Klimaschutz

Wir sind die Verbrecher

Von Guillaume Paoli

Klimaschutz: Wir brauchen eine Revolution

Klimaschutz: Wir brauchen eine Revolution

22. November 2006 „Alle reden über das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen“, beklagte sich Rudyard Kipling. Immerhin wird heute darüber geredet, was zu tun sei. Endlich wird das Ausmaß der anthropogenen globalen Erwärmung zumindest auf dieser Seite des Atlantiks weit und breit erkannt. So begrüßenswert dies ist, so rätselhaft ihre Erscheinungsform - wir haben nun eine Weltuntergangsdebatte, und alle bleiben gefaßt.

Ganz sanft und selbstverständlich haben sich Ankündigungen des Schreckens in die tägliche Nachrichtenflut eingenistet. Fast vertraut ist uns bereits das surreale Bild eines Europas, wo Spanien und Italien nur noch Sahara-Anhängsel wären, die Alpen schneefrei, alle Küstenstädte versunken, die übrigen Gebiete von Überflutungen, Orkanen und Dürren heimgesucht, ein Großteil der Tierarten ausgelöscht, und das alles womöglich noch zu unseren Lebzeiten. Solche Informationen werden zur Kenntnis genommen und vom jüngsten Sturm im Berliner Kulturglas oder von den letzten großkoalitionären Krakeelereien abgelöst.

Bequeme Schlußfolgerung

Natürlich bedauert niemand die Abwesenheit apokalyptischer Panikreaktionen. Es fragt sich jedoch, wieviel Selbstaufgabe eine solche Regungslosigkeit in sich birgt. Die Grenze zwischen Wegdenken und Resignieren ist schmal und wird leicht überschritten. Wenn die Nichts-wird-geschehen-Option nicht mehr haltbar ist, neigt man dazu, sich in die Erwartung des schicksalhaften Unheils zu ergeben. In beiden Fällen ist die bequeme Schlußfolgerung dieselbe: Es hat keinen Zweck, etwas dagegen zu unternehmen. Daher ist für Umweltaktivisten das Umfrageergebnis, mehr als zwei Drittel der Deutschen seien nun fest davon überzeugt, daß sich die Katastrophe nicht mehr vermeiden läßt, kein Grund zu jubeln.

Woher diese Gleichgültigkeit? Anscheinend haben bedrohliche Zukunftsereignisse einen paradoxen Effekt: Sie werden zugleich für wahrscheinlich und unmöglich gehalten. Es gibt ein Gefälle zwischen Information und Vorstellungsvermögen, das in diesem Fall durch ein sonderbares Phänomen verstärkt wird: Klimatisch gesehen, atmen wir die Vergangenheit ein und die Zukunft aus. Der aktuelle Klimastand ist das Ergebnis der Ausstöße unserer Eltern und Großeltern, während die Folgen unserer eigenen Handlungen erst in Jahrzehnten spürbar werden.

Der Preis des Unberechenbaren

Allein vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß der jüngst veröffentlichte Stern-Report allseits als „Weckruf“ gepriesen wurde. Obwohl die dort aufgelisteten Erkenntnisse längst zugänglich waren, hat sie doch nur ihre Konvertierung in Euro und Cent wahrnehmbar gemacht. Wenn Vorstellung und Selbsterhaltungstrieb versagen, muß der Taschenrechner ran. Jetzt kennen wir den Preis des Unberechenbaren: Es geht um 5500 Milliarden Euro.

Die Reduktion einer unfaßlichen Krise zur reinen Kosten-Nutzen-Analyse ist aber kein gutes Omen. Bereits die Meldung „Klimawandel bedroht die Weltwirtschaft“ ist eine seltsame Ursachenverkehrung. Ist es nicht eher die Weltwirtschaft, wie wir sie kennen, die das Klima aus den Fugen geraten läßt? Die globale Erwärmung wird zum „größten Marktversagen aller Zeiten“ deklariert, und dennoch soll uns ausgerechnet der Markt vor den Folgen des Versagens retten.

Nichtstun wäre folgenschwer

Die Genauigkeit von Modellrechnungen wird aber nicht feststellbar sein, ehe die Zukunft anbricht. Daher, schreibt der Klimatologe Stephen Schneider, „ist jede Risikoeinschätzung subjektiv“. Und trotz dieser fundamentalen Ungewißheit sind wir gezwungen zu handeln, wobei Nichtstun noch die folgenschwerste Handlung wäre. Diese neue Lage charakterisiert der Wissenschaftstheoretiker Jerry Ravetz als „postnormal“: „Die Fakten sind ungewiß, die Werte umstritten, die Aufgaben kolossal und die Entscheidungen dringend.“

Das angegebene Ziel der Stern-Studie, Treibhausemissionen auf 550 ppm zu stabilisieren, bedeutet eine globale Erwärmung von immer noch mehr als zwei Grad. Ist aber diese Schwelle überschritten, warnen uns die Klimatologen, dann könnten ungewisse, möglicherweise nicht mehr beherrschbare Ereignisse auftreten. Ein ungewisses Risiko in eine geringe Wahrscheinlichkeit umzudeuten ist ein logischer Trugschluß. Da vermittelt jede Schadensbezifferung ein falsches Sicherheitsgefühl. Unberechenbarer noch sind die menschlichen Reaktionen auf die Klimaumwälzung: Welche Kosten Kämpfe um knappe Ressourcen auszulösen vermögen, kann kein Computermodell voraussehen. Das radikal Neue an dem Phänomen ist eben, daß es kein bloßes Naturereignis ist, sondern eine unentwirrbare Mischung von Natürlichem und Sozialem. Das neue Mantra „Mit dem globalen Prozent kriegen wir schon die Kurve hin“ beruht auf jener Haltung, die Günther Anders „Vernüchterung des Entsetzlichen“ nannte.

Verlustminimierung und Gewinnversprechen

Die Spielmetapher führt außerdem dazu, Verlustminimierung mit Gewinnversprechen zu koppeln. So gilt Wirtschaftswachstum unversehens nicht als möglicher Zusatzeffekt, sondern als Bedingung des Kampfes um Selbsterhaltung. Die ursprüngliche Frage, ob sich der Weltuntergang vertagen läßt, wird durch die ersetzt, ob sich das Unterfangen rechnet. Wenn einem Land der Krieg erklärt wird, fragen sich die Angegriffenen nicht, ob sich die Verteidigung finanziell lohnt - Entscheidungsträger, die jetzt noch Wachstum als das oberste Ziel vorgeben, sollten als Selbstmordattentäter betrachtet werden.

Ein Beispiel: In einem kaum besprochenen Bericht des angesehenen Tyndall Center wurde neulich festgestellt, daß, von sämtlichen anderen Emissionsquellen abgesehen, allein das unverminderte Wachstum des Flugverkehrs ausreichen würde, alle Klimaschutzmaßnahmen zunichte zu machen. Und was passiert? In Deutschland wird gejubelt, weil Airbus-Maschinen an China verkauft werden, die klimafreundliche Blair-Regierung beschließt den Ausbau weiterer Abflughallen, und Fluggesellschaften werden weiterhin durch Nichtbesteuerung von Kerosin subventioniert. Im Vergleich zu dieser Doppelmoral ist die amerikanische Regierung ein Ausbund an Aufrichtigkeit.

Die günstigste Lösung

Beunruhigender noch ist eine weitere potentielle Folge des ökonomischen Reduktionismus. Die ärmste Milliarde dieser Erde trägt keine Verantwortung für Kohlendioxydausstöße, ist aber in erster Linie davon lebensbedroht (ein weiterer Beweis dafür, daß es keine immanente Gerechtigkeit gibt). Doch die Kosten für die Rettung dieser Menschen wären unvergleichlich höher als die, die für die Anpassung der reichen Länder notwendig sind. Und sie bieten keine Aussicht auf einen finanziellen Rückgewinn. Aus einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung ergibt sich, daß die Opferung dieser Milliarde Menschen die günstigste Lösung wäre.

Sonntagsreden dürfen nicht über die Option eines schleichenden Genozids hinwegtäuschen. Die Aussage ist brutal, aber ist sie wirklich undenkbar? Worin unterscheidet man einen Klimaflüchtling von einem illegalen Einwanderer? Hier droht eine Versteppung des Gewissens, die nicht minder gefährlich ist als die Ausweitung der wirklichen Wüsten.

Eine postnormale Ethik

Nicolas Stern spricht sich in dem nach ihm benannten Bericht für sofortige Hilfe aus, und, wohlwissend, daß diese sich nicht ökonomisch begründen läßt, geht er zur Ethik über, zu John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit“. Bezeichnenderweise wurde dieser Teil des Berichts von den Kommentatoren weitgehend ausgelassen. Doch die althergebrachte Moralphilosophie kann sowenig wie das ökonomische Kalkül eine passende Antwort liefern. Eine postnormale Situation verlangt eine postnormale Ethik, nämlich eine, die den Zeitfaktor einschließt. Bei Rawls haben alle Generationen gleiche Teilhabe am Gesellschaftsvertrag. Doch wir, die heute am Leben sind, besitzen das schwindelerregende Privileg, an die Spitze der moralischen Verantwortung gelangt zu sein. Die Generationen vor uns wußten nicht, was sie taten. Die Nachkommenden werden wahrscheinlich gegen die Folgen unserer Handlungen nichts mehr tun können. Wir allein wissen und können zugleich. Oder zumindest wissen wir, daß wir können sollten. Jeder Versuch, diesen Ausnahmezustand in ein vertrautes Kontinuum einzuordnen, kommt einer Kapitulation gleich.

Wir sind daran gewöhnt, die Zukunft als freie Projektionsfläche unserer Erwartungen und Investitionen anzusehen. Eine gewöhnliche Darstellung dessen ist der Entscheidungsbaum, der sich vom Stamm der Jetztzeit aus in potentielle Ereignisse verzweigt. Doch selbst mit einem Klimaschutzpfahl gestützt, ist hier die Baummetapher untauglich, weil sich die zeitliche Perspektive umgekehrt hat. Aus Zweigen werden Wurzeln. An einem unbestimmbaren Punkt vor uns steht eine Sperre, die sich allem Berechenbaren entgegensetzt.

Wir brauchen die Drohung

Dieses künftige Ereignis hat bereits angefangen, in die Gegenwart einzudringen. Das berühmte Bild des herumplanschenden Eisbären oder das persönliche Erlebnis von Wetterextremen sind keine Aktualität im gewöhnlichen Sinne, sondern Flash-forward-Effekte, Botschaften aus der Zukunft. Die Zeitgenossen werden von diesen Signalen beeinflußt, allen voran diejenigen, die sie verdrängen. Die heranrückende kritische Schwelle stellt unsere sämtlichen Handlungen in ein neues Licht. Daher täte es not, anstelle von Milchmädchenrechnungen mit einer gründlichen Revision anzufangen. Die Frage ist nicht, wieviel von der Gegenwart gerettet werden kann, sondern vor welchem Teil davon wir uns retten sollen. Da ist Hans Jonas' Heuristik der Furcht ein adäquater Vorschlag: Wir brauchen die Drohung, um zu wissen, was es zu bewahren gilt. Nur ihre Voraussicht läßt uns erkennen, was wir wirklich schätzen.

Ohne radikale Kurskorrektur werden wir gegen die Wand fahren. So anachronistisch der Satz erscheinen mag: Eine Revolution ist die einzig realistische Alternative - zumindest in Walter Benjamins Deutung des Begriffs als Griff des reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse. Dieser Griff darf nicht dem ökonomischen Kalkül unterworfen werden.

Text: F.A.Z., 22.11.2006, Nr. 272 / Seite 37
Bildmaterial: AP

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