Terror in Madrid

Außer Atem

Von Paul Ingendaay, Madrid

14. März 2004 Die tiefe Nacht, sollte man meinen, ist keine schlechte Zeit zum Nachdenken. Besonders hier, am Atocha-Bahnhof in Madrid, drei Tage nach dem schlimmsten Gemetzel, das Spanien seit den Tagen des Bürgerkriegs erlebt hat. Der Nordeingang des Bahnhofs, ein luftiger, ziegelroter Kuppelbau mit riesigen Fensterscheiben, hat sich in eine Klagemauer verwandelt.

Selbst wer Atocha am Sonntag um drei Uhr morgens ansteuert, ist nicht allein. Menschen, Paare, Gruppen, nicht nur Nachtschwärmer und Schlaflose, kommen vorbei, legen Botschaften nieder, vom Klebezettelchen bis zum mehrseitigen handgeschriebenen Brief, und kramen nach Feuerzeugen, um die Grablichter anzuzünden, die der kalte Nachtwind ausgeblasen hat.

"Die ganze Wahrheit"

Die ganze spanische Gefühlslandschaft ist hier auf ein paar Quadratmetern zu besichtigen: Jesusbildchen, Fotos von Todesopfern, Kränze aus Peru oder Kolumbien, private Predigten "aus der Tiefe des Herzens", Trauerbekundungen in arabischer Sprache, die Losungen "Frieden", "Nein zum Terrorismus", "Nieder mit Eta". Dazwischengestreut, eine Minderheit, aber unübersehbar, harte politische Parolen: "Die Regierung lügt." Oder: "Aznar, es war dein Krieg, aber es sind unsere Toten."

Auch jetzt kreisen Polizeihubschrauber über dem Stadtviertel, das kurz zuvor, um Mitternacht, eine spontane Demonstration mehrerer tausend Menschen erlebt hat. Sie forderten den Rücktritt von Regierungspolitikern und "die ganze Wahrheit". Erst wenn man sie hätte, könnte die Reflexion beginnen.

Von manchen Menschen fehlt jede Spur

Das wichtigste nach einer Katastrophe diesen Ausmaßes, so Psychologen, sind Ruhe und Zeit. Das Bewußtsein muß Gelegenheit haben, die brutalen Ereignisse einzuholen und zu "verarbeiten". Doch jegliches Denken und Fühlen taumelt in diesen Madrider Tagen von einem Extrem ins andere, ohne Richtung, ohne Atempause: Zuerst kamen Schmerz, Blut, Bestürzung und Schock. Dann Wut auf die baskische Terrorbande Eta. Danach Zweifel an der offiziell verkündeten Tätertheorie. Es erwachte die Angst, Spanien könnte zum ersten großen Schauplatz des islamistischen Terrorismus in Europa geworden sein.

Eine Ahnung vom 11. September in New York stellte sich ein: Hätten sich zwei Regionalzüge nicht verspätet, die Zahl der Todesopfer wäre leicht ein Mehrfaches gewesen. Am Freitag abend schließlich, als elf Millionen Menschen im ganzen Land auf die Straße gingen, die Mehrheit schweigend, wirkte es wie ein gegenseitiges Trösten, Umarmen, Sich-Mut-Zusprechen. Dann zurück aus dem Regen nach Hause, zu Radio und Fernsehen, wo aus den Krankenhäusern, dem improvisierten Leichenschauhaus auf dem Messegelände und den Aufbahrungshallen der Umgebung von den Opfern berichtet wird. Die ersten Särge sind in die Erde gelassen, doch noch immer fehlt von manchen Menschen jede Spur. Am Samstag starb Opfer Nummer zweihundert.

Affektgeladen und peinlich

Keine dieser Nachrichten, schon gar nicht die immer deutlicheren Hinweise auf die Täterschaft von Al Qaida, ist in Zeiten des Wahlkampfs unpolitisch, obwohl Politik so ziemlich das letzte ist, an das die Tausende von Angehörigen und Freunden der Opfer denken wollen. Und so gibt es in diesen zweiundsiebzig Stunden von Madrid ein alle Sinne vernebelndes Schauspiel zu erleben, einen ständigen Kampf zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, zwischen Propaganda und Gebet, der Rhetorik der politischen Arena und den Tränen der Hinterbliebenen.

Manche öffentliche Erklärung der Politiker vom Samstag, dem "Tag der Reflexion", an dem der Wahlkampf laut Gesetz verboten ist, wirkt schon jetzt affektgeladen und peinlich; ein bißchen Wahlkampf war es dann doch, und wer weiß, zu welchen Entscheidungen ein trauerndes Herz im Wahllokal fähig ist?

Einsame Hüterin von Recht und Wahrheit

Mit etwas Abstand wird man begreifen, daß sich die beiden Spitzenkandidaten, der Konservative Rajoy und der Sozialist Zapatero, in dieser aufgeheizten Lage ziemlich taktvoll verhalten haben. Spaniens künftiger Regierungschef wird ein Mann der leiseren Töne sein, und kaum etwas braucht das Land dringender. Denn die letzten Tage der Amtszeit von Ministerpräsident Aznar könnten zum Grab seines Nachruhms werden.

Aznar hat den einen Terrorismus benutzt und den anderen verdrängt. Kaum jemand hat mehr dazu beigetragen, die Spanier zu spalten, und das nicht allein durch politische Taten: Es reichten kalkulierte Beleidigungen, Herabsetzungen und das penetrante Herumfuchteln mit den Requisiten des ranzigsten Patriotismus, mit dem sich die Regierungspartei zur einsamen Hüterin von Recht und Wahrheit aufspielte.

Erinnerung an Madrid

Wie schon beim Unglück der "Prestige" war die Informationspolitik der Regierung katastrophal, wenn nicht manipulativ, und wer die Auftritte des Innenministers Acebes vor der Presse sah, konnte fast Mitleid bekommen. Was ist das für eine Partei, die ausländische Journalisten in einer Serie von Telefonaten gezielt mit einer propagandistischen Deutung der Bombenanschläge füttert, wenn sie längst etwas anderes vermuten mußte, und sich am nächsten Tag zur "absoluten Transparenz" ihrer Nachforschungen gratuliert?

Eine Handvoll Schriftsteller meldete sich am Sonntag in den Zeitungen zu Wort, ohne Propaganda oder Wahlempfehlung. Andrés Trapiello sprach von einem neuen "Guernica". Julio Llamazares erinnerte an Madrid, die Stadt, die seit jeher Zugereiste aus allen Winkeln Spaniens und der Welt aufgenommen hat. Diese Stadt, auch wenn es lange dauert, muß sich jetzt wieder auf die Füße stellen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2004, Nr. 63 / Seite 39
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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