09. Juli 2005 Es ist Donnerstag abend, während ich dies schreibe, und eine lange Woche liegt hinter uns. Sie begann damit, daß eine viertel Million Menschen in Edinburgh zusammenkamen, um die G-8-Staaten zu drängen, die Welt zu verändern. Sie verlangten, der Dritten Welt die Schulden zu erlassen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten und dafür zu sorgen, daß nicht länger das Unternehmensrecht nationale Gesetze oder gar das Völkerrecht überrollt. Am Abend folgten dann die Live 8-Konzerte in vielen Städten. Zahllose Menschen guten Willens versuchten, etwas zu bewegen.
Am Montag waren die Ausschreitungen in Edinburgh die Nachricht des Tages. Jeder, der dort war, wird Ihnen sagen, daß die Polizei verängstigte Touristen und Zuschauer, Journalisten und Demonstranten in die Ecke trieb und so eine brisante Lage schuf, in der Jugendliche sich einen Spaß daraus machten, sich mit der Polizei eine Schlacht zu liefern. Einige wenige Leute sahen einige wenige Anarchisten, aber Angst hatten die Menschen vor der Polizei.
Der Krawall in den Schlagzeilen
Die einzige Zeitung, die wahrheitsgetreu über das Geschehen berichtete, war der Dundee Courier, denn der Nachrichtenchef war selbst vor Ort gewesen. Er druckte die Polizeiversion des Geschehens ab und schrieb auf, was er mit eigenen Augen gesehen hatte. Die übrigen Zeitungen übernahmen die Version der Nachrichtenagenturen und übergingen die Berichte der Reporter, die vor Ort gewesen waren. Am nächsten Tag galten sämtliche Schlagzeilen dem Krawall und nicht der Armut in der Dritten Welt.
Am Mittwoch gingen wir nach Gleneagles. Wegen Polizeiabsperrungen und Anarchisten-Sit-ins brauchten wir vier Stunden für den Weg, für den man sonst allenfalls eine Stunde benötigt. Aber wir marschierten in einem friedlichen Protestzug, umgeben von massiver Polizeipräsenz. Da hofften wir noch, die Presse werde über die Ansprachen berichten und über die Ziele der aus aller Welt angereisten Demonstranten.
Die Fotografen riefen nach Gewalt
Doch die Fotografen klagten über Langeweile und riefen offen nach Gewalt. An der einzigen Stelle des Weges, an der etwas passieren konnte, waren Fernsehkameras auf Hebebühnen aufgestellt. Der Weg führte direkt zu einer Absperrung, die den Zug aufhielt, so daß die Demonstranten zusammengedrängt wurden. Man erlaubte der Menge, in eine schmale Straße auszuweichen, die an einem Feld vorbeiführte. Eine Kette aus Polizisten konnte dort leicht verhindern, daß einzelne Demonstranten auf das Feld vordrangen.
Eine Weile war alles ruhig. Doch die Kameras warteten, die berittenen Polizisten und die Sondereinsatzkräfte standen bereit, und so zog man die Polizeikette ab. Nun konnten Demonstranten in wachsender Zahl auf das Feld vordringen. Es kam zu Krawallen. Am Abend waren einige von uns früh genug daheim, um in Edinburgh Tausende zu einem weiteren Konzert versammelt zu sehen - oder eher zu einer politischen Großveranstaltung mit Musik, dem letzten Appell an die G-8-Staaten, mit Weisheit, Würde und Menschlichkeit zu handeln. Am nächsten Morgen galten alle Schlagzeilen den Krawallen, nicht der Unnachgiebigkeit und Habsucht unserer Regierungen und Unternehmen.
Die Bomben in London
Und heute morgen kam die andere Nachricht - über die Bomben in London. Anfangs hieß es, bis zu sieben Bomben seien zur Explosion gebracht worden. Die Zahl der Opfer war noch unklar. Tony Blair erschien im Fernsehen und sah aus wie ein Mann, dem gerade eine Erkenntnis gekommen war: daß nämlich, wenn man auf genügend Menschen schießt, einige vielleicht zurückschießen könnten.
Er sprach sehr langsam und mit großer Sorgfalt. Man meinte wieder einmal, er sei am Rande der Tränen - sein Markenzeichen, das er sonst eher Staatsbegräbnissen vorbehält. Aber vielleicht dachte er auch an Aznar, der sich bei den Anschlägen von Madrid so ungeschickt verhalten hatte. Ganz sicher war da auch etwas Berechnendes: Würde diese Sache gut für ihn ausgehen oder schlecht?
Chauvinistischer Tonfall
Wie stets bei solchen Anlässen verfielen die Medien in ihren chauvinistischsten Tonfall. Man holte ältere Londoner aus ihren Wohnungen, die über den Blitz redeten, und ich erwartete schon, den alten Spruch aus Kriegszeiten zu hören: London Can Take It. Vielleicht weil die Fernsehleute keinen Zugang zu pittoresk hilflosen Angehörigen hatten, verschob sich der Brennpunkt in merkwürdiger Weise auf die Führer der G-8-Staaten.
Fernab in ihren Luxushotels waren sie vollkommen sicher, aber es schien, als sollten wir Mitgefühl mit ihnen haben wegen des Schocks, den sie erlitten haben mußten, da sie doch gerade noch einmal davongekommen waren. Ein Gipfel, der eigentlich den Fortbestand der Armut und der Umweltzerstörung sichern sollte, erschien plötzlich als Treffen von Giganten, die sich aufgemacht hatten, die Welt zu retten, nun aber vielleicht etwas zu abgelenkt waren, um damit Erfolg zu haben. Das Mitgefühl mit den tatsächlichen Opfern der Anschläge wirkte merkwürdig dünn.
Das Land in Gefahr gebracht
Niemand erwähnte, daß die Zahl der Opfer, so schrecklich sie war, in Bagdad an den meisten Tagen als recht gemäßigt gelten würde. Niemand erwähnte, daß Blair mit seinem Entschluß, unsere Soldaten für Profite in den Krieg zu schicken, auch sein Land in Gefahr gebracht hat, und zwar das ganze Land und zu jeder Zeit. Niemand erwähnte, was alle Einschätzungen unserer Sicherheitslage seit Beginn des Krieges gegen den Terror ergeben haben: daß unsere Aktionen die Häufigkeit und Intensität der Terroranschläge und die Gefahr weiterer Anschläge nur erhöht haben.
Niemand erwähnte, daß wir selbst das Foltern von Gefangenen mit der Behauptung gerechtfertigt haben, dadurch könnten Anschläge wie diese verhindert werden. Niemand erwähnte, daß unsere Folterpraxis nicht nur moralisch unentschuldbar ist und nur weitere Terroristen hervorbringt, sondern auch Fachleuten des Geheimdienstes zufolge gar nichts bringt, weil die Gefolterten am Ende genau das sagen, was wir von ihnen hören wollen. Niemand erwähnte, daß für weite Teile der Welt wir die Terroristen sind.
Um Terror, nicht um Aids
Ich kann nicht voraussagen, was als nächstes geschieht. Wahrscheinlich wird der G-8-Gipfel die Welt erneut täuschen können, und wahrscheinlich wird man wieder einmal jeden Protest in Diskussionen über Sicherheit und weitere Antiterrorgesetze ertränken. Schon heute hatte man den Eindruck, daß die PR-Leute mit einer gewissen Erleichterung auf die Behauptung umschwenken, auf dem Gipfel sei es in Wirklichkeit immer schon um den Antiterrorkrieg gegangen und nicht um Aids, Afrika oder Entwicklungshilfe.
In Britannien wird die Regierung die Anschläge nutzen, um die bürgerlichen Freiheiten noch stärker einzuschränken und die Europäische Konvention oder das Völkerrecht in noch höherem Maße zu suspendieren oder zu umgehen. Man wird uns auffordern, Ruhe zu bewahren und darauf zu vertrauen, daß unsere edlen Führer schon den rechten Weg finden - und zu vergessen, daß wir uns einige Tage lang zu Millionen zusammengefunden haben, um die Welt zu verändern.
Man bleibt nicht derselbe wie zuvor
Und natürlich werden einige von uns sich ducken und den Mund halten. Aber ich glaube nicht, daß viele von uns diese lange Woche vergessen werden. In einem Stadion zu weinen, wenn jemand das Elend fremder Menschen schildert oder im Fernsehen einen bewegenden Song singt, bedeutet gewiß kein besonderes persönliches Engagement, aber man bleibt auch nicht ganz derselbe wie zuvor. Gemeinsam mit Hunderttausenden zu demonstrieren, die nicht im üblichen Denken befangen sind, sondern ihre Welt erkunden und das Schreckliche, aber auch das Wunderbare darin entdecken, das schüttelt man nicht einfach ab, weil einige Leute beschlossen haben, ihre Sache mit Gewalttaten zu vertreten.
In den letzten Tagen haben wir oft gesagt, wir seien Millionen und die auf dem G-8-Gipfel seien nur acht. Wir sind immer noch Millionen, und die Terroristen sind ganz wenige. Wir suchen nach einem friedlichen Weg zur Veränderung, einem nachhaltigen Weg zu Entwicklung und Wachstum, einer Hoffnung - die Gerechtigkeit, die uns den Frieden bringt. Ich glaube, dies ist der einzige Weg, der uns voranbringen kann.
Politischer Pflock im schwarzen Herz
George Bush sprach nun von denen, die so Böses in ihrem Herzen tragen, daß sie dafür unschuldigen Menschen das Leben nehmen. Neben dem üblichen Ekel, den der amerikanische Präsident mir einflößt, erinnerte er mich damit an einen Brief, den ihm Cindy Sheehan, die Mutter des Soldaten Casey Austin Sheehan, einmal geschrieben hat. Casey kam wegen Bushs Ölkrieg im Irak ums Leben. Cindy Sheehan schrieb ihm: Einen politischen Pflock in Ihr schwarzes Herz zu schlagen wird die Erfüllung meines Lebens sein...
Das erinnerte mich daran, daß Habsucht nicht alles ist. Sie ist mächtig, sie kann Leben und ganze Kontinente zerstören, aber sie ist nicht mächtig genug. Denn die Liebe zu Macht und Geld wird niemals so lange und so heiß brennen wie die Liebe zwischen Menschen, die Liebe einer Mutter für ihren Sohn, eines Mannes zu einer Frau.
Wer die Welt mit Trauer und Verlust füllt, der wird bald keinen Ort mehr finden, an dem er sich verbergen kann. Und am mächtigsten von allem ist die Art von Liebe, die Cindy Sheehan empfindet. Eine Liebe, die nicht Auge um Auge, Blut für Blut fordert, sondern lediglich Gerechtigkeit verlangt. Cindy und all die anderen in der Welt, die wie sie fühlen, und alle, die stolz darauf sind, ihr zur Seite zu stehen, fordern Gerechtigkeit. Und ich habe das Gefühl, damit werden wir nicht aufhören.
Aus dem Englischen von Michael Bischoff.
A.L. Kennedy, geboren 1965 in Dundee, veröffentlicht im Herbst den Roman Paradies.
Text: F.A.Z., 09.07.2005, Nr. 157 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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