Rechtschreibung

Sloterdijk wittert „Gremien-Erotik“, Kempowski freut sich

Philosoph Sloterdijk: Laßt die Schreibenden entscheiden

Philosoph Sloterdijk: Laßt die Schreibenden entscheiden

08. August 2004 Bei Intellektuellen und Autoren stößt das Wiederaufflammen des Streits um die Rechtschreibreform auf ein geteiltes Echo. Unverständnis äußerte der Philosoph Peter Sloterdijk in der „Financial Times Deutschland“ (Montagausgabe) über die Ankündigung von einigen Medienkonzernen, wieder die frühere Ortografie einzuführen: „Die Verlage sind genauso wenig befugt eine Rechtschreibreform durchzuführen wie die Kommission, die das seinerzeit beschlossen hat. Das war bei der Reform, wie auch jetzt, die Gremien-Erotik von Männern in gehobener Stellung.“ Tatsächlich könnten dies nur die Schreibenden selbst entscheiden - „die Schriftsteller und das alphabetisierte Volk“.

Krimi-Erfolgsautorin Ingrid Noll „nervt“ die ganze Aufregung. „Sprache ist ein Teil unserer Kultur, aber die Rechtschreibung ist nur ein Hilfsmittel. Darum so viel Wind zu machen, finde ich kleinkariert.“ TV-und Buchautor Wolfgang Menge vermutet hinter dem Vorstoß einen Zusammenhang mit dem Sommerloch. Uneingeschränkt zufrieden äußerte sich der Schriftsteller Walter Kempowski in der Zeitung: „Daß in dieser Hitze eine so gute Nachricht ins Haus flattert, ist wunderbar. Ich habe mich sehr gefreut über die Initiative der genannten Verlage und hoffe, daß ihnen andere folgen werden.“

Gerhard Augst, der stellvertretende Vorsitzende der zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung, kritisierte in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ (Montagausgabe) das Vorgehen der Verlage Axel Springer und „Spiegel“. Die Medienhäuser setzten „ihre nackte Pressegewalt ein, um zu zeigen, daß sie diese Reform stoppen können“, sagte Augst. Doch nicht die vor Jahren beschlossene Reform führe zu einem Chaos, sondern die aktuelle Diskussion um deren Rücknahme. „Ich glaube nicht, daß die Rechtschreibung das eigentliche Thema ist“, sagte der Sprachwissenschaftler. „Man will vielmehr den ganzen Unwillen gegen die anstehenden Sozialreformen auf der Rechtschreibung symbolisch abladen.“

Text: FAZ.NET mit dpa.
Bildmaterial: ZDF / Jürgen Detmers

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