03. Mai 2007 Sonntag früh, kurz nach sechs in Berlin, Prenzlauer Berg. Ein unauffälliger Mann mit Brille, grauem Pullover und großer schwarzer Tasche verlässt ein goldglänzendes Jugendstilhaus und schaut sich um. Es ist der Schriftsteller Jonathan Franzen, 47, der vor sechs Jahren die Welt mit seinem Familien- und Epochenroman Die Korrekturen in Erstaunen versetzte. Er ist nach Berlin gekommen, um Ruhe zu haben für ein paar Wochen, um zu schreiben. Gerade ist sein autobiographisches Bekenntnisbuch Die Unruhezone auf Deutsch erschienen.
Im Untertitel heißt es: Eine Geschichte von mir - und das ist es auf radikale Weise. Es beschreibt das Aufwachsen eines durchschnittlichen Jugendlichen in einer mittelamerikanischen Stadt, der sein Leben durchaus nicht als durchschnittlich zu begreifen vermag, sondern als ein Leben voller Grauen und kleiner, alltäglicher lebensbedrohlicher Schrecken, und der sich, wie wohl die meisten Jugendlichen, als Außenseiter fühlt. Jonathan Franzen schreibt sich nie selbstmitleidig durch sein Leben, sondern immer radikal selbstentblößend, selbstironisch lachend. Aus seinem Lebensunglück riss ihn zunächst die manische Lektüre von Snoopy und Charlie Brown und später, viel später die deutsche Literatur, Goethes Faust, Rilkes Malte Laurids Brigge und Kafkas Prozess - ein großes Glück und eine neue Welterkenntnis: Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich, in den Menschen in meiner Familie wirkliche Menschen zu sehen, nicht bloß Verwandte, denn ich hatte deutsche Literatur gelesen und wurde selbst ein Mensch.
Unsere letzten Tage
Die deutsche Literatur hat ihn gerettet und Franzen mit sich und den Menschen versöhnt, doch die Welt, die Politik, der Gang der Geschichte und seines eigenen Lebens reißen ihn am Endes des Buches wieder aus dem mühsam erworbenen Gleichgewicht. Was reißt ihn heraus? Franzen nennt es sein Vogelproblem. Irgendwann ist Jonathan Franzen klar geworden, dass die Welt am Abgrund stehe. Gut, das war ihm auch früher schon klar, in den achtziger Jahren, zu Zeiten der atomaren Bedrohung, er liebte die apokalyptischen Visionen vom Atomtod damals beinahe, weil man dagegen ohnehin nichts ausrichten konnte. Und auch in den neuesten apokalyptischen Visionen der Umweltfreaks hatte er es sich eigentlich bequem gemacht. Franzen hat keine Kinder und wird auch keine bekommen, schreibt er, es gibt also nicht wirklich Gründe, sich um die nächsten Generationen Sorgen zu machen, außerdem lebt er im zehnten Stock eines Hauses in einer Gegend von New York, die auch im schlimmsten Fall von keiner Flutwelle erfasst werden wird.
Alles in Ordnung also, alles mit einem gepflegten Westküsten-Zynismus auf Abstand zu halten - bis er eines Abends einen Vortrag Al Gores hörte. Er war fest entschlossen gewesen, sich über die rhetorischen Mängel des Vortrags zu amüsieren, doch - er wurde überzeugt. Gore hatte zwingende Beweise für bevorstehende klimatisch bedingte Kataklysmen, die zu unvorstellbaren Umwälzungen und Leiden auf dem ganzen Erdball führen würden, wahrscheinlich noch zu meinen Lebzeiten. Bedrückt wie zu Teenager-Zeiten verließ er den Saal. Es war passiert: Das war das Szenario, das abzuwenden ich mir viele Jahre lang die größte Mühe gegeben hatte: nicht dass die Welt irgendwann einmal auseinanderbrach, sondern dass ich mich lästigerweise verpflichtet fühlte, mich in der Gegenwart um sie zu kümmern. Das war mein Vogelproblem.
Er wünscht sich Baumfalke, Wendehals und Schafstelze
Kurz bevor er Al Gores Vortrag hörte, hatte er damit begonnen, Vögel zu beobachten. Ein Freund hatte ihn mit hinausgenommen, eines Morgens in den Central Park, sie hatten eine Fuchsdrossel beobachtet und Stockenten und Rotschwanzbussarde, und am Ende hatte Franzen das Gefühl, als hätte ich mein ganzes Leben etwas Wichtiges verpasst. Bald schon entwickelt diese Beobachtungsfreude alle Kennzeichen einer Sucht, ständig ist er unterwegs, im Central Park, in Texas, wo immer er hinreist, informiert er sich lange vorher über die besten Beobachtungsorte, er sammelt und sammelt Beobachtungen und immer neue Arten. Erst als die Natur zum Ort geworden war, an dem es Vögel gab, kapierte ich endlich, was das Theater sollte.
Auch hier in Berlin war er natürlich schon unterwegs. Immer wieder, am frühen Morgen im Grunewald und im Tierpark. Meine Anfrage nach einem Interview hatte er mit Hinweis auf Arbeit abgelehnt, aber als ich ihn fragte, ob ich ihn auf eine seiner Vogelexpeditionen begleiten dürfe, bekam ich sofort eine Mail zurück, mit einer Liste von 25 Vögeln, die er wahnsinnig gerne sehen würde und die wir vielleicht zusammen suchen könnten. Er wünscht sich Baumfalke, Wendehals, Schafstelze, Neuntöter, Wachtel, Wiedehopf, all warblers (except Zilpzalp and Mönchsgrasmücke) und viele mehr. Ich informiere mich, wo um Berlin herum die besten Chancen bestehen, einige der bestellten Vögel zu sehen, und hole ihn ab, letzten Sonntag um sechs, an diesem goldenen Haus in Prenzlauer Berg. Die Sonne scheint, die Luft ist klar und kalt. Wir fahren hinaus aus der Stadt, an die Grenze zu Brandenburg, ins Tegeler Fließ. Kennt Franzen natürlich längst. Er hat lange und immer wieder in Deutschland gelebt und studiert, in München und in Berlin. Er spricht fließend Deutsch, kennt alle Vogelnamen, auch die exotischsten. Und den Weg hier hinauf kennt er so gut, dass er sogar die Länge der Rotphasen an den Ampeln vorherzusagen vermag. Ja, hier steht man immer ewig, sagt er, während er aus einer Edeka-Tüte ein Frühstückssandwich hervorholt.
Die Grauammer fehlt ihm noch
Nach einer guten Viertelstunde sind wir da. Es ist vollkommen still, die Konturen der Welt treten scharf in der Morgensonne hervor, die Wiesen sind weiß vom Reif. Gleich auf dem ersten Baum sitzt, wie bestellt, ein kleiner Vogel und beginnt zu singen. Auf mich wirkt er spatzenartig unauffällig, aber da beginnt Franzens Vogelfreude aus ihm zu sprechen - eine Goldammer, sagt er, und durch das Fernglas könne ich das Gold auf der Brust auch sehen. Da erst bemerkt er mein kleines Ferngläschen, das ich aus der Tasche hole - er hatte mich darum gebeten, mein bestes Fernglas mitzubringen. Jetzt betrachtet er erst das Glas und dann mich durch seine Brille mit unendlich mitleidigem Blick. Was heißt schon ,mein bestes', sage ich, es ist mein einziges, und auch das ist nur geliehen, und außerdem ist es gar nicht so schlecht.
Er streicht über sein grünes Riesengerät, schaut einmal durch mein Gläschen hindurch, prüft die Einstellungen und sagt aus purer Höflichkeit: Stimmt, es ist wirklich ganz gut. Immerhin kann ich die goldene Brust sehr wohl auch durch mein Gläschen sehen. War sie auf seiner Liste, die Goldammer? Leider nicht, die Goldammer ist sehr häufig, die Grauammer war auf seiner Liste, die Grauammer fehlt ihm noch. Franzen sammelt Beobachtungen. 550 Vogelarten hat er in Amerika schon gesehen. Gut 150 hier in Deutschland. Er lacht und sagt, ja, er wisse schon, das sei eher eine angelsächsische Tradition, diese Sammelleidenschaft, dieses Nerdhafte. Die Deutschen hätten ja eher ein allgemein-romantisches Verhältnis zur Natur. Was er mache, sei absolut unromantisch und konkret.
Dann kam Silvester
Unter uns liegt der Köppchensee dunkel in einer tiefen Kuhle. Die frühe Sonne reicht noch nicht hinein. Erst scheint es still dort unten, aber dann überqueren doch immer wieder kleine Enten den See, ein Schwan wartet am Ufer, wir gehen einmal um den See herum und nähern uns dem Ufer. Etwa auf der Mitte des Sees baut ein Paar Rothalstaucher ein Nest. Eifrig bringt das Männchen Büschel auf Büschel heran, das Weibchen dirigiert. Als er einmal, schreibt Franzen in seinem Buch, seiner Freundin, nachdem sie beide einsehen mussten, dass sie zusammen kein Kind bekommen würden, ein Ultimatum nach dem anderen stellte, nur um die endgültige Trennung hinauszuzögern, habe er im Central Park eine männliche und eine weibliche Stockente gesehen, die gemeinsam im Kraut stöberten, und sei in Tränen ausgebrochen.
Die Unruhezone ist ein ganz und gar ungewöhnliches, persönliches Bekenntnisbuch, mit allem Mut zum Pathos, der ganzen Schamlosigkeit des Künstlers, immer politisch, immer poetisch, immer engagiert und wahr. Sie sind übrigens noch immer ein Paar, Franzen und seine Freundin, die er immer nur die Kalifornierin nennt, und ja, das mit dem Vogelbeobachten hat - neben seiner Erschütterung über das drohende Ende der Welt und der Sorge um ihre empfindlichsten Bewohner, die Vögel - auch mit ihr und mit der Liebe und einem gemeinsamen Leben ohne Kinder zu tun: Dann kam Silvester, schreibt Jonathan Franzen in seinem Buch, und ich sah mich der Frage gegenüber, was ich während der nächsten dreißig kinderlosen Jahre mit mir anfangen sollte; am nächsten Morgen stand ich in aller Frühe auf und ging die Pfeifente suchen, die, so hieß es, im südlichen Santa Cruz County gesichtet worden war.
Sein erster Kleinspecht
Und wir stehen jetzt also hier am Köppchensee, im Norden von Berlin, und sehen dem Rothalstaucherpärchen beim Nestbau zu. Es ist ruhig, ganz hinten am Horizont sieht man den Fernsehturm. Franzen leiht mir immer wieder sein Riesenglas, wir gehen einen kleinen Pfad entlang, Vogel auf Vogel kommt vorbei, keiner davon stand auf seiner Liste, ausdrücklich hatte er sich die Mönchsgrasmücke verbeten, und wie zum Hohn kommt sie immer wieder vorbeigeflogen und singt ihr schönes Lied.
Doch plötzlich, wir schreiten konzentriert voran, lauschend, in die Luft schauend, ist der Dichter wie verwandelt, reißt mir sein Fernglas aus der Hand und an seine Augen, schaut in die Luft, einen Baum hinauf, wedelt mich mit der Hand so seitlich weg und schaut und schaut. Ich schaue auch mit meinem Gläschen, sehe nichts, wage nicht zu fragen. Erst endlos lange später erfahre ich, dass er soeben einen Kleinspecht gesehen habe. Sein erster Kleinspecht - und ich bin dabei gewesen -, herrlich. Wir schreiten weiter, in nicht mehr ganz so legales Gebiet, beobachten eine Rohrweihe bei der Jagd und treffen schließlich auf eine Kleingruppe, die den Blick geschlossen in einen Baumwipfel richtet. Was sie da so ansehen, fragen wir freundlich, worauf uns geballte Brandenburger Herzlichkeit entgegenschlägt - warum wir hier redeten, wer wir seien, sie jedenfalls seien eine Kolkrabenexpedition und hätten soeben einen gigantischen Habichtshorst entdeckt, und wir sollten mal sehen, dass wir hier abhauten, aber schnell.
Betreten schleichen wir uns aus dem Brandenburger Kolkrabenwald. Franzen kennt den Weg genau - oh nein, das werden Sie sicher schreiben, dass wir in dies halblegale Gebiet eindrangen und auch noch erwischt wurden dabei, sagt er. Aber er lacht. Wir haben schließlich einen Kleinspecht gesehen. Später kommt sogar noch sein erster Fitis dazu. Dichtes Unterholz oder eine Felsenküste weckten in mir eine Art Schwärmerei, den Glauben, dass die Welt voller Möglichkeiten war, hat Franzen in seinem Buch geschrieben. An diesem Sonntagmorgen hat der Brandenburger Wald seinen Glauben noch bestärkt.
Jonathan Franzen: Die Unruhezone - Eine Geschichte von mir. Deutsch von Eike Schönfeld. Rowohlt-Verlag, 253 Seiten, 19,90 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke, Volker Weidermann
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