Chinas Öffentlichkeit

Kuschen kommt aus der Mode

Von Nils Minkmar

Welche Perspektive soll der Westen gegenüber China einnehmen? Fassadenputz in Peking

Welche Perspektive soll der Westen gegenüber China einnehmen? Fassadenputz in Peking

19. September 2009 Der amerikanische Schriftsteller und Peking-Korrespondent des „New Yorkers“, Peter Hessler, hatte den chinesischen Führerschein erworben und fuhr in einem „City Special“ genannten Wagen über Land. An einer verlorenen Kreuzung in der Provinz Gansu hielt ihn ein Polizist an: „,Schaut euch das an!‘, rief er grinsend den anderen Beamten zu. ,Dieser Kerl ist Ausländer!‘“ Dann wollten sie neben dem chinesischen auch seinen amerikanischen Führerschein sehen – allgemeine Aufregung. „,Warum sind sie hier?‘, wollte ein Beamter wissen. ,Ich fahre einfach herum. Tourismus.‘ – ,Wie haben sie Chinesisch gelernt?‘ – ,Ich lebe hier seit Jahren.‘ – ,Sie müssen ein Spion sein‘, sagte er.

Die anderen griffen lachend den Refrain auf: ,Er ist ein Spion! Er fährt herum, er kann Chinesisch – Er muss ein Spion sein! Ein Spion! Ein Spion!‘ Der Polizist schüttelte sich vor Lachen und gab mir beide Führerscheine zurück. Ich brauchte eine Weile, um meine Sprache wiederzufinden. Ich fuhr los und konnte im Rückspiegel beobachten, wie die drei sich gegenseitig Klapse versetzten. Sie knufften sich und riefen lachend: Ein Spion! Ein Spion!“

Unerhörte Bewegung

China ist unberechenbar. Das macht Peter Hessler großartiges Reisebuch, einfach „Über Land“ (Berlin Verlag) betitelt, klar. Und nun versteht man, warum die offiziellen Repräsentanten des Regimes so empfindlich auf öffentliche Begegnungen mit ihren Kritikern – wie jüngst im Vorfeld der Buchmesse – reagieren: Das riesige und wundersame Land ist von einer gesellschaftlichen Dynamik erfasst, die kaum noch von Oben zu steuern ist. Es finden dort Umwälzungen statt, die denen der industriellen Revolution im Europa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichen: Neue Städte entstehen, Regionen entvölkern sich, anderswo finden sich zu Zehntausenden die Wanderarbeiter ein. Die Söhne und Töchter von Bauern fertigen Plastikrutschen, gründen Fabriken für Büstenhalterverschlüsse oder decken den Feuerzeugbedarf der ganzen Welt. Kaum jemand lebt noch so wie seine Eltern und Großeltern, auch auf dem Lande nicht. Dieses Tempo ist uns fremd – aber auch den regierenden Eliten, jenen paar Familien, deren seltsames, von der Realität abgekapseltes Miteinander die postumen Memoiren des einstigen Parteichefs Zhao Zyiang so eindringlich beleuchten.

In einer vergleichbaren Umbruchssituation entstanden in Europa der Liberalismus, die Sozialdemokratie und der Kommunismus, damals unerhörte Bewegungen. Kein Wunder, dass die Parteikader leicht nervös sind. Also erhöhen sie, um die Fliehkräfte zu bannen, das Tempo: Formel Eins, Transrapid, Olympia, höchstes Gebäude der Welt, Raumfahrt – jedes Jahr, jeder Monat und jede Woche muss ein neuer Hammer niederkommen, um die hochbewegliche, labile Bevölkerung im Bann zu halten; Nationalstolz muss beschworen werden, damit die Provinzen nicht aufeinander losgehen. Der Staat muss schauen, dass er überhaupt eine Rolle im Leben der Menschen spielt, die sich angewöhnt haben, spontane und individuelle Lösungen zu suchen; sie nutzen dazu, so Hessler, die Geschäftswelt und private Schulen statt der unterdrückten bürgerlichen Öffentlichkeit. Peter Hessler resümiert: „Man wendet sich nur in absoluten Notlagen an den Staat.“ Die Diplomatie, gerade auch der auswärtige Kulturaustausch, ist eine unumstrittene Domäne der Partei. Aber ist sie wirklich relevant? Wer als Deutscher so handelt, dass die im Land nur noch belächelten Funktionäre sich wohl fühlen, wirkt der dann bei den jungen, unkonventionell denkenden Chinesen seriös? Oder als einer, der nicht begreift, was läuft?

Verschleiernder Kulturrelativismus

China ist zu wichtig, um es den Experten zu überlassen. Das Argument des exotischen Relativismus – im Orient gehen die Uhren anders – wirkt in der globalisierten Welt verdächtig verschleiernd: Warum sollen es gewöhnliche Chinesen besser finden, von der Polizei verprügelt zu werden als wir? Aber es gilt auch, das lehrt die Anekdote von Peter Hessler: Nicht jeder chinesische Polizist tickt gleich. So ist es ja auch hier.

Der große Unterschied liegt im unterentwickelten Rechtssystem, den fehlenden Protestmöglichkeiten, der kontrollierten Öffenlichtkeit – aber der Kampf um die Beschränkung der Rechte des Einzelnen ist auch in den übrigen G20-Staaten hochaktuell. Es ist ja nicht so, dass der Kampf gegen Korruption, asoziale Gier und illegitime Medienkonzentration uns unbekannt wäre. Im Gegenteil, er wird immer härter.

Eros des Westens

Es ist schon erbärmlich, wie leicht sich Vertreter des Westens dazu hinreißen lassen, unsere Werte für Wachstum zu verkaufen, nicht nur an China, sondern, in Krisenzeiten, bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit. Das geht quer durch die Parteienlandschaft: Es waren die flotten Jungs von New Labour, die den Verdächtigen des Lockerbie-Bombenattentats im Zuge eines großzügigen Ölvertrags mit Libyen plötzlich humanitär begnadigten, dann diesen Deal aber tagelang dementierten. Der konservative französische Staatspräsident hatte sich ebenso von dem bizarren Libyer vorführen lassen, der seine Zelte in Paris aufschlug und tagelang mal hier, mal dort erschien und drohte, Reden zu halten. Es war nur peinlich!

Aber selbst der ferne Geruch von Benzin vernebelt das Hirn, Benzin für unser letztes verbliebenes Industrieprodukt, das uns ins Einkaufszentrum befördert, wo wir mit der Kreditkarte einer vom verschuldeten Staat gestützten Bank Bleistiftanspitzer, Käsereiben und Besen aus China kaufen – Nullhandlungen, die wegen der Idiotie der volkswirtschaftlichen Rechenregeln das Wachstum wachsen lassen. Die Möglichkeit der freien Rede von Dissidenten lässt nach diesen Regeln nichts wachsen, nur den Ärger – ist aber eine der wenigen globalen Besonderheiten des Westens. Ist das nicht auch was wert? Viele Chinesen würden das bejahen. Man kann man auf jeder Chinareise mit bloßem Auge erkennen, dass „der Eros des Westens“, ein freiheitlicher Lebensstil und ein hedonistischer Individualismus, das Leitbild in Werbung, Sachbüchern und Filmen ist. Man sieht in Schanghai keine Plakate, die den saudischen Reichtum anpreisen oder russische Gemütlichkeit, man sieht studentisch gekleidete, lachende Models, die selbstbewusst durch die Strassen von Rom, Paris oder Los Angeles kurven.

Die ewige Furcht des Westens

Das Kuschen kommt aus der Mode. Auch dafür schildert Hessler eine Fülle von Beispielen aus den letzten Jahren: Da ist der Dorfbewohner, dem die Behörden die staatliche Unterstützung für den behinderten Bruder nicht auszahlen und der den Bruder einfach mitnimmt zur Provinzialbehörde und dort lässt – bis die Beamten schließlich nachgeben. Da ist die junge Arbeiterin, die zu spät zu den Einstellungsterminen einer neuen Fabrik erscheint und folglich ganz unten auf die Liste der Neueinstellungen steht. Doch sie bleibt im Büro und sagt: „Streichen Sie einen Namen, und setzen sie meinen ein. Merkt doch keiner“. So geht es lange. Ein Argument dafür hat sie nicht. Sie bleibt stur. Schließlich greift der Fabrikbesitzer entnervt zum Stift und setzt ihren Namen auf einen sicheren Listenplatz. Später kommt heraus, dass sie einen falschen Namen angeben hat, den ihrer Schwester. Also wird auch die eingestellt, sie steht ja schließlich auf der Liste. Der Vater der beiden ist auch arbeitslos, den traut sich der Boss nun auch nicht abzuweisen.

Auch im Ausland können Chinesen mit Zumutungen produktiv umgehen. Der Dalai Lama fragt gern scherzhaft, wenn ihm, etwa in Bochum, chinesische Journalisten begegnen, ob sie keine Angst vor seinen Teufelshörnern hätten, die ihm die Parteisprecher gerne andichten. Aber man erlebt dann, wie diese chinesischen Journalisten ihn sachbezogen und kritisch befragen, worauf er zunehmend interessiert antwortet. Die Furcht, dass die eine oder andere Seite bei solch einem Treffen in Ohnmacht fällt, tobt oder weint, beherrscht wohl eher manche Deutsche.

Überhaupt, die ewige Furcht. China ist heute ein Land, in dem selbst einfach Leute hohe Risiken eingehen. Kaum anzunehmen, dass die gutsituierte Ausländer interessant finden, denen beim Befolgen ihrer eigenen Prinzipien im eigenen Wohnzimmer die Knie schlottern.

Buchtitel: Über Land
Buchautor: Peter Hessler

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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