04. Oktober 2009 Sie fuhr wie ein Sturm durch die musikalischen, zwischen Gauchokitsch und Tangoschwüle dämmernden Träume Europas über Argentinien: Mercedes Sosa, der 1965, nach fünfzehn Jahren im Schatten, in ihrer Heimat auf dem Festival Nacional de Folklore de Cosquín und dem Album Canciones con fundamento der Durchbruch gelungen war, stand 1967 auf den großen Konzertbühnen in Miami und Warschau, Rom, Berlin, Baku und Tiflis.
Die internationale Karriere verlief parallel zur internationalen Jugendrevolte und überdauerte sie. Denn das Fundament der Lieder von Mercedes Sosa war nicht die Empörung über zeitlich begrenzte Kriege oder Krisen, sondern die über den ewigen Krieg von Ausbeutercliquen gegen hilflose Massen.
Konzerte im ursprünglichen Wortsinn
La Negra lautet der Ehrentitel, den ihr diejenigen gaben, die sie mit ihren Liedern gegen die Juntas in Argentinien und Lateinamerika verteidigte. Sie versuchte, die Unterdrücker mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, indem sie die verführerischen Klänge und Rhythmen der argentinischen Folklore mit Texten von Pablo Neruda, Víctor Jara, Atahualpa Yupanqui und Violeta Parra verband und so das Elend beim Namen nannte, statt es, wie zuvor üblich, kitschig und zynisch zu verklären.
Dass sie damit zugleich dem romantischen Ideal erst der Jugendbewegungen, dann der Menschen guten Willens in aller, besonders aber der westlichen Welt entsprach, machte sie zur Ikone. Jeder kennt diese Frau mit den alterslosen, markant breiten indianischen Gesichtszügen, den glatten, halblang geschnittenen Haaren, den ponchoartigen Gewändern und der rauhen, bei Bedarf aber enorm geschmeidigen volltönenden Stimme. Uneitel wie ihre Aufmachung war auch ihr Auftreten - Mercedes Sosa gab Konzerte im ursprünglichen Wortsinn, keine Geste zuviel, (es sei denn der gereckte mahnende Zeigefinger), keine Entertainmentkniffe. Nicht selten sang sie vom Blatt, oft, in ihren späten Jahren immer öfter, sitzend. Dass dies zuletzt Zeichen zunehmender Schwäche war, zeigt sich nun, da sie vierundsiebzigjährig, nach kurzer schwerer Krankeit gestorben ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS
Germany’s Next Autoren-![]()
Der gar nicht so naive Herr Rousseau: Eine Ausstellung in Basel würdigt den Maler
Plexus und Botox: der französische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy sitzt einer Satire auf
Der historische Zufall als Erzähler: Das Variable Kalendarium von Kat Menschik
Werwölfe, Romantiker und WiderständlerDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() |
![]() |