F.A.Z.-Serie: Gehirntraining

Eine betörende Flucht aus der Gedankenflut

Von Britta Hölzel

03. April 2008 Ist es denkbar, dass unser Gehirn allein durch die andauernde Konzentration auf einen einzelnen Moment, auf einen bestimmten inneren Bewusstseinszustand, irgendwie profitieren könnte? Dass es womöglich beim stillen Sitzen reift oder gar an Volumen zulegt? Mit anderen Worten: Könnte es sein, dass man mit Meditationen etwas Ähnliches erreicht wie mit intensiven Lern- oder Bewegungsübungen? Die alte indische Philosophie zumindest lehrt, dass man durch das Meditieren in der Tat die Gesunderhaltung des eigenen Geistes fördern kann.

Dabei geht es nicht nur um körperliche Entspannung. Es sind in erster Linie jahrhundertealte Praktiken, die zum Ziel haben, die menschliche Psyche durch systematische Sebstbeobachtung besser zu verstehen und zu stärken. Warum sollte sich nicht auch die moderne westliche Psychologie dieser uralten Erkenntnisse bedienen und mit ihren Mitteln nach den offenkundig positiven Effekten der Meditation im Kopf suchen? Seit etwa zehn Jahren geht die Hirnforschung dieser Frage tatsächlich intensiver denn je nach, nicht zuletzt am Bender Institute of Neuroimaging der Universität Gießen, wo wir von Beginn unserer Meditationsstudien der Frage nachgegangen sind, wie sich Meditationstraining auf die Funktion und Struktur des Gehirns auswirkt. Welche Spuren, außer dem gefühlten Glück, finden wir im Kopf?

Intensiveres Erleben

Die von uns in Gießen hauptsächlich untersuchte Meditationstechnik ist die Achtsamkeitsmeditation. Achtsamkeit wird trainiert, indem die Probanden ihre Empfindungen, die im gegenwärtigen Moment spontan auftreten, in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Die Meditierenden üben dabei, diesen Empfindungen eine wohlwollende und akzeptierende Haltung entgegenzubringen. Die Ausrichtung auf das Hier und Jetzt verhindert ein „Wegdriften“ in Erinnerungen und Grübeleien. Viele, die das beherrschen lernen, stellen fest, dass sie die Umwelt und die eigene Person anders erleben. Sie berichten, dass Meditieren ihren Alltag verändert, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit und ihren Gefühlen kontrollierter umgehen, dass sie sie intensiver erleben. Viele sind überzeugt, Körperempfindungen sensibler wahrzunehmen.

In der Schule bekommen wir das nicht beigebracht. Wir sind hierzulande weit davon entfernt, solche Fertigkeiten zu kultivieren. Umso mehr erleben es diejenigen, die es mit der Meditation ernsthaft versuchen, als etwas Bereicherndes. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Meditationstechniken zunehmend und mit gutem Erfolg auch in psychotherapeutische Behandlungen integriert werden. Was aber passiert dabei im Kopf?

Veränderung durch Wiederholung

Bei jeder Tätigkeit, die wir ausüben, ist unser Gehirn aktiv. Und je öfter wir sie ausüben, desto leichter und routinierter absolvieren wir diese Tätigkeiten. Heute wissen wir, dass durch die Wiederholungen die entsprechenden Strukturen im Gehirn verändert werden. Das scheint bei den Meditierenden nicht grundlegend anders zu sein. In mehreren Studien haben wir in den letzten Jahren die neurologischen Prozesse untersucht, die diesen Veränderungen zugrunde liegen. Die Ergebnisse dieser Studien untermauern die Feststellung, dass das mentale Training zu Verbesserungen kognitiver Funktionen führt und mit Veränderungen in der Architektur bestimmter Hirnareale einhergeht.

Die Kollegin Amishi Jha von der Universität in Pennsylvania hat gezeigt, dass verschiedene Aufmerksamkeitsnetzwerke durch Meditationsübung trainiert werden. Sie konnte zeigen, dass geübte Meditierende im Vergleich zu den ungeübten Versuchsteilnehmern eine bessere Leistung im Ausblenden von ablenkenden Störreizen aufweisen. Ihre Konzentrationsfähigkeit wächst, ein angepeiltes Ziel kann leichter verfolgt werden. Eine der Hirnregionen, die diese Aufmerksamkeitsfunktion unterstützt, ist der sogenannte anteriore cinguläre Kortex. Vermutlich kann die Aktivierung dieser Region durch wiederholtes Üben regelrecht trainiert werden. Und tatsächlich fanden wir in einer Gießener Studie mit dem Kernspintomographen, dass Meditierende dort eine stärkere Aktivierung aufweisen als ungeübte Kontrollpersonen.

Mehr graue Substanz

Auch die physiologische Basis des Mitgefühls für andere Menschen scheint durch ein entsprechendes Meditationstrainig gestärkt werden zu können. Erst vor ein paar Tagen wurde dazu eine interessante Studie aus der Arbeitsgruppe von Richard Davidson in Wisconsin veröffentlicht. Diese zeigt klar: Tibetische Mönche, die in der Meditation die Empfindung des Mitgefühls kultivieren, zeigen eine deutlich stärkere Aktivierung in entsprechenden Hirnregionen, wenn ihnen traurige oder leidende menschliche Laute präsentiert werden.

Die Effekte regelmäßigen Meditationstrainings lassen sich aber nicht nur zeigen, indem man auf den Bildern die Aktivierung ganz bestimmter Hirnareale verfolgt. Sie zeigen sich auch in Form struktureller Besonderheiten des Gehirns. So ergab der Vergleich von Meditierenden und Nichtmeditierenden eine deutlich höhere Konzentration grauer Substanz in verschiedenen Hirnarealen bei den Meditierenden. Die graue Substanz im Gehirn ist die Schicht, in der unter anderem die Zellkörper der Nervenzellen lokalisiert sind. Allgemein wird angenommen: Eine dickere Schicht beziehungsweise eine größere Konzentration an grauer Substanz verbessert die jeweilige Funktion des Hirnareals. Bei den Regionen, die wir bei den Meditierenden verändert fanden, handelt es sich um Areale, deren Funktionen durch das mentale Training gefördert werden.

Sehen mit neuen Augen

Insbesondere zeigen sich Effekte im insulären Kortex, in dem Signale aus dem Körperinnern repräsentiert werden, sowie im Hippocampus. Dieser spielt eine ganz wichtige Rolle für das Langzeitgedächtnis und - als Teil des Limbischen Systems - für die Emotionen. Interessante Veränderungen bei den Meditierenden fanden wir zudem in einer Region, die für das Regulieren von Emotionen zuständig ist - dem orbitofrontalen Kortex. Dieses Areal unterstützt das Umlernen von Emotionen. Löst etwa eine Situation bei einem Menschen normalerweise Angst aus, dann ist es diese Region, die daran beteiligt ist, wenn der Betreffende lernt, auf die gleiche Situation eine andere, positive Gefühlsreaktion zu entwickeln.

Es gibt erste Hinweise darauf, dass Meditation hier ebenfalls strukturelle Veränderungen bewirkt. Ganz konkret: Je mehr Zeit die Praktizierenden in ihr Meditationstraining investieren, desto größer ist offensichtlich die Konzentration grauer Substanz in dieser Hirnregion. Möglicherweise ist es diese Veränderung im Volumen und damit in der Verschaltung, die den Meditierenden hilft, die Umwelt mit „neuen Augen zu sehen“ und eingefahrene emotionale Reaktionsmuster durch eine offene, wohlwollende Haltung zu ersetzen - eine geistige Flexibilität, die bei vielen mit zunehmendem Alter nachlässt.

Schutzwall gegen Demenz?

Tatsächlich führen degenerative Prozesse im Alter zu einem Verlust vor allem an grauer Substanz. Insbesondere Regionen im vorderen Teil - den frontalen Regionen - des Hirns sind von dem Abbau betroffen. Dieser Verlust an grauer Substanz geht mit kognitiven Verschlechterungen einher. So gehen die Leistungen alter Menschen zum Beispiel eher in den Bereichen des Arbeitsgedächtnisses zurück, das logische Schlussfolgern fällt schwerer. Eine Untersuchung von Sara Lazar an der Harvard Medical School lässt hoffen, dass man diesem Abbau mit Meditationsübungen entgegenwirken kann. Sie hat mit ihren Untersuchungen zahlreicher langjähriger Meditierender herausgefunden, dass die typische altersbedingte Abnahme der frontalen Großhirnrinde bei ihnen ausgeblieben ist. Ist regelmäßiges Meditieren also womöglich eine Art Schutzwall gegen Demenz? „Use it or loose it“ - gebrauche es oder verliere es - könnte auch hier gelten.

Auch am Massachusetts General Hospital in Boston nehmen wir derzeit Studien zum protektiven Effekt von Meditationsübungen auf das alternde Gehirn vor. Die bisher vorliegenden Ergebnisse lassen vermuten, dass ein regelmäßiges Training überlieferter Meditationstechniken tatsächlich einer kognitiven Verschlechterung im Alter entgegenwirken kann. Inwiefern verschiedene Meditationsübungen, wie Tai-Chi, Gehmeditation, Zen- oder Vipassana-Meditation, oder eine der vielen anderen Konzentrationstechniken jeweils spezifische Effekte erzielen, wird Gegenstand der weiteren Forschung sein.


Britta Hölzel kam als Psychologin und Mitarbeiterin von Ulrich Ott am Bender Institute of Neuroimaging (Direktor D. Vaitl) der Universität Gießen zur Meditationsforschung. Seit einiger Zeit arbeitet sie am Massachusetts General Hospital in Boston an der Seite der amerikanischen Pionierin auf diesem Gebiet, der Harvard-Forscherin Sara Lazar.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: New Scientist

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