten könne. In der Familie ist es nur der Vater, der misstrauisch ist, bis zuletzt. Kurz bevor die Bionade auf den Markt kommt, stirbt Ludwig Peter.

An der Wand im Wohnzimmer findet sich doch noch ein vergilbter Hinweis auf die Erfolgsgeschichte der Bionade: eine gerahmte Seite der Zeitung „Philippine Star“ aus dem Jahr 1995, dem Jahr der Markteinführung in Deutschland. Im Zentrum des Artikels stehen Dieter Leipold und seine Pioniergeschichte. Der heute Neunundsechzigjährige sitzt auf der Couch. Der aufsteigende Rauch seiner Reval vernebelt die Sommerlandschaft, die an der Wand hängt. Er erzählt vom deutschstämmigen Technischen Direktor der „San Miguel Corporation“, des größten Getränkeherstellers auf den Philippinen. Der will Bionade auf den asiatischen Markt bringen und lockt mit einem Millionenangebot. Jetzt scheint die „Bombe“ hochzugehen. „Die haben uns nach Manila einfliegen lassen, mit Erste-Klasse-Tickets. Unfassbar“, sagt Sigrid Peter-Leipold. Zu Hause die marode Brauerei, dort das viele Geld.

Die späte Explosion

Aber an dem Tag, an dem der Vertrag unterzeichnet wird, finden auf den Philippinen Wahlen statt. Die Regierung wechselt und damit auch die Führungsspitze des „San Miguel“-Konzerns, der zu einem Drittel dem Staat gehört. Nach drei Monaten wird die Bionade-Abfüllung eingestellt, der Vertrag über fünfzehn Millionen Dollar ist hinfällig. Der Brauerei in Ostheim steht abermals vor dem Abgrund. „Da mussten wir halt wieder von vorne beginnen“, sagt Dieter Leipold, „aber hilft ja nix, so war das damals.“

1997 nimmt ein Hamburger Getränkegroßhändler die Bionade in sein Sortiment auf, die Szene entdeckt das Getränk. Im selben Jahr übergibt Sigrid Peter-Leipold, mittlerweile mit Dieter Leipold verheiratet, die Geschäfte ihrem Sohn Peter. Er zieht in das Haus, in dem zuvor sein Großvater Ludwig gelebt hat. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Stephan bleibt im Hintergrund, der Braumeister ist für die Technik in der Brauerei verantwortlich. Die Frauen der Brüder helfen bei der Buchhaltung mit. Die Familie hält zusammen, aber die Sorgen bleiben. Weitere fünf Jahre sollten vergehen, bis die Bionade durch große Medienpräsenz und geschicktes Marketing zur Sensation würde. Fünf Jahre zwischen Hoffen und Bangen. Viel zu lange für die Beteiligten, um von einer Explosion sprechen zu können. Viel zu wenig Zeit, um zu vergessen, wie das damals halt so war.



Text: F.A.Z., 11.09.2007, Nr. 211 / Seite 42
Bildmaterial: Daniel Pilar, REUTERS

 
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