Carla Bruni

Fass der Königin nicht ans Gewand!

Von Klaus Harpprecht

Ein Glücksfall für den Wirrkopf Sarkozy: Carla Bruni

Ein Glücksfall für den Wirrkopf Sarkozy: Carla Bruni

18. November 2008 Kein rechter Trost: dass wir Deutschen nicht die einzigen sind, die ihr Lebtag lang darüber greinen, wir würden nie und nimmer verstanden, ja, dass wir uns selber immer wieder absurde Rätsel aufgeben (nur an Frau Ypsilanti, an den Großgenossen Oskar und die Bankrotteur-Elite der Linken zu denken). Es gibt auch andere, die manchmal über sich selber so heftig die Köpfe schütteln, dass ihre Halswirbel zu brechen drohen: zum Beispiel die Franzosen, die wir Deutsche freilich gar nicht verstehen sollen, weil unser Wunder-Denker Sloterdijk mit virtuosem Scharfsinn ermittelt hat, dass uns mit ihnen seit de Gaulles und Adenauers Umarmung in der Kathedrale von Reims nur der Prozess einer „benignen Entfremdung“ verbindet.

Wie auch immer: Unsere linksrheinischen Partner schleppen sich derzeit durch den gleichen Krisensumpf wie wir. So melden die Vorsteher des „Secours catholique“, dass sich die Zahl der Bedürftigen, die an der Armenspeisung teilnehmen, in den letzten Monaten verdoppelt hat – Rentner, Billiglohn-Arbeiter oder Studenten –, die ohne die Spendenpakete der karitativen Organisationen Hunger litten und ihre Miete nicht mehr bezahlen könnten. Doch trotz der desperaten Lage begegnen die Bürger Frankreichs ihrem hyperaktiven Präsidenten wohlwollender, als er es gewohnt ist: 48 Prozent der Franzosen haben nach neueren Umfragen eine gute Meinung über Nicolas Sarkozy. Die Rezession ändert nichts am Anstieg der Popularitätskurve des Staatsoberhauptes, der sich noch zum Jahresbeginn, was den Tiefstand öffentlichen Ansehens anging, an seinem amerikanischen Kollegen Bush junior messen konnte. Ein Rätsel.

Konzentriert und elanvoll

Was verhalf dem Schwirrkopf zur plötzlichen Reputation? Als Präsident des Rates der Europäischen Union machte er gute Figur. In der georgischen Krise war er blitzgeschwind zur Stelle, um von den moskowitischen Chefs und dem georgischen Autokraten Mäßigung zu fordern, mit Erfolg. Als das Fiasko der Weltfinanzen offenbar wurde, drängte er auf eine gemeinsame europäische Strategie – und holte sich zunächst eine kühle Abfuhr bei der Kanzlerin und ihrem Geldminister, die meinten, die Deutschen bändigten die monströse Bedrohung besser allein –, ohne zu ahnen, wie tief sich die deutschen Bankherren mit ihrer gierig-dreisten Leichtfertigkeit im Spekulationsmorast verirrt hatten, manche angeblich so grundsolide Sparkassen-Wächter nicht ausgenommen.

Die skeptischeren Kollegen in Frankreich hatten, im Vergleich, mehr Umsicht bewiesen. Den Minimalkonsens der Europäer aber vertrat Sarkozy glaubhaft genug. Er wirkte, wann immer er auftrat, konzentrierter und seriöser, ohne seinen Elan einzubüßen.

Die Wandlung des Derwisch

Was bewirkte die Wandlung des „Président Bling-Bling“, der zuvor wie ein rasender Derwisch durch Frankreichs Regionen und rund um den Erdkreis gefegt war, von einem Brennpunkt zum nächsten, Projekt um Projekt aus den Ärmeln schüttelnd, keines zu Ende gedacht, geschweige denn zu Ende gebracht, von seinem ergebenen Premierminister vor den schlimmsten Stolperstürzen bewahrt und stets umwogt von attraktiven Ministerinnen, die ihm seit der Trennung von der schlechtgelaunten Gattin Cécilia zappelnd vor Eifer – und mit unterschiedlichem Glück – ihre Talente demonstrierten, zumal die exotisch-elegante Justizministerin Rachida Dati?

Plötzlich war alles anders: Carla Bruni hatte die Szene betreten, zunächst mit einem hastig arrangierten Rendezvous in Disneyland, danach mit einem ausführlich fotografierten Weihnachtsurlaub unter den Pyramiden Ägyptens. Die Medien, die sich vom Allotria der Prominenten nähren – in Frankreich „les people“ genannt: eine Pariser Reduktion der „beautiful people“ –, sie schäumten vor lustvoller Erregung. Unverzüglich förderten sie jene Foto-Serie zutage, in der Carla Bruni nichts von ihrer Schönheit verbarg, gleichviel ob natürlich oder partiell ein Werk chirurgischer Kunst – was weder die Ästhetik noch die Reize mindert. (Wer fragt danach, ob Botticellis „Aphrodite anadyomene“ oder Cranachs rotblonde Nymphen ihre Anmut nicht auch zeitgenössischer Heilhexerei verdankten?).

Das verletzte Ego des Präsidenten

Carla scheint es nicht zu stören, dass via Internet nach wie vor der Blick auf die Gesamtheit ihrer Person geboten wird. Und auch der Staatschef scheint daran keinen Anstoß zu nehmen. Wer weiß: vielleicht regt sich in ihm ein altmodisch maskuliner Besitzerstolz, seit er der Schönen entschlossen den Arm bot, um mit ihr vor den Standesbeamten zu treten, der den Bund der beiden in einer Art Blitzhochzeit gesetzlich konfirmierte?

Sage keiner, der Präsident habe sich vom Liebesrausch überwältigen und zu einer überhasteten Ehe drängen lassen. Der zweite Rückzug der langen Cécilia – mit der er die ersten amourösen Blicke tauschte, als er sie, Bürgermeister des reichen Pariser Vororts Neuilly, einem seiner Freunde angetraut hat (die Affäre mit der Braut begann sozusagen beim Tausch der Ringe) – , der zweite und endgültige Abgang der launischen Dame hat sein nicht allzu gefestigtes Ego tiefer verletzt, als er’s sich und anderen gestehen mochte.

Sarkozy Leiden

Er litt ohnehin – sein Machtwille zeigt es an – an seiner sacht exotischen Herkunft, die nicht den Normen der Pariser Elite entspricht, litt womöglich tiefer unter der leichten Verkrüppelung eines Beines, das er (kaum wahrnehmbar) nachschleppt, litt vor allem unter seiner Kleinwüchsigkeit (was die eigene Mutter seiner Portraitistin Yasmina Reza bestätigt hat).

Carla nahm seine Blessuren geübten Auges wahr und zeigte sich ohne Zögern bereit, sein lädiertes Ich wieder aufzurichten. Dankbar erkannte er, dass die erotisch hoch gerüstete Samariterin die gleichsam ideale Rettung bot. Mit welch zartsinniger Klugheit sie ihm aufhalf, erwies sich wenig später, als er sich mit seiner nun rechtmäßigen Gattin zum Staatsbesuch auf Schloss Windsor einfand. Dass Prinz Philip und Prinz Charles vom Zauber der Partnerin des Gastes aus Paris entzückt waren: das verstand sich von selbst.

Doch auch die strenge Königin widerstand dem Charme der anmutigen Dame nicht. Sie wusste die ebenso schlichte wie raffinierte Eleganz ihrer Kleidung, die graziöse Meisterung des Protokolls, ihr impeccables Englisch und vor allem die Wachsamkeit zu würdigen, mit der Carla den Gatten im Auge behielt, damit er Ihrer Majestät um Gottes Willen nicht – von seinem Anfasstick getrieben – allzu vertraulich am Gewand nestelte (womit er die Nerven der Kanzlerin Merkel gelegentlich strapaziert hat). Kein Unheil geschah.

Politisches Engagement

Die große Staatsprüfung war bestanden. Jeder Franzose lüpft den Hut vor Carlas Kultiviertheit, die ein Geschenk ihrer Kindheit im Hause des Industriellen und Komponisten Alberto Bruni Tedeschi ist (zwar nicht ihr natürlicher Vater, wie er auf dem Totenbett gestand, dennoch ein liebevoller Papa, der seiner Frau, der Pianistin Marysa Borini, den Seitensprung mit einem brasilianischen Musikus nicht nachtrug). Er zog es einst vor, seine Familie vor der terroristischen Bedrohung nach Frankreich in Sicherheit zu bringen, und er richtete ihr ein fürstliches Domizil am Cap Negre bei Hyères ein, gemütlicher als die Staatsvilla Fort Brégançon auf der anderen Seite der Bucht, die Präsident Sarkozy im Unterschied zu seinem Vorgänger Chirac lieber meidet.

Die Flucht vor den Roten Brigaden indes hielt Carla nicht davon ab, zusammen mit ihrer Schwester, der Schauspielerin und Regisseurin Valeria Bruni-Tedeschi beim Präsidenten gegen die Auslieferung der kranken Terroristin Marina Petrelli zu intervenieren: diesen Triumph wollten die beidem ihrem einstigen Landsmann Berlusconi nicht gönnen, dessen Vulgarität sie offen verachten.

Donna Giovanna, die Unabhängige

Nein, Carla hat ihren eigenen Kopf nicht an der Garderobe des Elysée abgegeben (wo sie sich ohnedies nur an den Wochenenden aufhält). Trotz des Reichtums der Eltern hat sie als Model ihr eigenes Geld (millionenweise) verdient. Als es an der Zeit wurde, dem Laufsteg adieu zu sagen, begann sie ihre zweite Karriere als Chansonnière: mit einer hübschen, wenn auch nicht allzu tragenden Stimme begabt, in der Fertigung ihrer Texte durchaus dem Niveau ihrer Kollegen gewachsen, manchmal ein bisschen frecher (wenn sie ungeniert ihre dreißig Liebhaber besingt, die sie nicht davon abhalten könnten, ein kleines Mädchen zu sein), manchmal auch ehrgeiziger, wie ihre zweite CD demonstrierte, auf der sie ausschließlich englische Verse vertont hat: von Yeats, von Auden, von Emily Dickinson, Christina Rossetti und Dorothy Parker, der amerikanischen Meisterin der Satire.

Kein schlechter Geschmack. Sie tritt im Fernsehen auf (selbst im deutschen, eine Geste, die Thomas Gottschalk nicht begriff). Von keinem ihrer amants ließ sie sich lange binden – auch nicht vom Vater ihres Sohnes (den sie sozusagen gegen den Großvater, den Literaturkritiker Jean-Paul Enthoven, eingetauscht hatte). Für ihre Unabhängigkeit riskierte sie es, ein kaltes Luder gescholten zu werden. Eine Donna Giovanna, die daraus kein Geheimnis macht.

Ein Produkt der Luxuslinken

Die Position der First Lady – ein Idealsujet der Kabarettisten, der Comic-Autoren, der Karikaturisten – verlangt eine gewisse Rücksicht, das weiß sie wohl. Doch nach der Wahl Obamas warf sie sich für ein Manifest der französischen Intellektuellen und Künstler ins Zeug, die für ihr Land mehr Gleichheit fordern, größere Chancen für die Minoritäten, gleichviel welcher Hautfarbe und welcher Konfession. Sie hätte den Aufruf unterzeichnet, sagte sie, wenn ihre Stellung dies erlaubte. Ihr Mann sei nicht Obama, aber die Franzosen hätten immerhin den Sohn eines ungarischen Einwanderers und einer jüdischen Mutter gewählt. Auch sie selber entspreche nicht dem Bild der traditionellen Eliten: Sie sei Künstlerin, überdies als Italienerin geboren (sie hätte auch auf die jüdischen Vorfahren ihrer eigenen Familie hinweisen können) – wie ihr Mann zu einem natürlichen Europäertum bestimmt.

In den konservativen Zirkeln der Hauptstadt bemerkte man mit einem säuerlichen Lächeln, Carla sei eben doch ein Produkt der „gauche caviar“, der Luxuslinken. In der Tat machte sie kein Geheimnis daraus, dass sie in der Präsidenten-Wahl für Ségolène Royal gestimmt hatte. Das Amalgam von unprätentiöser Eleganz, linkem Flair, großbürgerlicher Kultur, Neigung zur Bohême, dem stets präsentem Eros und einer guten Portion gesunden Menschenverstandes: eine attraktive Mixtur, die dem Präsidenten nur nützlich sein kann. Er weiß es wohl.

Von Klaus Harpprecht erschien zuletzt eine Biographie über Marion Gräfin Dönhoff.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/Omega, picture-alliance/ dpa

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