F.A.Z.-Edition

Was sind Klassiker der Comic-Literatur?

Von Andreas Platthaus

23. September 2005 Comics gibt es seit mehr als hundert Jahren - oder schon so lange wie den Zivilisationsprozeß der Menschheit, wenn man denn jede Form von Erzählen in Bildern als Vorläufer anerkennte. Aber was heute unter dem Begriff „Comic“ verstanden wird, verdankt sich im Guten wie im Schlechten einigen wenigen Serien, die sich im zwanzigsten Jahrhundert in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt haben.

Es gibt keine Silhouette, die einfacher wiederzuerkennen wäre als die von Micky Maus; es gibt keinen größeren Helden als Superman; es gibt keinen versonneneren Träumer als Charlie Brown aus den „Peanuts“ und keinen einsameren Cowboy als Lucky Luke.

Die Kriterien: Qualität und Einfluß

Das sind vier Beispiele für Klassiker der Comic-Literatur, und man könnte noch drei, vier Dutzend mehr nennen. In ihrer Edition „Klassiker der Comic-Literatur“ beschränkt sich die Frankfurter Allgemeine auf eine Auswahl von zwanzig, die alle dem westlichen Kulturkreis entstammen. Kriterien für die von der F.A.Z.-Feuilletonredaktion getroffene Auswahl waren zeichnerische, mehr aber noch erzählerische Qualität und der Einfluß, den die jeweiligen Titel auf die Entwicklung des ganzen Metiers ausgeübt haben.

Dabei wurden mit wenigen Ausnahmen Bände zusammengestellt, die sich einzelnen Serien widmen, nicht einzelnen Autoren. In einigen Fällen kam beides zusammen: „Fritz the Cat“ ist nur von Robert Crumb gezeichnet worden, „Corto Maltese“ nur von Hugo Pratt“, „Gaston“ nur von André Franquin. Und in einem einzigen Fall, bei dem zu Beginn dieses Jahres verstorbenen Amerikaner Will Eisner, wurde ein ganzer Band nach diesem Zeichner benannt, weil hier ein die Grenzen der Gattung sprengendes Werk vorliegt, das auf keinen anderen Nenner zu bringen ist als auf den Namen seines Autors.

Wann kommt man schon dazu?

Über die Auswahl wird man trefflich streiten können, aber keiner der aufgenommenen Titel selbst ist in seiner Bedeutung fraglich. Amerikanische Autoren sind in der Überzahl gegenüber den europäischen, aber die wichtigsten erzählerischen Entwicklungen wie Superhelden (außer Superman bieten wir noch die Fantastischen Vier, Batman und Spider-Man) und Abenteuercomics (Prinz Eisenherz und Tarzan) stammen nun einmal aus den Vereinigten Staaten. Dort wurde der Comic großgezogen, ehe er dann einige der schönsten Phasen seines erwachsenen Lebens auf der anderen Seite des Atlantiks genießen durfte.

Die Frankfurter Allgemeine legt - als Tageszeitung nicht überraschend - großen Wert auf den Comicstrip, auf jene Serien also, die für Zeitungen gezeichnet worden sind. Dabei sind mit Hägar, Dilbert und Strizz auch jüngere Arbeiten vertreten, die diese Tradition auf neue Höhen geführt haben. Und natürlich wird es keinen Kenner des F.A.Z.-Feuilletons wundern, daß Donald Duck in diesen Klassikern vertreten ist. Auch er ist ein Comicliebhaber, sein Lieblingsheft heißt „Crocko Comics“, und wenn er sich damit in einen urgemütlichen Sessel zurückzieht, mahnt er: „Es paßt mir einfach nicht, bei spannender Lektüre gestört zu werden! Wann kommt man schon dazu?“ Die Antwort lautet: Seit Anfang September, wenn in zwanzig Folgen die „Klassiker der Comic-Literatur“ erscheinen - überall im Buchhandel und am Kiosk oder auf Bestellung.



Text: F.A.Z.

Lucky Luke

Dumm und frech, das paßt zusammen

In der Gesellschaft der Klassiker ist der Banause der Bösewicht: In René Goscinnys komischem Universum behält Lucky Luke, der passive Westernheld, immer das letzte Wort.

Klassiker der Comic-Literatur

Haha, das wird lustig!

Unfreiwilliger Humor ist seine Sache nicht: Bei Robert Crumb ist selbstgerechten Lesern das Lachen verboten. Mit „Fritz the Cat“ brachte er Sex und Gewalt in die Funny-Animals-Comics. Der Altmeister ist ein junggebliebener Wilder.

Klassiker der Comic-Literatur

Der Büroträumer

Die Entdeckung der Müdigkeit: „Gaston“ ist eine Comic-Serie, in der ihr Zeichner Andre Franquin die Welt erträumte und träumen ließ.

Klassiker der Comic-Literatur

Die Geistesblitzableiter - Dilbert

Scott Adams zeichnet mit seinem Comic strip „Dilbert“ ein Plädoyer für die Massenangestelltenhaltung. Dilbert ist Ingenieur - und viel mehr wäre eigentlich über ihn nicht zu sagen.

Klassiker der Comic-Literatur

Der gezähmte Anarchist: Micky Maus

Ein Opfer seines Erfolgs: Micky hat sich vom wilden Tier zur Saubermaus gewandelt. Die Abenteuer der berühmtesten aller Comic-Figuren sind ohne Zahl, doch es gibt einige, die alle Erwartungen übertreffen.

Klassiker der Comic-Literatur

Spider-Man: Träumen Superhelden von normalen Mädchen?

Der ganz normale Maskierte: Mit Spider-Man hat Stan Lee das Abbild unserer Suche nach dem richtigen Rollenmodell geschaffen - einen Superhelden, um den man sich sorgen muß.

Klassiker der Comic-Literatur

Blaumachen fürs Gemeinwohl: Die Schlümpfe

Schlumpfsein bedeutet niemals Einzelschlumpfsein, sondern stets Mitschlumpfsein: Warum es sich bei den blauen Däumlingen aus dem Dorf Schlumpfhausen eigentlich um Maoisten handelt.

Klassiker der Comic-Literatur

Amerikas wichtigster Zeichner: Will Eisner

Er ist der wichtigste Zeichner des amerikanischen Comics: Will Eisner, der den geheimnisvollen Detektiv „The Spirit“ erfand, hat mit seinen Comic-Romanen eine ganz neue Form geschaffen.

Klassiker der Comic-Literatur

Die eilige Familie: Die Simpsons

Melancholerikervater Homer Simpson

Als die Bilder stehen lernten: Als Fernsehshow sind „Die Simpsons“ universal und menschheitsbildend, doch erst die Comics bieten die Chance, das Einfallsfeuerwerk zu überblicken.

Klassiker der Comic-Literatur

Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos

Wenn es eine Geschichte gibt, die den Namen Comic-Roman verdient, dann „Die Südseeballade“ von Hugo Pratt - der Beginn der Abenteuerserie um den Seemann Corto Maltese.

Klassiker der Comic-Literatur

Der bärtige Geist des freien Unternehmertums: Hägar

Das verstehen Spießer wie wir von den Freuden des freien Räuberberufs: Dik Brownes „Hägar der Schreckliche“, den seine noch schrecklichere Gattin hinaus auf die Weltmeere trieb, könnte Historikern zu denken geben.

Klassiker der Comic-Literatur

Der Wilde Westen ließ ihm graue Haare wachsen: „Blueberry“

Hier wird gefälligst mitgealtert: Mit Leutnant Blueberry schuf der Zeichner Jean Giraud ein Selbstporträt der besonderen Art - die erste populäre Comic-Figur, die in Echtzeit alterte.

Klassiker der Comic-Literatur

Literatur in Bildern: Tarzan

Nie war man mit solcher Genugtuung Richter: Burne Hogarth und Joe Kubert kämpfen um die ästhetische Herrschaft über Tarzan und lassen dem Dschungelfürsten all ihre Fähigkeiten zukommen.

Klassiker der Comic-Literatur

Faustrecht als graphisches Erzählideal: Batman

Wenn große Medienunternehmen den Individualismus und die Selbstjustiz verkaufen: Batman darf nicht altern. Der Superheld ist zur begehrtesten Figur der namhaftesten amerikanischen Zeichner geworden.

Klassiker der Comic-Klassiker

Ihm ist ganz kannibalisch wohl: Strizz

Eine schöne bürgerliche Geschichte: „Strizz“ ist ein Angestellter, der sich nicht so anstellen will. Was aus Volker Reiches Serie einen Comic-Klassiker zu Lebzeiten gemacht hat.

Klassiker der Comic-Literatur

Es zuckt der gewisse zündende Funke

Donald Duck: Ein Entenleben

Die tollsten Reflexe von Donald Duck: Carl Barks, Physiognomiker und Anatom unserer Zeit, läßt die Ente über den Menschen hinauswachsen. Donald Duck ist Autodidakt wie Barks selbst. Von Patrick Bahners

Klassiker der Comic-Literatur

Eine amerikanische Revolution: Die Fantastischen Vier

Hier mal nicht unsichtbar: Susan Storm

Sie bilden eine Schicksalsgemeinschaft, die einander ewig aushelfen muß: „Die Fantastischen Vier“ von Jack Kirby sind Erneuerer des Comic-Genres und Pioniere des amerikanischen Nationalgeistes.

Klassiker der Comic-Literatur

Das Millionenspiel um einen Helden

Das dreisteste Geschäft der Comic-Geschichte: Superman

Zum Auftakt der F.A.Z.-Edition „Klassiker der Comic-Literatur“: Wie der Mann von morgen zum Mann aus Stahl wurde: Superman ist der Gründervater eines ganzen Genres. Und die Serie eine Chronik der Jugendkultur.

Klassiker der Comic-Literatur

Kindertheater der Grausamkeit: Peanuts

Auch im Staat der Zwerge bestimmt Machiavelli die Räson: Bei den Peanuts von Charles M. Schulz wird die Erbsünde urkomisch. Eine neue Folge der „Klassiker der Comic-Literatur“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Klassiker der Comic-Literatur

Prinz Eisenherz, das bin ich

Klassiker der Comic-Literatur: Harold R. Foster schuf mit seiner Abenteuerserie „Prinz Eisenherz“ einen Zeitungscomic, der seit Jahrzehnten Historiker wie Leser herausgefordert hat.