Raumfahrt

Anousheh Ansari: Die Aufsteigerin

Von Günter Paul

Eine Frau schafft es bis ganz nach oben: Anousheh Ansari

Eine Frau schafft es bis ganz nach oben: Anousheh Ansari

24. August 2006 Als kleines Kind bat Anousheh Ansari gelegentlich ihre Mutter, auf dem Balkon schlafen zu dürfen. Sie war fasziniert von der samtenen Schwärze des nächtlichen Himmels, wollte sanft in den Schlaf gleiten und dann zu den Sternen fliegen. Jetzt, da sie neununddreißig Jahre alt ist, steht ihr kindlicher Traum kurz vor der Erfüllung. Denn sie ist die „Ersatzfrau“ für den japanischen Industriellen Daisuke Enomoto, der am 14. September als vierter Weltraumtourist mit einem russischen Sojus-Raumschiff zur Internationalen Raumstation fliegen sollte. Gemeinsam mit ihm hat sie im Sternenstädtchen nördlich von Moskau dafür trainiert. Nun ist Enomoto von der Liste der Flugkandidaten gestrichen worden. Er hat, wie die russische Raumfahrtbehörde Anfang der Woche verkündete, die medizinischen Tests nicht bestanden.

Die mittlerweile mit hohen Ehren - darunter dem „National Entrepreneurial Excellence Award“ des Magazins „Working Woman“ - bedachte Industrielle könnte dazu beitragen, die Wogen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten zumindest für kurze Zeit ein wenig zu glätten. Denn mit ihrem Lebenslauf verbindet sie die beiden verfeindeten Staaten. 1984, als Sechzehnjährige, die kein Englisch sprach, ist die gebürtige Iranerin, die fünf Jahre zuvor als Kind die Revolution in ihrem Land miterlebt hatte, in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort hat sie Elektrotechnik und Computerwissenschaften an der George Mason University und an der George Washington University studiert.

Keine Weltraumtouristin

Frau Ansari ohne Helm

Frau Ansari ohne Helm

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Hamid und ihrem Schwager Amir gründete die heutige Multimillionärin 1993 das erfolgreiche Unternehmen Telecom Technologies, das im Jahr 2000 von Sonus Networks übernommen wurde, und später die Investment-Firma Prodea, die mit Space Adventures eine Partnerschaft für die Entwicklung von Raumschiffen eingegangen ist, die von Flugzeugen aus in suborbitale Parabelbahnen fliegen sollen. Am 5. Mai 2004, genau dreiundvierzig Jahre nach dem ersten Parabelflug eines amerikanischen Astronauten, Alan Shepard, spendeten sie und ihr Schwager Amir mehrere Millionen Dollar an die X-Prize Foundation, die einen Preis ausgeschrieben hatte für das erste privat finanzierte Raumschiff, das innerhalb von zwei Wochen zweimal die Grenze zum Weltraum überschreiten würde. Der „Ansari X Prize“ wurde im Herbst 2004 für die Flüge von Spaceship One vergeben.

Wenn sie die Gelegenheit erhielte, in den Weltraum zu fliegen, würde sie sie auf jeden Fall ergreifen, hat sie einmal gesagt - und darauf hingewiesen, daß in Spaceship Two, dem geplanten Nachfolger von Spaceship One, ein Platz für sie reserviert sei. Unabhängig davon, wer das Raumschiff lenke. Allerdings wehrt Anousheh Ansari sich gegen den Begriff „Weltraumtouristin“; denn ein Tourist sei jemand, der eben mal ein Ticket kaufe und dann losreise. Er trainiere nicht sechs Monate lang, um sein Transportsystem vollständig kennenzulernen.

Text: F.A.Z., 24.08.2006, Nr. 196 / Seite 38
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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