Milla Jovovich

Angst macht schön

Superfrau und Aktionheldin - Milla Jovovich

Superfrau und Aktionheldin - Milla Jovovich

27. September 2004 Als sie neun war, bekam sie ihre erste Filmrolle. Als sie elf war, erschien ihr Gesicht auf den Titelblättern der Welt. Als sie achtzehn war, lagen auf ihrem Konto ein paar Millionen Dollar und in ihrer Schublade ein Vertrag mit L'Oreal.

Sie drehte mit Luc Besson und Richard Linklater, mit Bruce Willis und Dustin Hoffman, mit Spike Lee und Wim Wenders, sie war die Jungfrau von Orleans und die Rettung der Welt. Jetzt ist sie wieder da. In "Resident Evil: Apocalypse" schießt sie sich stoisch und schön durch die Welt eines Videospiels, aus dem jemand einen Film gemacht hat. Und heute sitzt sie in einem Hotelzimmer auf dem Sofa, raucht Zigaretten, hat Augen schwarz wie Kaviar und eine Stimme, die kratzig ist und laut und mit der sie einen auffressen könnte. Zum Glück hat sie gute Laune.

Frau Jovovich, Ihr neuer Film "Resident Evil" ist laut und gruselig und irgendwie auch lustig ...

Eine der schönsten Frauen Hollywoods - Milla Jovovich

Eine der schönsten Frauen Hollywoods - Milla Jovovich

Ein großer Spaß ist das, oder?

... aber wollen wir uns wirklich über den Film unterhalten?

Deswegen bin ich doch hier.

Wollen wir uns nicht lieber über Angst unterhalten?

Wie Sie wollen. Es ist Ihre Zeit.

Also: Angst.

Oh, da habe ich mehr als genug.

Was ist Ihre Lieblingsangst?

Das stellen Sie sich so vor: Lieblingsangst! Nein, ich hasse meine Ängste. Ich fürchte mich vor Höhe. Das war ein echtes Problem bei den Dreharbeiten. Ich fürchte mich vor engen Räumen ...

Auch da war "Resident Evil" wahrscheinlich nicht besonders hilfreich.

Die gebürtige Ukrainerin auf den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2002

Die gebürtige Ukrainerin auf den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2002

Es war der Horror!

Noch mehr Ängste?

Ich fürchte mich davor, daß ich zu früh sterbe. Schließlich gibt es noch so viel zu sagen und zu tun. Aber meine größte Angst ist, daß ich Zeit verschwende. Vor ein paar Jahren ist ein enger Freund gestorben, seitdem weiß ich, daß jede Minute wichtig ist.

Wie wirkt Angst bei Ihnen?

Wandlungsfähig - Jovovich als “Jeanne D`Arc“ im Jahr 1999

Wandlungsfähig - Jovovich als "Jeanne D`Arc" im Jahr 1999

Motivierend. Wenn mir etwas Angst macht, dann muß ich es tun. Um die Angst zu überwinden.

Sie sperren sich in enge, fensterlose Holzkisten?

Sind Sie verrückt? Das passiert früh genug. Wenn ich sterbe.

Aber "Resident Evil" war eine Art Therapie für Sie?

Milla Jovovich in “Resident Evil - Apokalypse“

Milla Jovovich in "Resident Evil - Apokalypse"

Ich bin bei den Dreharbeiten wirklich durch die Hölle gegangen. Das ist aber eigentlich immer so: Nicht nur in den Actionfilmen, es gibt ja auch Rollen mit unglaublichen emotionalen Höhen und Tiefen. Das Problem ist: Je weiter ich mich vor der Kamera wage, desto mehr werde ich in meinem Privatleben zu einem Angsthasen. Da ist es schon ein Horror für mich, wenn ich nur zum Zahnarzt muß.

Eine Frau, die so gut aussieht, wenn Sie Zombies abschießt?

Ich habe genug in "Resident Evil" erlebt, da brauche ich nicht noch jemanden, der mir in den Zähnen herumbohrt. Das Ergebnis sind all die Plomben. Sehen Sie!

Waren Sie mal im Krankenhaus?

Auf einer Aids-Gala während des Filmfestivals in Cannes im Jahr 2002

Auf einer Aids-Gala während des Filmfestivals in Cannes im Jahr 2002

Ich habe meine halbe Kindheit im Krankenhaus verbracht. Ich hatte eine Art Meningitis, als ich zwei Jahre alt war. Wir waren damals noch in Rußland, ich lag in einem kleinen Krankenhaus auf dem Land, und die Ärzte sagten zu meiner Mutter: "Machen Sie sich keine Sorgen, sie hat nur Fieber." Aber meine Mutter glaubte ihnen nicht. Sie hat mich aus dem Krankenhaus geschmuggelt und ist mit mir nach Moskau gefahren. Sie hatte Freunde in der Mafia, das half. In Moskau haben sie ihr gesagt, wäre sie eine Stunde später gekommen, wäre ich gestorben.

Und so dramatisch ging es weiter?

Sagen Sie mir eine Krankheit, ich hatte sie!

Was sind Ihre Erinnerungen aus der Zeit, als Sie so krank waren?

Ich erinnere mich vor allem an einen Abend. Wir lebten damals schon in Amerika, in Hollywood, meine Eltern arbeiteten als Hausmeister für den Regisseur Brian de Palma und wohnten mit mir in seinem Gästehaus. Es gab dort ein winziges Schlafzimmer, das bekam ich. Und an diesem Abend, als ich wieder einmal sehr krank war, hörte ich, wie meine Mutter meinen Vater fragte: "Wird sie sterben?"

Was hatten Sie?

Ich hatte eine Lungenentzündung. Ich war damals ungefähr sechs Jahre alt, ich rief nach meiner Mutter und fragte: "Mummy, Mummy, werde ich sterben?" Sie haben mich dann in ein Krankenhaus gebracht, und als ich wieder nach Hause kam, sagte mein Vater: "Baby, du warst so tapfer, willst du etwas aus dem Spielzeugladen?" Er brachte mir ein Barbie-Set, und ich war glücklich. Was ich natürlich nicht wußte: Es war wie ein Blick in meine Model-Zukunft.

Wie kam das mit de Palma?

Meine Eltern hatten Freunde aus Polen, die schon vor uns in Amerika waren und für Brian de Palma arbeiteten. Von denen haben sie dann den Job übernommen.

Ihre Mutter war Schauspielerin in der Sowjetunion, hat sie in Amerika je wieder gespielt?

Nein, sie hat sich ganz auf mich konzentriert. Sie hat ihre Karriere aufgegeben, damit ich ein besseres Leben haben konnte.

Warum haben Ihre Eltern Rußland verlassen?

Mein Vater stammt aus Jugoslawien und kam in den siebziger Jahren nach Rußland, um Medizin zu studieren. Dort hat er meine Mutter getroffen. Sie wurde schwanger, sie haben geheiratet, das Übliche eben. Aber dann ist er nach England gegangen, um dort weiterzustudieren. Und meine Mutter hat schließlich irgendwann gesagt, ich habe hier alles erreicht, ich bin ein Star, wir sind reich - und trotzdem leben wir in einer Wohnung so groß wie eine Schuhschachtel. Mir reicht es. Ich will nicht, daß meine Tochter in diesem Land aufwächst. Also sind wir gegangen. Und sie hat Toiletten geputzt.

Und dann sind Sie gleich nach Los Angeles gekommen?

Wie so viele Russen. Die Hälfte der Taxifahrer in Los Angeles sind Russen. Und die Hälfte von denen sind Atomphysiker. Sie wirken wie Idioten, weil sie irgendeine Kreuzung nicht kennen. Aber dafür verstehen sie Einsteins Theorien.

Sprechen Sie Russisch?

Meine ganze Erziehung war sehr europäisch. Ich habe viel klassische Literatur gelesen, russische und andere. Ich glaube, ich bin dadurch schneller erwachsen geworden. Ich habe Emile Zola und Henry Miller gelesen, als ich dreizehn war. Meine Lehrerin hat mich aus dem Klassenzimmer geworfen, als sie sah, daß ich "Nana" las. "Wenn das die anderen Kinder sehen", sagte sie, "die Geschichte einer Prostituierten!" Aber es war doch Zola!

Wie war es, als Emigrantenkind aufzuwachsen?

In der Schule war ich einsam. Schon wegen meines Namens. Die anderen Kinder nannten mich eine Kommunistin oder einen Nazi, das war für die das gleiche. Und ich sah so viel älter aus, als ich eigentlich war. Die anderen Kinder hatten immer etwas Angst vor mir. Und die einzigen Freundinnen, die ich hatte, waren auch Russinnen.

Wie wurden Sie erzogen?

Meinen Eltern war immer wichtig, daß ich ihr Arbeitsethos übernehme. Mein Vater hatte neben seinem Medizinstudium drei Jobs, meine Mutter kümmerte sich um mich, glauben Sie mir, das war auch ein 24-Stunden-Job. Das war nicht wie bei den amerikanischen Kindern, die nach der Schule Fernsehen durften oder mit Puppen spielen. Ich hatte Klavierstunden, Tanzstunden, Schauspielstunden. Die Woche ist zum Arbeiten da, war die Botschaft meiner Eltern. Puppenspielen durfte ich nur am Wochenende.

Haben Sie Ihre Eltern nie dafür gehaßt, für all den Druck?

Natürlich. Es gibt immer eine Zeit, in der man seine Eltern haßt. Als Teenager habe ich es Ihnen ins Gesicht geschleudert: Ihr habt mein Leben ruiniert. Aber so ist das: Heute bin ich achtundzwanzig und denke, danke, Mutter, daß du mich nicht allein gelassen hast. Ich wäre sonst vielleicht in irgendeiner Drogenklinik gelandet.

Welchen Teil Ihrer Kindheit wollen Sie nie vergessen?

Ich will mich immer an dieses Gefühl erinnern, das ich als Kind hatte. Als ich dachte, die Welt gehört mir. Als ich dachte, alle lieben mich und ich liebe alle Menschen. Das war noch, bevor mir die ersten Türen zugeschlagen wurden. Als ich neun Jahre alt war, da habe ich verstanden, daß ich nicht jeden Job bekomme, den ich will.

Mit neun?

Wissen Sie, meinen ersten Model-Job hatte ich erst, als ich elf war. Zwei Jahre lang wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das ist hart, zwei Jahre zurückgewiesen zu werden. Das machte mich damals sehr unsicher. Und auch wenn ich heute eine Rolle nicht bekomme, die ich unbedingt will, dann muß ich mir immer wieder sagen: Es ist nicht persönlich gemeint, sie haben nichts gegen dich.

Und dann?

Dann rede ich mit meiner Mutter, und sie sagt, alles ist gut, du machst das wunderbar, versuche glücklich zu sein, finde einen guten Mann fürs Leben. Leichter gesagt, als getan.

Diese Distanz, die Einsamkeit, die Fremdheit, von der Sie erzählen - das findet sich oft in Ihren Rollen, als Johanna von Orleans, im "Fünften Element" oder in "Million Dollar Hotel" von Wim Wenders. Ist das Zufall?

Ja und nein. Es steckt sicher oft etwas von mir in diesen Rollen. Andererseits kann ich nur das spielen, was mir angeboten wird. Mit Wim Wenders war das allerdings anders, mit ihm wollte ich unbedingt arbeiten. Als ich ihn traf, gab es da sofort eine besondere Beziehung. Wir waren wie zwei verwandte Seelen. Er ist der Vater, der mein eigener Vater nie sein konnte, weil er immer arbeiten mußte. Bis heute bin ich eng mit Wim und seiner Frau befreundet.

Und Ihre Modelkarriere

Das macht es noch mal schwieriger. Besonders die amerikanischen Zuschauer können mich nur schwer als normale Frau sehen. Deswegen bekomme ich eben mehr Angebote, Superfrauen oder Heldinnen zu spielen. Aber ich versuche, eine Balance hinzukriegen. Nächstes Jahr werde ich einen Film mit Billy Bob Thornton drehen. Und im November spiele ich wahrscheinlich in einem kleinen Independent-Film ein etwas verrücktes Mädchen aus Queens, das Waffen schmuggelt.

Hat Ihre Schönheit etwas damit zu tun, daß Sie Rollen bekommen wie "Resident Evil"? Anders gesagt: Funktioniert Angst besser, wenn die Person schön ist?

Hm, wahrscheinlich, ja. Ich liebe es aber, in meinen Rollen Kontraste zu zeigen: Verletzlichkeit und Stärke in der gleichen Person. Eine Stärke, die aus dem Willen kommt, eine Stärke, die jede Mutter fühlt, wenn ihr Kind in Gefahr ist. Sie kann noch so dürr aussehen, aber sie wird für ihr Kind zur Furie. Jeder Mensch hat diese Kraft in sich, die meisten ahnen nur nichts davon. Es ist die Kraft von 40000 Hiroshimabomben.

Was bedeutet Glück für Sie?

Glück heißt Freiheit. Die Freiheit, Nein zu sagen. Die Freiheit, mich zu entscheiden, egal, ob es richtig oder falsch ist. Die Freiheit, das zu tun, was ich will.

Das Gespräch führte Georg Diez



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.09.2004, Nr. 39 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa

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