Film

Eine Frauenrache: „Wolfsburg“ im Kino

Von Andreas Kilb

24. September 2003 Am Anfang dieses Films passiert eins der schlimmsten Dinge, die in einem Film passieren können: Ein Kind wird überfahren. Ein kleiner Junge. Er liegt am Straßenrand auf dem Rücken, mit zur Seite gedrehtem Kopf, und blickt dem Auto nach, das ihn getroffen hat. Später, im Krankenhaus, als er aus dem Koma erwacht, nur um wenig später an seinen inneren Verletzungen zu sterben, wird Paul den Wagen beschreiben: "Rotes Auto. Ford." Das ist die erste falsche Spur, die der Film legt.

Die zweite falsche Spur ist sein Titel: "Wolfsburg". Man erwartet eine Fabrikgeschichte, rauchende Schlote, gehobene und erniedrigte Angestellte, Mordfälle im Aufsichtsrat. Statt dessen sieht man ein rotes Auto über eine Landstraße fahren, zwischen Wiesen und braunen Feldern. Drinnen sitzt Phillip Wagner (Benno Fürmann) und telefoniert. Am Apparat ist Katja, seine schwierige, immerfort sich vernachlässigt fühlende Verlobte. "Ich bin auf dem Weg zu einem Kunden", sagt er, und sie: "Es ist aus." Da wendet er den Wagen und fährt zurück. Gleich darauf fällt ihm sein Mobiltelefon aus der Halterung, er beugt sich nach unten, tastet herum, außen am Wagen gibt es einen dumpfen Schlag. Im Rückspiegel sieht Phillip ein Kind im Gras liegen. Er hält an, zögert. Dann gibt er Gas und fährt davon. Erst zu Hause nimmt er endlich den Telefonhörer in die Hand und wählt die Nummer der Polizei. Doch es ist zu spät. Von jetzt an wird sein Leben wie in einer Rückblende ablaufen, langsam, präzise, unerbittlich. Der Tod ist ihm längst vorausgeeilt, er fährt nur hinterher.

Das Unverzichtbare

So könnte man immer weitererzählen, bis zum Ende der Geschichte. Christian Petzolds "Wolfsburg" ist ein Film, der zum Erzählen einlädt, weil er selbst immer nur das Allernötigste erzählt, das Unverzichtbare. Etwa daß die Mutter des angefahrenen Jungen, Laura (Nina Hoss), in einem Supermarkt arbeitet - man sieht sie durch den Sucher einer Überwachungskamera, wie sie Kartons einsammelt - und in einer Neubausiedlung wohnt, allein. Im Krankenhaus, wo sie am Bett ihres Kindes wacht, wird sie Phillip treffen, den sein pochendes Gewissen hergetrieben hat. Sie stehen am Kaffeeautomaten. Er gibt ihr den Becher. Er will sprechen - und stockt. Sie läuft davon. Er wird sie verfolgen.

Nina Hoss, die eigentlich blonde Haare hat, trägt eine dunkelbraune Perücke in diesem Film wie Brigitte Bardot in Jean-Luc Godards "Die Verachtung" von 1963. Und Benno Fürmann fährt einen roten Sportwagen (einen NSU Ro80) wie Jack Palance damals bei Godard. Die Übereinstimmung der Rottöne, sagt Christian Petzold, sei ihm erst beim Schnitt aufgefallen. Das ist selten bei Petzold: daß ihm eine Reminiszenz, ein filmgeschichtlicher Bezug erst im nachhinein aufgeht, statt daß er ihn bewußt in die Bilder hineinschreibt. Aber es spricht für "Wolfsburg" - dafür, daß die Geschichte aus sich heraus funktioniert, ohne Vorwissen des Zuschauers, wie jede gute Filmstory. Auch bei Petzold führt nicht jeder Weg zu Godard. "Die Verachtung" war unter anderem ein Abgesang auf jene Filmindustrie, die es in Deutschland längst nicht mehr gibt; deshalb - aber nicht nur deshalb - wurde "Wolfsburg" vom Fernsehen produziert.

Kriminalfilm neu erfunden

Es ist Christian Petzolds fünfter Fernsehfilm. Die ersten drei, "Pilotinnen", "Cuba Libre" und "Die Beischlafdiebin", entstanden vor 1998; dann kam "Die innere Sicherheit" (2000), Petzolds Kinodebüt. Seitdem ist er ein Orientierungspunkt auf der Landkarte der deutschen Kinematografie. Petzolds Regiearbeiten legen fest, was im deutschen Film an Stil, Präzision, formaler Vollkommenheit zu erreichen ist; seine Bilder sind Vorbilder. Mit "Toter Mann" (2001) und jetzt mit "Wolfsburg" hat er den Kriminalfilm, der sich in den "Tatorten" der ARD und den Wochenendserien des ZDF totzulaufen schien, neu erfunden: als Krimi ohne Kommissar.

Der Anwalt, der in "Toter Mann" den Rachefeldzug der Küchengehilfin Leyla aufdeckt, kann auf die Hilfe der Polizei verzichten; in "Wolfsburg" ist sein Part nun ganz gestrichen. Die Story ist ein Duell ohne Schiedsrichter: die Mutter des Opfers gegen den Täter. Die Pointe liegt bei Petzold darin, daß beide einander aus entgegengesetzten Gründen suchen - ohne daß Laura weiß, daß der Mann, der sie eines Nachts aus dem Wasser des Mittellandkanals zieht, in dem sie sich ertränken wollte, die Ursache ihres Unglücks ist. Es dauert eine Ewigkeit, bis sie erkennt, was ihr Kind mit dem Wort "Ford" gemeint hat. Als sie es merkt, kommt auch für uns, die wir den Täter kennen, die Einsicht wie ein Schock. Erst jetzt sehen wir, was der Junge sah, bevor er starb.

Logik des Automobils

Im Deutschunterricht lernt jeder Schüler, was eine klassische Novelle ausmacht: die "unerhörte Begebenheit" (Goethe), aus der sich alles übrige zwangsläufig ergibt. Das ist im Prinzip auch die Form des Kriminalfilms: Verbrechen, Verfolgung, Showdown. Aber Petzold macht aus diesen Vorgaben, die in Wahrheit lauter Freiheiten sind, eine Etüde in erzählerischer Perfektion. Sein Film ist ganz auf Symmetrie und Wiederholung gebaut: Jedes Bild bekommt sein Gegenbild. So sieht man, wieder mit dem Blick der Überwachungskamera, wie Laura nach Pauls Tod im Supermarkt zusammenbricht. Der Schrottplatz, auf dem sie nach Spuren des Unfallautos sucht, ist derselbe, auf dem Phillip einen kaputten Kotflügel abgeladen hat. Die Einstellungen sind wie Ersatzteile füreinander; die Geschichte selbst folgt der Logik des Automobils. So ist es nur konsequent, daß sie auch auf einer Landstraße endet, mit einem Unfall, nach dem Phillip in der gleichen Haltung im Gras liegt wie der Junge, den er zu Beginn angefahren hat. Sein Blick sucht die Frau, die ihr Kind an ihm gerächt hat. "Wo sind wir hier?" Er sagt es ihr. Dann ruft sie die Polizei.

Die Kehrseite dieser Vollkommenheit ist Kälte. Bei Petzold sitzt man immer im Film, nie in einem tröstlichen Abbild des Lebens. Seine makellosen Einstellungen formulieren die Antithese zum "Dogma"der Dänen: Kino als Weltersatz, nicht als Guckloch in die Welt. Das hat etwas Unzeitgemäßes, und vielleicht ist es das Bewußtsein dieser Unzeitgemäßheit, das Petzold beim Fernsehen Schutz suchen läßt. Mit dessen Geld dreht er die schönsten Kinobilder, die man sich zur Zeit in Deutschland vorstellen kann. Im Hintergrund der Landstraße, auf der die unerhörte Begebenheit von "Wolfsburg" passiert, sieht man in weiter Ferne die Schornsteine des Volkswagenwerks. In keiner Stadt, erklärt Petzold, habe er die Geschichte der Bundesrepublik derart verdichtet an der Peripherie vorgefunden. Auch davon erzählt dieser Film.



Bildmaterial: AP

 
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