11. März 2004 Samuel Huntington ist der bekannteste Politikwissenschaftler der Welt. Bis heute gehört sein vor elf Jahren erschienenes Buch über den internationalen "Kampf der Kulturen" zu den Bestsellern. Nun veröffentlicht er im aktuellen Heft der Zeitschrift "Foreign Policy" einen Essay, der den "clash of civilizations" auch im Innern der Vereinigten Staaten heraufziehen sieht. Huntingtons neue These wird das Publikum ebenso polarisieren wie 1993 seine Diagnose eines globalen Kulturkampfes an religiös-ethnischen Bruchlinien und dabei vor allem dort, wo der Islam auf andere Religionen treffe.
Der Politologe behauptet, daß die Vereinigten Staaten auf dem Weg sind, in zwei Nationen zu zerfallen: In den Staaten des Südwestens bildet sich, so glaubt er, eine ethnisch geschlossene Parallelgesellschaft der Zuwanderer aus Mittel- und Südamerika, vor allem der Mexikaner. Anders als frühere Einwanderergruppen bildeten die Hispanics sprachlich-politische Enklaven und scherten sich nicht um die angelsächsisch-protestantischen Werte, die die Vereinigten Staaten zum Erfolg geführt hätten.
Konzentrierter Machtfaktor
Huntington beobachtet mehrere Faktoren, die er an der Aushöhlung der Nation beteiligt sieht: neue Formen der Identitätsbildung, in denen weit mehr als die Nation die Rasse - möglichst die einer unterdrückten Minderheit - und die Geschlechterrollen im Mittelpunkt stehen. Der berechtigte Stolz der Vereinigten Staaten auf ihre Integrationskraft angesichts der historischen Einwandererströme lasse heute vergessen, welche nicht nur wirtschaftlichen, sondern vor allem sozialen und kulturellen Folgekosten die Zuwanderung aus dem Süden mit sich bringe.
Dieser Zustrom hat inzwischen zu einem qualitativen Sprung geführt. Anders als frühere Einwanderergruppen seien die Mexikaner nicht mehr bereit, sich zu assimilieren - ja, es gebe angesichts ihrer kompakten Macht, etwa in Kalifornien, auch überhaupt keinen Anreiz mehr zur Anpassung an die Normen der angelsächsisch-protestantischen Kultur. Um die Bedeutung des Problems zu akzentuieren, kann Huntington auf mehrere Faktoren verweisen, die den gegenwärtigen Zustrom aus Mexiko zum historischen Sonderfall für das Einwanderungsland machen: Keine andere Industrienation habe die Dritte Welt zum unmittelbaren Nachbarn. An dem Zaun zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten scheiden sich nicht nur zwei Länder, sondern zwei Ökonomien, von denen die eine das Vielfache der anderen erwirtschaftet. Zum zweiten sind die Mexikaner nicht irgendeine, sondern die dominierende Einwanderergruppe, zum dritten stellen sie einen hohen Anteil der Illegalen: Deren Zahl schätzt Huntington allein für die Mexikaner auf knapp fünf Millionen Menschen. Viertens wird ihre regionale Konzentration zum politischen Machtfaktor. Los Angeles hat unter seinen Einwohnern gegenwärtig knapp 47 Prozent Hispanics und knapp dreißig Prozent nichthispanische Weiße. Angesichts der weitaus höheren Geburtenraten der Hispanics werden die Schulen "mexikanisch".
Spanisch als zweite Landessprache der Kalifornier
Auch eine territoriale Frage kommt ins Spiel. Nach einer von Huntington nicht herangezogenen Umfrage hält eine Mehrheit der Mexikaner die Gebiete des Südwestens, die im neunzehnten Jahrhundert in zwei Kriegen an die Vereinigten Staaten fielen, also Texas, Neu-Mexiko, Arizona und Kalifornien, für "eigentlich" legitimen Besitz Mexikos. Es sind diese Bundesstaaten, in denen die Zuwanderer nun ihre Macht erproben. Ihr erstes Ziel ist die Anerkennung des Spanischen als zweiter Landessprache. Anderes wird hinzukommen, glaubt Huntington: Als man in Kalifornien die Sozialleistungen für illegale Einwanderer zur Abstimmung stellte, demonstrierten manche Hispanics unter mexikanischen Flaggen.
Für das Jahr 2040 prophezeit Huntington, auf die Zahlen der Demographen gestützt, der nichthispanischen weißen Bevölkerung einen Minderheitenstatus. Und dann kommt er zu einem erschreckenden Gedanken. Die Bevölkerung von Bosnien-Hercegovina sei 1961 zu 43 Prozent serbisch, zu 26 Prozent muslimisch gewesen. 1991 hatte sich das Verhältnis umgekehrt: 31 Prozent Serben stand ein muslimischer Bevölkerungsanteil von 44 Prozent gegenüber. Das Ergebnis, so Huntington, waren die "ethnischen Säuberungen".
Weniger Hindernisse - mehr Wähler - mehr Zuwanderer
Dazu werde es in Kalifornien nicht kommen. Wohl aber sei es realistisch, eine Reaktion der weißen Arbeiterschaft und der Mittelklasse zu erwarten, die sich schon jetzt angesichts der mannigfachen Förderprogramme für Minderheiten und Zuwanderer benachteiligt fühlen müßten und einen weiteren Statusverlust kaum hinnehmen würden. Aber hat die "weiße Bewegung", die Huntington prognostiziert, eine politische Chance? Jeder Kandidat für ein höheres Amt wird sich überlegen müssen, ob er es sich leisten kann, Vorschläge zur Begrenzung der Zuwanderung zu machen - denn sein Gegner hat damit fast schon automatisch die Stimmen der Neubürger für sich gewonnen.
So kann ein Gemeinwesen durch seine politische Klasse dauerhaft verändert werden: Wer der Zuwanderung möglichst wenig Hindernisse in den Weg legt, verschafft sich zugleich neue Wähler. Bertolt Brechts ironischer Rat an die SED nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 - "Wenn die Regierung das Vertrauen in das Volk verloren hat, dann soll sie es doch absetzen und ein neues wählen" - wird buchstäblich erfüllt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2004, Nr. 60 / Seite 39
Bildmaterial: dpa
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