Von Peer Schader
21. November 2006 Aufhören, wenn es am schönsten ist? Das geht beim Fernsehen nicht. Fast dreieinhalb Millionen Menschen schalten seit vierzehn Wochen am Donnerstag Pro Sieben ein, um zu sehen, wie in der Castingshow Popstars neue Engel gesucht werden: eine Girlband, die genauso erfolgreich werden soll wie das Castingwunder No Angels. Am Anfang war das recht unterhaltsam, hatte dann ein paar Längen und nervt nun seit einiger Zeit gewaltig.
Denn eigentlich ist schon vor vier Wochen alles entschieden gewesen: Die Favoritinnen fürs Finale standen fast alle fest, die Jury tat sich schwer, überhaupt noch jemanden nach Hause zu schicken, statt dessen wurde eine lange zuvor ausgeschiedene Kandidatin zurückgeholt, um sie zwei Wochen später ein zweites Mal zu feuern. Jurymitglied Nina Hagen hatte sich längst auf Tour verabschiedet und bequemte sich nur noch per Videobotschaft ins Bandhaus. Aber Pro Sieben hat einfach nicht Schluß gemacht - sondern dreieinhalb Millionen Zuschauer, die jede Woche eingeschaltet haben, um zu erfahren, ob doch noch was passiert, an der Nase herumgeführt und die Show zur Promotion-Plattform umgebaut.
Alte Bekannte, neue Musik
Vor drei Wochen saß im Vorprogramm eines Auftritts der Kandidatinnen plötzlich Ex-Popstars- Juror Lukas Hilbert am Flügel und krächzte seine neue Single, die bei Warner Music herauskam. Eine Woche darauf stand Ex-Popstars-Juror Uwe Fahrenkrog-Petersen mit Ex-Popstars-Gewinnerin Anne und deren neuer Band Milk & Honey in der Tür, um einen Song vorzutragen, der gerade bei Warner herauskam. Zuletzt tauchte dann Ex-No-Angels-Sängerin Sandy auf und trällerte den Titel, der anderthalb Stunden zuvor bei Pro Sieben schon als Videopremiere gelaufen war und - na klar - von Warner vertrieben wird. Will jemand raten, welchen Partner sich Pro Sieben für das erste Album der neuen Popstars-Band ausgesucht hat?
Nein, das ist kein Weltuntergang und in Sendungen wie TV total ja auch seit Ewigkeiten üblich, weil Gäste nun mal am liebsten vorbeikommen, wenn sie neue Platten oder Bücher promoten können, so wie am Donnerstag Jurymitglied Detlef D! Soost, der bei Stefan Raab erzählte, daß es jetzt seine neue Tanz-DVD zu kaufen gebe. Bei Raab muß aber auch keiner so tun, als wäre das Zufall oder eine Überraschung.
Name der Band aus Versehen gelüftet
Kann sich wirklich noch jemand darüber aufregen, daß der Name der Band (Monrose) schon vor dem großen Finale feststeht, wie am Freitag bekannt wurde, weil der Online-Händler Amazon die erste Single Shame aus Versehen schon als vorbestellbar angeboten hatte, samt Cover mit drei der Finalistinnen, obwohl die endgültige Band doch erst in der Woche drauf von den Zuschauern gewählt werden soll. Sender und Plattenfirma beschwichtigen: Man habe alle möglichen Bandkonstellationen vorab fotografiert, um die Single nachher schnell veröffentlichen zu können. Aber selbst wenn: Glaubwürdiger macht das die Show nicht gerade.
Wie sehr kann sich ein Sender eigentlich noch blamieren? Vor ein paar Wochen sollten die Popstars- Kandidatinnen vor Journalisten auftreten, einer Meute sensationsgieriger Karrierevernichter, die immerzu nach Intimitäten fragen, wie Pro-Sieben-Pressesprecher Christoph Körfer die Mädchen vorher in einem zweifelhaften Pressetraining gewarnt hatte. Im Saal standen nachher aber nur ein paar Bravo-Redakteure, die sehr höflich waren, allein schon, um sich die schöne Kooperation mit Pro Sieben nicht kaputtzumachen, für das Bravo gerade das Popstars-Magazin an den Kiosk bringt.
Der Spaß ist vorbei
Dabei hat Popstars ein paar Wochen davor richtig Spaß gemacht: Nina Hagen war erträglicher, als man befürchten konnte, geradezu charmant, und Produzent Dieter Falk machte den Eindruck, als wolle er die Bewerberinnen ernsthaft in ihrem Talent fördern. Daß trotz aller Inszenierung so etwas wie Authentizität zu spüren war, schuldet Pro Sieben jedoch allein seinen Kandidatinnen, die einem nie so fürchterlich egal waren wie die des klinisch perfekten RTL-Pendants Deutschland sucht den Superstar, mal abgesehen vom vielen Geheule.
Traurig, daß Pro Sieben das zuletzt alles geopfert hat. Am Donnerstag ist es vorbei. Dann steht die Besetzung für die neue Band endgültig fest. Das Album wird sich vor Weihnachten bestens verkaufen, und Pro Sieben plant schon den Aufguß Ninas Engel, in der die Band auf ihren ersten Schritten begleitet wird. Bei Warner werden sie nichts dagegen haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.2006, Nr. 46 / Seite 33
Bildmaterial: obs
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