Von Patrick Bahners
05. November 2005 Was taten diese Wikinger da? Welche plötzliche Kraft trieb diese Piraten aus dem Norden dazu, die Meere und Flüsse Europas unsicher zu machen und alles durcheinanderzubringen? Der Oxforder Historiker Hugh Trevor-Roper stellte diese Fragen im dritten Kapitel seines 1965 erschienenen, reich bebilderten Buches über den Aufstieg des christlichen Europa.
Trevor-Roper schilderte die Geschichte der mittelalterlichen Zivilisation in der Nachfolge des Aufklärers Edward Gibbon. Die Erfolgsgeschichte des christlichen Europa versteht sich nicht von selbst, folgt nicht einfach aus der Wahrheit des Christentums. So genügt zur Erklärung der Raubzüge nicht die Angabe, daß die Nordmänner arme Sünder waren, daß das Herz des Sünders unruhig ist - und daß es ihm oft eben auch in den Füßen juckt, bevor er ruht in Gott. Erst recht mußte Trevor-Roper eine subtilere geschichtstheologische Sinngebung dieser Pioniertaten des organisierten Verbrechens verwerfen, die Legende, es habe sich bei den Fernreisen um Vorstufen der christlichen Pilgerschaft gehandelt, alle Wasserwege hätten die Wikinger früher oder später ohnehin nach Rom geführt.
Wir Wikinger sind alte Wandervögel
Eine Blutmystik, wie sie frühere Generationen kirchenferner Historiker fasziniert hatte, war dem ausgebildeten Altphilologen und früheren Geheimdienstoffizier des Geburtsjahrgangs 1914 vollends fremd. Den germanischen Stämmen mochte Trevor-Roper keinen Urtrieb der Unruhe andichten; es war keine metaphysische Unbehaustheit, was die nordischen Recken aufs Meer hinaustrieb. Wir Wikinger sind alte Wandervögel, hoho! Hätte sich ein Sagafragment diesen Inhalts gefunden, hätte der strenge Quellenkritiker es als Selbstromantisierung abgetan.
Trevor-Ropers Buch feierte im fernen Spiegel des frühen Mittelalters den Wiederaufstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, der sich in der Wirtschaftskraft des Westens, des einstigen christlichen Abendlands, manifestierte. So ist seine Erklärung der Zunahme des Schiffsverkehrs zwischen Nordeuropa und dem Rest der bekannten Welt seit dem Ende des achten Jahrhunderts eine wirtschaftshistorische. Zwar übernimmt er die Spekulation der Forschung, daß nur ein plötzliches Bevölkerungswachstum in Skandinavien die Wanderungsbewegungen möglich machte. Aber in der Hauptsache betont er die Anreize jenseits des Meeres, die Chancen, die der Fernhandel mit den Rivalen des lateinischen Europa, mit Byzanz und dem Islam, dem Geist des freien Unternehmertums eröffnete. Die Gier nach Gold macht die Menschen mobil. Acht Jahre nach der Veröffentlichung von Trevor-Ropers Buch stand der Grund für den Bewegungsdrang des Nordmannes in der Zeitung. Dik Browne begann seine Chronik von Hägar dem Schrecklichen.
Helga, die Schrecklichere
Was tat dieser Wikinger da? Welche Kraft trieb diesen Piraten dazu, die Meere und Flüsse der ganzen Erde unsicher zu machen? Seine Frau. Helga, die Schrecklichere. Wobei man das Ausmaß des von ihr ausgehenden Schreckens daraus ersieht, daß sie den Ehrentitel nicht nötig hat. Hägar dagegen muß sich schon mit seinem Beinamen vorstellen, wenn er beim Landgang in Britannien den arroganten Lords auf den Zinnen ihrer Kastelle verdeutlichen will, mit wem sie es zu tun haben. Sehr eindrucksvoll findet man sein langsames Erscheinen nicht, wenn er seine seekranke Truppe kaum überreden kann, das Schiff zu entladen und den Rammbock zu schultern.
War Kahl der Kahle wirklich kahl? Diese geflügelte Frage der Quellenkritik läßt sich durch den Rekurs auf Realien beantworten. Sollte sich im Depot eines Völkerkundemuseum das Toupet des Karolingers auffinden, dürfte man schließen, daß es sich bei dem Namenszusatz nicht um die maliziöse Erfindung eines mönchischen Leitartiklers handelt, die die Ebbe im Reichshaushalt oder das Fehlen eines kaiserlichen Reformprogramms bloßlegen sollte. In den Nebel, der die Touristen aus dem Norden so oft in Britannien umschloß, führt dagegen die Frage, ob Hägar der Schreckliche wirklich schrecklich war. Der Historiker, der vergleichende Studien zur Perückenmode am austrischen und neustrischen Hof schon für Haarspaltereien halten mag, sieht sich weiter nördlich auf schlechthin unfaßliche Gegenstände verwiesen: Mentalität und Perzeption. In einer oralen Gesellschaft fehlt die Literatur der Drastik, der man die kollektiven Ängste ablesen könnte. Erst als die Normannen in der Fremde seßhaft geworden waren, haben sie das Erzählen in Bildern kultiviert und mit dem Teppich von Bayeux den französischen Comic erfunden.
Schädel unter der Lupe
In einem Kriegervolk ersetzt der eigene Körper das Geschichtsbuch - durch die Tätowierungen des Schicksals. Ob er alte Wunden habe, wollte sein Sohn Hamlet einmal von Hägar wissen. Gewiß! Hägar entblößt seinen Bizeps, um die Einschnitte längst vergessener Schlachten vorzuweisen, und lüftet seinen Helm über der Beule eines vergessenen Hochzeitstages. Ob eine Geschichtswissenschaft, die die Lektion der Hirnforschung begriffen hat, Hägars Schädel unter die Lupe nehmen sollte? Wir sind so unfrei, uns auszumalen, was herauskäme, wenn Johannes Fried untersuchen sollte, wie schrecklich Hägar wirklich war: Ignoramus, ignorabimus! Aber vielleicht sollte man Chris Browne vorschlagen, einen medizinisch gebildeten Geschichtsschreiber auftreten zu lassen, der bei allen Gewährsleuten perduftia spiritus diagnostiziert und sie mit scholastischer Konsequenz auch im eigenen Hirnkasten sucht - wie sein verstorbener Vater gewinnt Chris Browne dem Vorhersehbaren die besten Witze ab.
Goscinny und Uderzo haben von der Expedition eines normannischen Drachenboots berichtet, dessen Mannschaft unter Führung des Häuptlings Olaf Maulaf von den Galliern das Fürchten lernen wollte. Diese Forschungsgelder konnte Olafs Amtskollege Hägar einsparen und in Helgas Haushaltskasse einzahlen. Auch Hägar hat gleich mehrfach Amerika entdeckt, wie auf dem Asterix-Globus Erik der Blonde und wie im Entenhausener Universum der mit Olaf Maulaf nicht zu verwechselnde Olaf der Blaue. Aber nichts zu fürchten als die Furcht selbst - Hägar hätte nicht verstanden, wie man auf dieses Ethos, das für zölibatäre Entdecker geeignet sein mag, ein Reich hätte gründen wollen.
Vorbei an den schrecklichen Türken
Man kann die Möglichkeit nicht ausschließen, daß es für tapfere Nordmänner gerade Ehrensache war, sich vom Schrecklichen keinen Schrecken einjagen zu lassen. Eine Sonntagsseite von 1973, aus dem ersten Jahr des Strips, zeigt eine interkulturelle Begegnung auf asiatischem Boden, aus der man lernen kann, daß Außenpolitik im Mittelalter sich nicht nach der Logik der Abschreckung richtete. In Sichtweite der Goldenen Stadt gehen Hägar und seine Mannen an Land. Die Beute liegt ihnen vor Augen - der Mensch des Mittelalters (Jacques Le Goff) war ein Augenmensch (Bernd Roeck), und hätte der Buchdruck nicht die Neuzeit eingeleitet, hätte die europäische Christenheit eine Kirche von Comiclesern werden müssen - und gehört ihnen praktisch schon.
Sie müssen nur noch vorbei an den schrecklichen Türken! Und da preschen diese auch schon herbei auf Pferden mit dampfenden Nüstern, wirbeln den Goldstaub vor den Stadttoren auf, heilige Krieger von grausiger Uniformität: gefletschte Zähne, geknickte Augenbrauen, gekräuselte Schnurrbärte, gekrümmte Schwerter. Hägar herrscht sie an: Sie seien also die schrecklichen Türken? Sie sähen mehr wie ein Haufen Schmutzwäsche aus. Eine böse Überraschung stehe ihnen bevor. Doch bevor er ihnen offenbart, daß vor ihnen Hägar der Schreckliche steht, sieht der Leser, daß hinter Hägar niemand mehr steht. Das Wikingerschiff hat schon wieder abgelegt.
Der Kapitän bleibt an Land
Gibbons Gefolgsmann Trevor-Roper hätte die ironische Pointe gefallen können, die man im Sinne eines Primats der Innenpolitik beziehungsweise, machiavellistisch-republikanisch gedacht, einer Begrenzung des Spielraums der Strategie durch die Tatsachen der Wehrverfassung dieser Anekdote einer gescheiterten Landnahme geben kann. Moralische, soziale und politische Verfassung muß der Historiker der Zivilisation auseinanderhalten. Werte sind schichtspezifisch: Der Häuptling überragt seine Hasenfußtruppen - der Schreckliche ist zu übersetzen als der Nicht-Schreckhafte. So gesehen ist die Klassengesellschaft ein Naturgesetz. Die Monarchie belohnt den einsamen Mutigen mit dem Gewaltmonopol. Aber die quasi-demokratische Überlebensweise des bewaffneten Wandervolkes macht die Tollkühnheit unschädlich, indem sich die Befehlsempfänger notfalls auf Normannisch verabschieden. Der Kapitän bleibt als letzter an Land.
Warum dreht er sich nicht um? Weshalb blickt er den Türken ohne jede Rückversicherung ins schreckliche Auge? Ein Alain Corbin der Mediävistik fände die psychohistorische Lösung des Rätsels in dem Schimpfwort, das Hägar den Erzfeinden vor die Füße wirft: Die Besudelung der Gegner ist eine Ersatzhandlung, der Imperialismus entsteht aus der Verweigerung der Sozialhygiene, denn der Sack Schmutzwäsche, dem Hägar furchtlos entgegenzutreten meint, ist gerade das, wovor er geflohen ist. Daheim waltet die züchtige Hausfrau, Helgas Szepter ist der Besen, und den Schreckensort des Kerkers ersetzt der Tyrannin der Waschzuber. Hägar arbeitet im Außendienst, um sich dem Regiment der Sauberfrau zu entziehen; er geht hinüber zu den Angelsachsen und macht dort alles schmutzig.
In dunklen Jahrhunderten
In die angelsächsischen Chroniken wurden die Wikingerüberfälle wie jähe Witterungsumschläge als Prüfungen Gottes eingerückt. Ein ähnliches, noch vorchristliches oder schon wieder nachchristliches Muster kosmologischer Sinngebung dokumentiert eine Sonntagsseite, in der Hägar wie ein aufgeklärter Barbar redet - als könnte er als in den Tag hineinplündernder Zeitgenosse schon die abschätzige Epochencharakterisierung fortgeschrittener Historiker kennen. Hägars treuem Begleiter Sven Glückspilz, dem Schreckhaftesten aller Wikinger (Hägar wußte, daß man als Häuptling keinen politischen Generalsekretär küren darf), macht die Finsternis zu schaffen. Der Chef verweist auf die epochale Großwetterlage: Sie lebten nun einmal in den dunklen Jahrhunderten. The Dark Ages heißt auch Trevor-Ropers Kapitel über die quellenarmen Säcula zwischen den Abschriften der postantiken Literatenkultur und den Sendschreiben des protomodernen theologischen Imperialismus.
Ob schriftliche Bestellungen bei den nordischen Spediteuren eingingen, wenn der byzantinische Hofschneider wieder einmal einen Eisbärenpelz benötigte, der am Bosporus unter Brüdern glatt seine fünftausend Solidi kostete, läßt Trevor-Roper offen. Na schön, lesen konnten sie: Zur Orientierung hatten sie nicht nur die Sonne und die Sterne, sondern auch die Bibel. Sie konnten immer diesen nützlichen Text zitieren, Leviticus, Kapitel 25, Vers 44, wenn Globalisierungsgegner ihnen ihre Beteiligung am Sklavenhandel vorwarfen: Was aber deinen Knecht und deine Magd betrifft, die du haben wirst: von den Nationen, die rings um euch her leben, von ihnen mögt ihr Knecht und Magd kaufen. Unter diesen Rechtfertigungsdruck kam Hägar nie. Menschenfracht ließ Dik Browne ihn nicht transportieren; über diese Parallele zwischen den legendären Entdeckern Amerikas und den späteren Siedlern hätte man nicht lachen können. Der Frauenraub, wie er zu allen Reichsgründungen durch Eroberer gehört, kommt nur in den ersten Folgen vor. Im übrigen aber: Was Hägar erbeutet, wird von Helga konfisziert - und was soll sie mit Personal anfangen, wenn sie den Gatten herumkommandieren kann?
Das weltliche Ritual des Waschtags
Vielleicht treffen wir Hägar auch nie bei der Bibellektüre an, weil er - unter Mißachtung von Genesis, Kapitel 3, Vers 16 - immer den Müll vor die Tür bringen muß. Bisweilen läßt sich Hägar von Missionaren ins Gewissen reden. Er hat - Heinz Dieter Kittsteiner muß unter einem Geistesblitzableiter geschrieben haben, als er in seiner klassischen Studie zum Thema das Gegenteil behauptete - ein Gewissen, das ist schwarz auf weiß verbürgt. Sven Glückspilz gesteht er einmal seine Schuldgefühle, und als Sven einwendet, er habe gedacht, Wikinger wüßten nichts von Schuld, erwidert er: Verheiratete schon. Aber den moralischen Rhythmus von Hägars Leben, sein Zeitempfinden, prägen die Feste des Kirchenjahres noch nicht. Auf der Sonntagsseite über das finstere Mittelalter klärt sich das Mysterium der unheimlichen Himmelszeichen im letzten Bild. Ein weltliches Ritual steht an und wird von der ganzen Natur angekündigt: der Waschtag.
Daß die Monogamie als Machtsystem und Ordnung der Sitte der Untermauerung durch das Christentum nicht bedarf, könnte man im amerikanischen Kontext der siebziger Jahre für die subversive Pointe der Hägar-Saga halten. Für Dik Browne bedeutete es nach zwei Jahrzehnten der biedermeierlichen Familienserie Hi and Lois eine Befreiung, einen Helden in den rechtsfreien Raum zu schicken. Aber im Ergebnis sind es eher die Wortführer des rebellischen Aufbruchs, die durch die Moritaten vom braven Piratenkönig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Das bürgerliche Leben erweist sich als eine Tiefenstruktur der sozialen Phantasie, die jede historiographische Dekonstruktion übersteht.
Was bleibt von der Freiheit der Meere? Alles gewährt Hägar seiner Gemahlin und Herrin, nur die Stutzung seines Bartes verweigert er ihr. Hamlet, sein Sohn, der keinen Beinamen braucht, betet gewiß den Tag der ersten Rasur herbei, um sich endlich ins allzu feste Fleisch zu schneiden. Unmöglich sich vorzustellen, Hägar sei auf der ersten Kaperfahrt vierzehn Jahre alt und völlig bartlos gewesen. Auch den bei Trevor-Roper abgebildeten geschnitzten Kopf aus dem Wikingergrab in Oseberg, der einen Wagen geziert haben soll, schmückt ein stattlicher Bart. Man ging nicht mehr ohne Bart damals, Anfang der siebziger Jahre, auf dem Campus der amerikanischen Eliteuniversitäten, als nur John Roberts, der heutige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, mit dem Rasiermesser vor den Spiegel trat. Jeder andere entdeckte den inneren barbarus und schlug sich dann, nach einer minimalen Konjektur, wie sie dem ökonomischen Strich Dik Brownes kongenial war, als barbatus durchs Leben.
Dik Browne: geboren am 11. August 1917, gestorben am 4. Juni 1989. Er wuchs in New York auf, wollte zunächst Reporter werden und entdeckte im Gerichtssaal sein Zeichentalent. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Kartenzeichner für Newsweek, von 1946 an als Werbegrafiker. Seine erste weltberühmte Schöpfung war die Chiquita-Banane. 1954 gewann ihn Mort Walker als Zeichner für den Comicstrip Hi and Lois, eine typische Familienserie. Hägar the Horrible entstand von 1973 an im Familienkreis: Der Titelheld heißt nach dem Spitznamen, den Dik Browne von seinen Kindern erhielt; über die Gags wurde im Familienrat abgestimmt. Dik Browne sah seinem Alter ego verblüffend ähnlich. Seit seinem Tod gestaltet sein gleichfalls bärtiger Sohn Chris (geboren 1952) die Serie.
Hägar der Schreckliche: Wikingerhäuptling, der mit seiner Mannschaft quer durch die Weltgeschichte schippert, meist innerhalb der Epochengrenzen des Mittelalters, die aber naturgemäß unbestimmt bleiben. Obgleich sein erster Offizier Sven Glückspilz seinem Namen alle Unehre macht, kehrt das Drachenboot manchmal heil in den Hafen zurück. Dort erwarten den Helden Gattin Helga mit Nudelholz, Tochter Honi mit Verehrer und Sohn Hamlet mit Lektüre (keine Comics).
Text: F.A.Z., 05.11.2005, Nr. 258 / Seite 40
Bildmaterial: Bulls
Frankreichs neue Linke hofiert einen ![]()
Das Pariser Grand Palais entdeckt den deutschen Expressionisten Emil Nolde
Die Weltwirtschaftskrise als Chance: Blick in amerikanische Zeitschriften:
Nicht nur im Vorgarten der Geschichte: der deutsche Historikertag in Dresden
Soll ich das Buch etwa noch einmal lesen?Leser fragen, Marcel Reich-Ranicki erklärt die![]() | ![]() |
Agenten, Aufleger und AmateureDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |