24. Januar 2007 Handwerk hat goldenen Boden. Sagt der Volksmund. Aber Handwerk ist mehr als nur ein Geschick. Es ist Sinn, Gefühl, Leidenschaft, Inspiration und Bestimmung. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bat den Torhüter Oliver Kahn und den Pianisten Lang Lang zum Gespräch.
Herr Lang Lang, erklären Sie uns doch mal, was Sie so an Oliver Kahn fasziniert.
Lang Lang: Ich bin schon seit vielen Jahren ein großer Fan von Oliver. Er ist in meinen Augen der größte Torhüter aller Zeiten. Ich werde niemals vergessen, wie er mich, speziell bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Asien, durch seine coole Art so unglaublich inspiriert hat. Ich habe seitdem so viele Dinge von ihm gelernt, was seine Leistung angeht, seine Motivation, seine ganze Performance. Es gibt so viele Dinge an ihm, die ich als Inspiration für mich rausziehen kann und von seinem Sport in meine Musik übertragen kann.
Was zum Beispiel?
Lang Lang: Das Besondere im Leben allgemein ist das Unerwartete, das auf einen zukommen kann. Und in diesem Sinne ist Fußball das Besondere. Es gibt zwei Mannschaften, die versuchen das Spiel zu gewinnen. Aber dann plötzlich passiert das Unerwartete. Auf mich übertragen, heißt das: Jedes Konzert ist erst mal gleich. Als spielte ich das gleiche Spiel jeden Abend neu. Aber jeder Abend ist auch anders. Immer frische Emotionen, neue Inspirationen, der andere Weg, etwas zu kreieren, was du schon hundertmal zuvor gespielt hast. Jeder Abend ist auch eine Neuschöpfung, die es so vorher noch nie gegeben hat.
Haben Sie Kahn schon mal live im Stadion gesehen?
Lang Lang: Ich habe Oliver einmal live im Stadion gesehen. Das war im letzten Jahr, als Bayern in der Champions League gegen AC Milan spielte (1:1). Ich war wirklich aufgeregt, denn normalerweise sehe ich ihn ja nur am Fernseher. Ich hatte extra ein Fernglas dabei, um Olivers Ausdruck studieren zu können.
Bei der Weltmeisterschaft in Deutschland konnten Sie ihn ja nicht bewundern . . .
Lang Lang: Das war für mich eine große Überraschung, dass er nicht im Tor stand. Er ist schließlich der Beste. Das war ungerecht. Ich war sehr traurig, aber dann hat er ja doch noch das letzte Spiel um Platz drei gespielt. Eigentlich wollte ich ihn im Stadion sehen. Aber ich wurde krank, und mein Arzt schickte mich zurück nach Hause. So habe ich Olivers letztes Spiel in China im Fernsehen gesehen. Das hat mir viel bedeutet.
Herr Kahn, von wem lassen Sie sich inspirieren?
Oliver Kahn: Es ist schon faszinierend, wenn er sagt, er lässt sich von mir inspirieren. Das gehört für mich zu den schönsten Komplimenten überhaupt. Das zeigt mir auch, dass vieles, was ich in meiner Karriere angepackt habe, nicht so verkehrt gewesen sein kann. Umgekehrt lass' ich mich ja auch von anderen Menschen inspirieren. Ein ganz typisches Beispiel: Es war vor einem Länderspiel in Hamburg gegen Griechenland. Ich lag auf meinem Zimmer und schaute Golf. Und Tiger Woods hat der Perfektion nahe gespielt. Ich habe mir das angeschaut, war beeindruckt und gleichzeitig total entspannt und ruhig. Vier, fünf Stunden später bin ich auf den Platz und habe eine Super-Länderspiel gemacht. Alles war im Flow, alles hat gepasst, alles war nahezu perfekt. In dem Moment habe ich gespürt: Das ist Inspiration. Man geht rein, tut was und hat von irgendjemandem was aufgenommen. Was, kann keiner so genau sagen.
Lang Lang: Das ist etwas, das dein Herz und deinen Verstand durchdringt. Es geht dabei nicht um Imitation. Wer nur nachahmt, der ist nur die Kopie. Darum geht es nicht. Diese Talente, ob Tiger oder Oliver, geben dir eine neue Idee zu denken mit. Und plötzlich kommt es beim Konzert aus mir heraus, einfach so. Plötzlich kommen viele neue Ideen in mein Spiel, und es ist total unglaublich. Wer kann mir schon mit Sicherheit sagen, ob ich es nicht am nächsten Abend schon wieder vergessen habe?
Erklären Sie uns: Was genau ist Ihr Handwerk, Ihre Kunst?
Kahn: Mein Handwerk ist: Bälle halten. Dazu benutze ich ja nicht nur meine Hände, dazu benutze ich alles. Ich habe großes Talent mitbekommen, und ich war bereit, dieses Talent bis heute durch sehr viel harte Arbeit auszuformen.
Lang Lang: Ich bin kein Sänger. Wenn ich Klavier spiele, dann ist das für mich wie Sprechen. Es ist für mich wie eine Zeitreise. Der Komponist lebte, sagen wir, 200 Jahre früher. Aber durch meine Hände wird er Gegenwart. Das ist das Wichtigste für einen Pianisten, dass seine Hände zu einer wirklichen Persönlichkeit werden. Diese Persönlichkeit muss ins Klavier eintauchen, damit die Maschine lebendig wird, aus Fleisch und Blut. Wenn ich diesen Zustand erreiche, dann ist es perfekt.
Sie beide reden auffallend häufig von Perfektion. Ist die so wichtig?
Kahn: Perfektion ist nichts Erreichbares. Ich kann danach streben, ich kann mich annähern, aber Perfektion ist unmenschlich. Dessen sollte man sich bewusst sein, sonst kann das in eine Einbahnstraße führenLang
Lang Lang: In der Musik gibt es erst recht keine Perfektion. Was soll das schon heißen: perfekte Musik? Das weiß keiner. Selbst Mozart nicht, der wahrscheinlich am nächsten dran war, an musikalischer Perfektion. Hätte man ihn selbst gefragt, ob er perfekt gewesen sei, er hätte es verneint und uns ausgelacht.
Sie beide spielen Ihr Spiel mit auffallend großer Gestik und Mimik. Woher diese übersprudelnde Emotion?
Lang Lang: Das Wichtigste ist: Sei du selbst. Ich kann nicht spielen wie jemand anderer. Wenn du dich mit Musik beschäftigst, mit Musikstücken, die Meisterwerke sind, dann schaust du dir die Struktur des Stückes an. Es geht um die Seele des ganzen Werks, und danach entwickelst du deine exakte Interpretation. Du nimmst die kleinen Dinge und baust sie aufeinander auf bis zum großen, ganzen Stück. Aber das Entscheidende sind die kleinen Details. Dann folge deiner Intuition. Und wenn du ein volles Haus hast, leider nicht so voll wie Olivers Stadion, dann spiele nicht so, wie du fühlst, aber doch ganz nah an dir dran. Was der Komponist wirklich wollte, werden wir eh nie erfahren.
Kahn: Ich glaube, dass man ein bisschen so auch auf die Welt kommt. Es gibt eben Menschen, die das, was sie tun, ihre Leidenschaft, nach außen tragen. Wenn ich etwas mit totaler Leidenschaft tue, dann kann ich es nicht cool, ohne Gefühle zu zeigen, tun. Es gibt auch andere Beispiele wie Björn Borg, der nie auch nur eine einzige Reaktion gezeigt hat. Ich könnte das nicht. Bei mir sieht man oftmals sehr genau, wie es mir gerade geht, wie ich mich fühle. Ich muss meine Emotionen rauslassen. Wenn ich den Frust, die Aggressionen in mir drin lassen würde, dann wäre das auf Dauer nicht sehr gesund.
Welche Bedeutung haben Ihre Hände für Ihre Kunst?
Lang Lang: Für Pianisten sind Hände das Wertvollste, das sie haben. Die Hände sind Nummer 1, der Hintern Nummer 2. Du kannst schließlich nicht im Stehen spielen. Wenn du als Klavierspieler also über eine Versicherung nachdenkst, dann vergiss den Hintern nicht (lacht auf).
Kahn: Meine Hände sind das Kapital. Das Werkzeug, das ich benutze. Und man sieht es auch, wenn man sich meine Hände anschaut, da ist schon eine Menge passiert. Aber das Entscheidende ist der Kopf. Denn mein Kopf sagt, was meine Hände zu tun haben. Der aktiviert sie in Bruchteilen von Sekunden.
Kann man diese besondere Hand-Auge-Koordination, die Sie beide auszeichnet, lernen?
Kahn: Natürlich brauchst du gewisse Grundvoraussetzungen: kräftige Hände, gute Knochen. Aber ich bin gar nicht so überzeugt, ob meine Hand-Auge-Koordination wirklich so gut ist. Wenn das so wäre, dann würde mir das Golfspielen viel leichter fallen. Da ist diese Koordination das Allesentscheidende. Meine Rezepte waren immer sehr einfach: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Otto Rehhagel hat zu mir mal gesagt, und das ist kein Witz: Auch ein Klavierspieler muss immer wieder das ABC üben, die Grundlagen wiederholen, um das höchste Niveau aufrechtzuerhalten. In meinem Fall heißt das: Bälle fangen, immer wieder Bälle fangen.
Wann haben Sie beide Ihr außergewöhnliches Talent an sich entdeckt?
Kahn: Dass ich ein bisserl was kann, habe ich das erste Mal in der E-Jugend mit sieben, acht Jahren gemerkt. Das hat sich dann immer weiter gesteigert. Mein Großvater hatte mir zum Geburtstag eine komplette Sepp-Maier-Ausrüstung geschenkt, und von da an habe ich mich ins Tor gestellt und bin nie wieder raus. Erst hat sich jeder gewundert, warum ich ins Tor gehe, weil ich im ersten Jahr erfolgreich im Feld gespielt habe. Aber es hat von Anfang an einen Riesenspaß gemacht.
Lang Lang: Schon als Kind hatte ich sehr bewegliche Hände. Anfangs hatte ich sogar das Problem, dass meine Hände zu weich waren.
Kahn: Ja, für einen Torwart hast du zu softe Hände. Das ist Wahnsinn, wie schnell du bei Wetten, dass . . .? gespielt hast. Ich dachte, das gibt es nicht. Er hat so unglaublich weiche Finger, aber das ist wohl Voraussetzung, um Klavier zu spielen. Ich habe sehr steife, feste Knochen. Wie mein ganzer Körper. Haben alle Pianisten so weiche Hände?
Lang Lang: Nein. Mein großer Vorteil war immer, dass ich sehr bewegliche Hände habe. Aber mein Lehrer sagte auch immer zu mir, ich soll beim Spielen aufstehen. Weil meine Hände zu weich sind und deshalb zu flach auf den Tasten liegen. Und manchmal sei auch der Sound zu flach, ich hätte nicht den Anschlag, den ich haben müsste.
Kahn: Kann ein Pianist auch Hände wie ich haben?
Lang Lang: Oliver, deine Hände sind perfekt für Beethoven. Du könntest sehr leicht einen soliden Sound spielen, so wie man ihn für Beethoven braucht. Für die dramatischen Beethoven-Akkorde, einfach wunderbar. Ich habe diesen festen Anschlag über viele Jahre trainieren müssen. Das war für mich keine natürliche Technik.
Kann ein Laie an Ihren Händen erkennen, welchen Job Sie ausüben?
Kahn: Bei mir nicht.
Lang Lang: Wer meine Hände sieht, wird denken, so sehen Spaghetti-Hände aus. Ich kann zwar gar nicht kochen, aber wahrscheinlich würde man denken, mit solchen Händen würde man perfekt Knödel oder Spaghetti kochen können.
Kahn: Das Interessante bei mir ist: Es hat ein Adaptionsprozess stattgefunden. Wenn Sie die Röntgenbilder von meinen Händen ansehen, sehen Sie Knochenverdickungen an meinen Fingern, die normalerweise nicht da sind. Das ist wie in dem Film Waterworld mit Kevin Costner. Der hatte Schwimmhäute zwischen den Fingern. Warum? Weil er nur im Wasser gelebt hat. Durch den ständigen Aufprall der Bälle adaptieren sich die Finger. Meine Hand hat sich über die Jahre zu einer Torwarthand entwickelt. Klasse, oder?
Lang Lang: Hey, das klingt cool. Wie Superman.
Wer oder was entscheidet darüber, wer seine Hand als Torhüter nutzt und wer als Pianist?
Kahn: Die Bestimmung. Jeder Mensch hat eine ganz klare Bestimmung, was er in seinem Leben tun soll. Viele meinen, dass man seine Bestimmung, die man vom lieben Gott bekommen hat, auch hundertprozentig finden muss. Aber die Bestimmung selbst zu finden, ist nicht einfach. Da kommt dein Umfeld ins Spiel, deine Eltern, die dich auf dein Talent hinweisen. Das ist heute für die jungen Menschen schwieriger geworden, denn es gibt heute so viele Möglichkeiten.
Lang Lang: (lacht): Meine Bestimmung fand ich durch Tom & Jerry, die ich im Fernsehen gesehen hatte. Ich liebte sofort die Art, wie Kater Tom Klavier spielte. Danach dachte ich: Wow, wär' doch super, wenn ich Klavierspieler sein könnte. Und danke, lieber Gott, dass ich meine Idee nicht mehr geändert habe. Da war ich drei. Mein erstes Recital machte ich mit fünf, und ich merkte sofort, ich liebe die Bühne, die Lichter, das Publikum. Ich mag es ganz einfach, vor Leuten aufzutreten. Nur für mich ständig zu üben, da fehlt mir die Inspiration. Ich wollte von Beginn an ein Künstler sein. Meine zweite Wahl wäre Comedian gewesen. So lustig sein wie Tom. Ich liebe Cartoons, ich liebe Comedy-Shows. Wenn das also mit dem Klavierspielen nichts geworden wäre, dann würde ich heute wohl Witze erzählen (grinst).
Und wie lange kann man Ihre Kunst ausüben? Fühlt man das Ende kommen?
Kahn: Solange Körper und Geist mitmachen. Ich weiß gar nicht, ob man sich eine Obergrenze mit irgendeiner Zahl setzen sollte. Natürlich ist es bei Fußballern irgendwo zwischen 35 und 40 soweit, da sollte man dran denken, das Ganze zu beenden. Es gibt eine Verbindung zwischen Körper und Kopf. Und wenn der Körper sich nicht mehr aktivieren lässt, auch weil der Kopf leer ist, dann hilft alles nix. Das ist dann das Ende.
Lang Lang: Ich habe keine Ahnung, wie ich mich mit 35, mit 40 fühlen werde. Sicherlich kann ein Pianist problemlos 30 Jahre lang auf höchstem Niveau spielen. Schauen Sie sich nur den großen Pianisten Arthur Rubinstein an. Er hatte seine beste Zeit im Alter zwischen 78 und 84. Stellen Sie sich das mal vor! Er war auch als junger Mann nie besser. Klar besteht die Gefahr, dass du nach vielen Jahren deine Kreativität verlierst, die du brauchst, um etwas Neues zu erschaffen. Insofern ist das für Oliver auch eine große Chance. Und ich bin sicher, dass er auch in Zukunft die Dinge in seinem Leben auf dem gleichen Niveau tun wird wie als Torhüter.
Herr Kahn, freuen Sie sich auf Ihr neues Leben?
Kahn: Der Zwilling ist da ambivalent. Auf der einen Seite hat er ein bisschen Furcht davor, nach dem Motto: Oh, was kommt jetzt? Auf der anderen Seite ist da große Euphorie und die Hoffnung, dass vielleicht alles noch mal so toll wird. Ich finde es spannend, an diesem Punkt angekommen zu sein.
Herr Lang Lang, im Fußball gibt es die ungeschriebene Weisheit, nach der Torhüter und Linksaußen, gelinde gesagt, nicht ganz zurechnungsfähig sind. Gibt es derlei Klischeebilder auch in der klassischen Musik?
Lang Lang: Wir Pianisten gelten eher als die großen Langweiler, als faul und unfit. Verrückt sind eher die Sänger. Wenn die eine Erkältung haben, dann geht gar nichts mehr. Die sind wirklich sensibel. Echte Diven. Pianisten sind das nicht. Ich jedenfalls bin keine Diva. Nie gewesen.
Es heißt, Frauen achten bei Männern vor allem auf die Hände. Haben Sie wegen Ihrer Hände schon viele Komplimente bekommen?
Lang Lang: Die Komplimente, die ich für meine Hände bekomme, sind wirklich nicht sehr schön. Wenn Leute meine Hand schütteln, sagen sie oft: Oh, ihre Hände sind so schön weich. Wie Mädchenhände. Mmh . . . (schaut gespielt grimmig).
Kahn: Bei mir haben sich die Leute immer nur gewundert: So sehen doch keine Torwarthände aus. Stimmt auch. Die typische Torwarthand ist groß wie ein Handschuh, hat richtige Wurstfinger. Ich hab' da Glück gehabt und eigentlich ganz schöne Hände. Ich kann da nur meine Mutter zitieren. Die hat immer gesagt: Bub, mit den Händen könntest du auch Klavierspieler werden. Das hat sie wirklich gesagt.
Das Gespräch führte Thilo Komma-Pöllath.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 20
Bildmaterial: AP, AP , dpa, Hans-Rudolf Schulz, REUTERS
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