Jazz

Zum Tode von Albert Mangelsdorff

Von Harald Budweg

26. Juli 2005 Zur Musik finden Menschen meist durch ein Schlüsselerlebnis. Wer selber als Laie ein Instrument bedient, wird einmal erleben wollen, wie professionell ein berühmter Star das Werk des geschätzten Komponisten interpretiert. Wurde es auch noch ein großer Abend, wird der neu gewonnene Musikfreund dieser Kunst wahrscheinlich zeitlebens verfallen sein.

Im Jazz, so scheint es, funktioniert die „Einstiegsdroge“ auf einer gefühlsmäßig intensiveren, weit weniger individualistischen Ebene. Es gibt nicht wenige, die als ihr Schlüsselerlebnis für die zeitlebens wirksame Liebe zum Jazz ein fundamentales Musikerlebnis der Berliner Jazztage 1976 schildern: Auf dem Programm eines unvergessenen Jazzabends in der dortigen Philharmonie stand ein „Triologue“, der den damals schon im Zenit seiner Improvisationskunst stehenden Posaunisten Albert Mangelsdorff mit dem Bassisten Jaco Pastorius und dem Schlagzeuger Alphonse Mouzon zusammenbrachte. Pastorius, zu dieser Zeit ein genialer junger Hitzkopf von 24 Jahren, der schon 1987 gestorben ist, hat in faszinierender Weise dem E-Baß neue Seiten abgewonnen. Wie nun Mangelsdorff, sichtlich angesteckt von der Experimentierlust des 23 Jahre jüngeren Kollegen, mit diesem kommunizierte, wie dieser zum „Triolog“ mit Mouzon erweiterte Musizierwille spielerisch Gestalt annahm, verriet viel über den Menschen und Musiker Albert Mangelsdorff, den viele Jazzfreunde so sehr verehrten.

Integrations- und Innovationskraft

In der Tat gibt es wohl kaum einen Musiker, der so unmittelbar in einem Atemzug mit dem Stichwort „Jazz“ zu nennen wäre wie Albert Mangelsdorff, der am Montag im Alter von 76 Jahren nach längerer schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Frankfurt gestorben ist. Wie kein zweiter auch hat Mangelsdorff Deutschlands Ruf als Jazzland gefestigt. Wenn Frankfurt in der Vergangenheit zumindest zeitweilig als deutsche Jazzhauptstadt hat gelten dürfen, so hing das wesentlich mit Mangelsdorffs Integrations- und Innovationskraft als Musiker und Initiator zusammen.

Albert Mangelsdorffs älterer Bruder Emil hatte ihm einst den Jazz nahegebracht. Albert war damals zwölf, die Nationalsozialisten waren an der Macht und Jazz als „Negermusik“ verboten. Albert lernte dennoch ein Instrument: die Gitarre. Erst nach Kriegsende wurde die Posaune sein zentrales musikalisches Ausdrucksmittel. Schon bald wurde er zum Newport Jazz Festival eingeladen. Doch der damals auch in Deutschland vorherrschende Stilimport aus Amerika war seine Sache nicht: Albert Mangelsdorff kreierte fortan eine eigene Kunst.

Klangerlebnis von sinnlicher Natur

Legendär wurde er in den sechziger Jahren mit der Kunst, die Spielweise seines Instruments zu revolutionieren. Seine als „Multiphonics“ in die Fachwelt eingegangene neue Technik verbindet Singen und Blasen mit einer speziellen Atem- und Ansatztechnik in der Weise, daß ein besonders obertonreiches Klangspektrum entsteht. Das mag in dürren Worten noch so abstrakt klingen - das Klangerlebnis ist allemal von sinnlicher Natur. Im Zusammenwirken mit Pastorius' Experimenten, das Klangspektrum seines E-Basses in unglaublich anmutender Weise zu erweitern, und mit Mouzons Drumming-Effekten ergab sich 1976 das Faszinosum des noch heute in Jazzkreisen zuweilen erwähnten „Triologs“.

Doch wofür Jazzfreunde in aller Welt ihn bewundert haben, das war nicht nur seine immense instrumentale Kunstfertigkeit und das hohe musikalische Niveau seiner Klangschöpfungen. Es war vielmehr auch die menschliche Größe, für die wir alle - ein oft gehörtes Wort - „unseren Albert“ liebten: gewiß nicht nur in Frankfurt, wo man den Musiker zuweilen ganz nonchalant um die Ecke biegen sehen konnte. Albert Mangelsdorff war der Prototyp eines unprätentiösen, bescheiden und kollegial wirkenden Künstlers ohne jegliche Starallüren. Auch im Umgang mit viel weniger berühmten Kollegen als Pastorius und Mouzon oder dem Lieblings-Duopartner Wolfgang Dauner hat Mangelsdorff nie den Solisten herausgestellt - schon gar nicht in der Weise, wie eine männliche Primadonna assoluta alles und jeden an die Wand zu spielen. Die tiefempfunde Kollegialität hingegen war es, das von Jazzfreunden wahrgenommene und geschätzte Erlebnis, Partner im Zusammenspiel konzeptionell aus der Reserve zu locken und mit ihnen zu dialogisieren: Das hat bei Jazzfestivals die treue Fangemeinde immer wieder von Neuem zusammengeschweißt.

Die Stadt Frankfurt hat ihren großen Sohn mit der Goethe-Plakette und dem Frankfurter Musikpreis geehrt. Viel früher schon hatte man in Albert Mangelsdorff den geeigneten Kulturbotschafter erkannt in einer Zeit, in der Völkerverständigung zu einem wichtigen Instrument der Politik werden sollte. Schon früh organisierte das Goethe-Institut Asien-Tourneen. Mit den „Frankfurt All Stars“ nahm Albert Mangelsdorff am ersten Nachkriegs-Kulturaustausch mit Polen teil. Daß seine unerschöpflich scheinende Kraft einmal nachlassen könnte, hat sich noch vor wenigen Jahren niemand vorstellen wollen. Natürlich lebt Albert Mangelsdorff noch lange - in uns.



Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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