13. Oktober 2003 Die Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) hat auf ihrer Darmstädter Tagung in dem von ihr verabschiedeten Bildungsbericht den Schulen schlechte Zensuren ausgestellt. Es herrscht ein weltweit einzigartiges Durcheinander von etwa 2500 Lehrplänen, die Unterrichtsmaterialien sind veraltet, denn die öffentlichen Ausgaben für Lernmittel stagnieren, es gibt zu wenige Computer, und man verteilt in allen Bundesländern Abschlüsse desselben Titels, die sich aber ganz unterschiedlicher Leistungsanforderungen halber kaum mehr miteinander vergleichen lassen. Außerdem gibt es unerträglich hohe Schulabbrecherzahlen.
So also sieht es aus. Wo? Hier. Wer hat die Aufsicht über diese Schulen? Die Kultusministerien der Länder. Seit wann? Seit je. Wer bestimmt über die Lehrpläne. Jene Schulaufsicht. Über alle? Ja. Und über die Unterrichtsmaterialien, die Schulbücher? Die müssen genehmigt werden, von den Kultusministerien. Wer überzieht die Schulen seit Jahrzehnten mit einer Reform nach der anderen? Wieder die Kultusministerien. Wer hat sich die nur noch in Tausenden zu zählenden Rechtsverordnungen für sie ausgedacht? Weder höhere Mächte noch fremde, sondern die allenfalls niederen, die in Kultusministerien am Werke sind. Und wer hat einen Didaktiklehrstuhl nach dem anderen installiert, um Lehrer in einen Unterricht einzuweisen, der nie stattfindet, weil die Didaktiklehrbücher ohne die Berücksichtigung der Existenz von Schülern, Schulklassen und der Außenwelt der didaktischen Forschung geschrieben worden sind? Waren nicht wenigstens hieran der albanische Geheimdienst, die Freimaurer, die Jesuiten und der Kommunist schuld? Nein, sie waren es nicht. Fünfzehn Finger von fünfzehn Kultusministern zeigen seit Pisa auf die Schulen, schlagen die Augen zum Himmel auf: "Das ist ja nicht zu fassen, es muß etwas geschehen."
Geschäftige Ideenlosigkeit
Recht wohl, es muß. Aber daß das Bekenntnis, Abhilfe schaffen zu wollen, gleich mit einem scheinheiligen Beschweigen des eigenen und zwar jahrzehntelangen Versagens in Form geschäftiger Ideenlosigkeit, mit einem Mangel an Reue, mit einem Selbstbetrug beginnt, läßt ahnen, wie ernst man es in Darmstadt meinte. Welchem Machsal verdankt sich denn das traurige Schicksal von Migrantenkindern, die kein Deutsch lernen; von Schuldirektoren, die vor ihrem Amtsantritt keine besondere Qualifizierung erfahren und nach ihrem Amtsantritt durch Rechtsnormen bewegungsunfähig gemacht worden sind; von Lehrern, die niemand auf das vorbereitet, was ihnen bevorsteht? Wer hat denn die Lehrpläne vollgestopft mit Vorgaben und Stoffen und dringt zugleich ständig darauf, alle Augen zuzudrücken, wenn es um ihre mangelnde, ja ausbleibende Aneignung geht? Und wo sitzen denn die Leute, deren Hauptaugenmerk der Pflege regionaler Sonderwege, politischer Lieblingsschulformen, Erziehungsideologien und Rechtsetzungsnotdürfte gilt? Oder anders gefragt: Wie viele Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland sind seit deren Gründung zurückgetreten, weil sie die finanziellen Mittel oder die politische Unterstützung für eine Verbesserung ihrer Schulen in irgendeinem der genannten Punkte nicht erhalten haben? Na, wie viele wohl?
Bildungspolitische Priorität
Die Autoren des ersten nationalen Bildungsberichtes - das Land hat mehr als fünfzig Jahre alt werden müssen, um ihn zu erleben - haben, unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, in aller wünschenswerten Deutlichkeit auf die Probleme hingewiesen, die dem deutschen Schulsystem bevorstehen. Zurückgehende Schülerzahlen, zunehmende Migrantenanteile, fehlende Arbeitsplätze, schrumpfende Haushalte und in all diesen Hinsichten eine äußerst ungleiche regionale Entwicklung. Daß Bildungsfragen damit ressortübergreifend werden, ist offenkundig. Die Familienpolitik betrifft sie genau so wie die Wirtschaftspolitik, das Verhalten der Tarifpartner ebenso wie das des städtischen Wohnungsbaus und des Einwanderungsrechts. Von einem politischen Willen, diesen Querschnittscharakter zu berücksichtigen, ist aber keine Spur. Und von der Setzung einer bildungspolitischen Priorität genausowenig.
Statt dessen hat man die Nerven, über den Bildungsbericht, der eine einzige Mängelanzeige ist, aber laut KMK keine "neue Hiobsbotschaft" enthält - die alte müßte den Ministern genügen, um zu erröten -, man hat die Nerven, über ihn zu sagen, er verdeutliche, daß die Bildungspolitik in den Ländern alle Herausforderungen "umfassend, aktiv und mit hohem Reformtempo aufgegriffen" habe. Der Bericht weiß es anders: Weder lägen hinreichende Informationen über die Maßnahmen zur schulischen Qualitätsentwicklung in den Ländern vor, noch seien hinreichende Maßnahmen zur Versorgung der Schulen mit Lernmitteln getroffen worden.
Auch die Verwirklichung angekündigter Reformen erfolge in den Ländern mit deutlichen Unterschieden. Den Wissenschaftlern zufolge, sagt die KMK, hätten sich die Bundesländer "darauf eingestellt", die in sieben Handlungsfeldern - von der Demographie über die Mittelausstattung bis hin zur Erneuerung der Schulkollegien - im Dezember 2001 vereinbarten Maßnahmen "möglichst umfassend" umzusetzen. Man hat sich seit Dezember 2001 also darauf eingestellt. Der Bürger dankt. Wie lange mag eine Bildungsreform dann insgesamt dauern, wenn die Kultusministerien ganze zwei Jahre brauchen, um sich auf die Umsetzung ihrer Ziele einzustellen? Und wie lange mag die Geduld der Leute mit einem Föderalismus währen, der ihnen nicht nur solche Vorgänge, sondern auch solche Sprüche zumutet? Bei Eltern und Lehrern untergräbt die Bildungsreform derart ihre eigenen Erfolgsgrundlagen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2003, Nr. 238 / Seite 41
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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