Von Tilman Spreckelsen
09. Mai 2008 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Ich hatte mir die Sache mühsamer vorgestellt: Als eine Last auf den Schultern, eine unangenehme Pflicht in den Abendstunden, immer den Freitag im Blick, wo der nächste Maigret gelesen sein will. Jetzt muss ich mich eher bremsen, um den Wochentakt einzuhalten. Und dieser hier, der fünfte, war auch wirklich besonders spannend.
Die Handlung in einem Satz: Weil er von der Unschuld eines Todeskandidaten überzeugt ist, hilft er ihm bei der Flucht und kann dadurch tatsächlich den wahren Mörder finden.
Spielt in: Paris und Morsang, einem kleinen Dorf an der Seine, rund fünfunddreißig Kilometer von Paris entfernt.
Neues über Maigret: Er ist 1 Meter 80 groß, (immer noch) 45 Jahre alt und beherrscht, wie er behauptet, keinerlei Fremdsprachen.
Konsum geistiger Getränke: Maigret verschmäht auch ein vergessenes, halbleeres Glas schalen Bieres nicht. Seinen Manhattan trinkt er jedenfalls ohne rechte Freude daran.
Der Hass der Hungerleider
Er möge bloß nicht dem Augenschein trauen, sagt der Schurke dem Kommissar immer wieder (und lenkt ihn damit lustvoll auf die falsche Fährte: ob Maigret denn gar nicht aufgefallen sei, dass es den befreiten Verdächtigen immer wieder an die Seine ziehe?). Schön ist, wie Maigret die Klischeefalle aufbaut, und wenn sie dann zuschnappt (die bösen Reichen, die gutherzigen Armen), ist sie leer: Denn wer zeigt sich finsterer als jener arme Schlucker, der, zu Geld gekommen, die Hungerleider von Paris zu entwürdigenden Mätzchen zwingt, nur um sie dann um ihren Lohn zu betrügen? Von Solidarität wissen diejenigen nichts, die zusehen, wie die Reichen ihr Erbe durchbringen, und am Ende bleibt in all dem Elend gar nichts, um das irgendjemand kämpfen würde. Dass Maigret es trotzdem tut, ohne viel Aufhebens und höchst effizient, dafür könnte man sich schon mit ihm anfreunden.
Lieblingssatz: Es gab Tage, da wusste er nicht einmal, wie er sein Taxi bezahlen sollte, und gleichzeitig spendierte er eine Runde Cocktails für fünfzehn Leute, die er kaum kannte ... Und wie er lachen konnte! Ich habe ihn nie anders als sorglos gesehen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET
