Mannheim

Die tröstliche Botschaft Pompejis

Von Dieter Bartetzko

Fresko aus dem Haus des Goldenen Armreifs, Pompeji

Fresko aus dem Haus des Goldenen Armreifs, Pompeji

01. Dezember 2004 Es gibt kaum eine größere Seelenqual als die, durch Trennung oder Tod geliebte Menschen zu verlieren. Größer ist nur die Furcht vor dem eigenen Sterben. Entlastung von diesen realen Albträumen bietet die Kunst: Abschied und Tod auf Theater- oder Opernbühne, in Filmen, Bildern und Liedern werden unserem Unterbewußten zum Nacherleben des Gefürchteten, zu scheinbarer Immunisierung oder schulenden Vorwegnahmen.

Auch deshalb faszinieren die antiken Vesuvstädte Pompeji und Herculaneum: Kaum waren sie Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt, kaum hatten Ausgräber die ersten Skelette von Vesuvopfern gefunden, kursierten atemlose Berichte, die denen über die Funde antiker Kunstwerke an Euphorie nicht nachstanden. Als zum Beispiel 1772 die "Villa des Diomedes" ausgegraben wurde, ein palastartiger Landsitz vor der Stadtmauer Pompejis, fanden sich in einem Kryptoportikus achtzehn Opfer.

Fassungslos bestaunte man die Hohlformen der Körper, die nach dem Verwesen in dem erhärteten Aschebrei zurückgeblieben waren, der die Menschen erstickt hatte. Die Abdrücke kostbar bestickter Gewänder und einfacher Leinenkittel waren zu erkennen, Kissen, die sich die Verzweifelten zum Schutz gegen Giftgase vor die Gesichter gepreßt hatten, bei zwei Frauen war noch die komplizierte geflochtene Frisur erhalten, sie trugen erlesenen Schmuck, zwischen den menschlichen Gebeinen fand sich das Gerippe einer Ziege mit einer Silberglocke um den Hals, auf dem Boden lagen Weinamphoren sowie Schüsseln mit verkohltem Brot und Obst.

Im Tod wurde Pompeji gleich

Bald kannte jeder gebildete Europäer das aus diesen Indizien rekonstruierte Schicksal der Opfer. Eine wohlhabende Familie - die Matrone, ihre halbwüchsige Tochter, der kleine Sohn - hatte sich mit Dienern und Sklaven vor dem Steinhagel des Vesuvs mit Vorräten in den Kryptoportikus geflüchtet. Dort fielen alle, wie die meisten Pompejaner und auch der Hausherr, der im Garten der Villa nach einem Weg zur rettenden Küste gesucht hatte, der ersten kochendheißen pyroklastischen Giftwolke zum Opfer, die der Vulkan in der Nacht des 25. August 79 zirka zwölf Stunden nach Beginn der Eruption ausstieß.

Vulkanologen haben in den letzten Jahren alle Phasen des drei Tage und Nächte dauernden Vulkanausbruchs berechnet - und damit auch die Umstände des Sterbens all derer, die nicht in den ersten Stunden entkamen. Wer nicht zuvor durch einstürzende Häuser oder Steinbrocken gestorben war, die der Vesuv fortwährend ausschleuderte, fand in den wirbelsturmartigen Giftwolken einen zwar raschen, aber qualvollen Erstickungstod. Furchtbar war das Sterben jener dreihundert Herculaner, Männer, viele Frauen und Kinder, alle sehr jung, die sich unter gewölbte Arkaden der Hafenmauer geflüchtet hatten, weil sämtliche Boote, wohl hoffnungslos mit Flüchtenden überfüllt, schon in Richtung Neapel vom Stapel gelaufen waren. Auch hier tat die pyroklastische Wolke ihr Werk, doch langsamer als in Pompeji.

Gradmesser für den Stand der eigenen Zivilisation

In den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, wo jetzt eine große Pompeji-Ausstellung eröffnet worden ist, sind die Skelette einiger dieser Herculaner zu sehen: grausige Schemen, ineinander verkrallt oder gekrümmt wie Föten. Das Schreckensszenario solle als Extremfall "Brücken bauen" zu jenen Menschen, die erste Träger unserer Kultur und damit unsere Vorfahren gewesen seien - so begründen und erläutern die Ausstellungsmacher das Motiv und Hauptthema dieser Schau mit dem Untertitel "Die Stunden des Untergangs". Deshalb bilden die toten Herculaner, vor allem aber die Abgüsse - seit 1860 wird Gips in die Hohlräume gefüllt, die die verwesten Opfer hinterlassen haben - einiger Pompejaner zentrale Inseln, um die herum Möbel, Gebrauchsgegenstände, Schmuck und Kunstwerke arrangiert sind, die ihnen zu Lebzeiten gehört haben.

Natürlich wird damit aktuellen Publikumsbedürfnissen Rechnung getragen, wie sie der Sensationserfolg der Leichenschauen des Gunther von Hagens belegt. Die Vermutung drängt sich auf, daß Mannheim, ebenso wie Neapel, wo die Schau Premiere hatte, skrupellos oder notgedrungen auf Besucherrekorde abzielt. Doch gewichtiger ist das sichtliche Bemühen, die Archäologie endlich ihrem eigentlichen Auftrag zuzuführen, nämlich dem Heute die Schicksale, das Denken und Fühlen untergegangener Generationen und Kulturen zu veranschaulichen und zu erläutern; Gradmesser für den Stand der eigenen Zivilisation zu liefern.

Was die Toten uns erzählen

Wer einigermaßen wachen Sinnes vor den Skeletten steht oder vor den verrenkten Gipskörpern einer jungen Familie aus Pompeji, die beim letzten Versuch der Eltern, ihre Kinder zu schützen, starb, dem wird schlagartig klar, welchen zynischen, allen Wissens um oder Gespürs für die Würde und Bedürftigkeit des Menschen baren Nonsens Oswald Spengler 1932 in seiner "Philosophie des Lebens" verkündete, wo er den Mythos vom pompejanischen Wachsoldaten nacherzählt: Seit 1819 wurde überliefert, daß am wichtigsten Stadttor Pompejis ein Legionär gefunden worden sei, der, gestützt auf eine Lanze, bis zum Tod auf seinem Posten ausgeharrt habe. Spengler: "Das ist Größe, das heißt Rasse haben."

Was die Toten uns wirklich über sich und damit uns erzählen, hat Primo Levi 1984 in seinem Gedicht "Ad ora incerta", zu lesen im Katalog, festgehalten. In ihm vereint er - "weil eines jeden Angst auch unsere eigene ist" - die Erinnerung an den Abguß eines pompejanischen Mädchens mit der an Anne Frank und an ein verglühtes Mädchen in Hiroshima: "Ihr Mächtigen der Erde, ihr Herren neuer Gifte / Ihr geheimen traurigen Hüter des endgültigen Donners / Uns genügen vollauf die Leiden, die der Himmel uns schenkt."

Auch Abbild wissenschaftsfixierter Blindheit

Unwillentlich bietet die Mannheimer Schau auch das Abbild solcher wissenschaftsfixierten Blindheit, die Primo Levi geißelte: Es ist der 1984 angefertigte Abguß eines jungen Mädchens, das in Oplontis, einem Villenvorort Pompejis, umkam. Um Besonderheiten des Knochenbaus, aber auch eventuell an den Körper gepreßte Kostbarkeiten sichtbar zu belassen, wurde der Gips durch transparentes Epoxydharz ersetzt. Zustande kam ein Schreckensbild, das das Grauen der Monsterfratzen computeranimierter Science-fiction-Filme weit übertrifft. Die ursprüngliche gipserne Probe hatte eine ungewöhnlich hübsche junge Frau gezeigt, mit feingliedrigen Händen anstelle der fettig glitzernden Totenkrallen, die nun zu sehen sind.

Nicht nur deshalb sucht man den Trost der Kunst ringsum. Vieles ist von blendender Qualität, das meiste erstmals oder nach Jahrzehnten der Magazinierung ausgestellt. Den Freiraum des Entrees hat man einer lebensgroßen Marmorskulptur der "Juno Borghese" gegönnt, die 1988 in dem zuvor unbekannten unteren Terrassengeschoß der berühmten "Villa dei Papiri" zum Vorschein kam - eine hervorragende römische Kopie des etwa 430 vor Christus von Agorakritos geschaffenen verlorenen Originals. Dieselbe Qualität weist der Marmorkopf einer Amazone auf, die der Amazonenbüste des Kresilas oder Polyklet nachgebildet ist. Das Haupt wird, entsprechend der Fundlage, liegend und ohne die abgebrochene Schulterpartie dargeboten - ein Hinweis auf die schwindende Hoffnung der Archäologen, die seit Jahren ruhende Ausgrabung der Villa wiederaufnehmen zu können.

Was wir noch nie gesehen haben

Eine Fülle von Schmuck wird in Mannheim gezeigt; Ringe, Gemmen, Armreife, Ohrringe und Kolliers. Dazu Geldbeutel oder Teile silberner Prunkgeschirre, Glaskaraffen oder Ampullen, die Flüchtende an sich gerafft hatten. Sogar eine lederne, mit Goldblüten bedruckte Reisetasche ist zu sehen, daneben eine martialisch eisenbeschlagene und doch elegante Geldtruhe, auf deren Vorderseite ein Medusenhaupt starrt. Hinreißend sind die Rekonstruktionen zweier mit figuralen Bronzebeschlägen und Intarsien verzierter Prunkbetten, anrührend die Werkzeuge, die man bei niedergestürzten Landarbeitern oder Sklaven fand.

Doch die neben den Toten bewegendsten Eindrücke vermitteln die Fresken aus Pompejis Häusern. Sie sind, mangels Ausstellungsraum in Pompeji, seit Jahren auf Reisen. Von einzigartiger Geschlossenheit und farblicher Brillanz ist ein Apollonzyklus, der 2001 im heutigen Murecine, einst Pompejis Flußhafen, entdeckt wurde. Und so schön wie rätselhaft sind die drei bemalten Wände des Speisesaals einer Landvilla, die man zwischen 1993 und 2002 in Terzigno am Hang des Vesuvs ausgrub. Halblebensgroß, gerahmt von prächtigen Scheinarchitekturen, agiert eine höfisch anmutende Versammlung teils persisch, teils griechisch gekleideter Personen, die thronende Frauen und Männer umringen. Der Stil und einige Figurengruppen erinnern an den berühmten (in New York aufbewahrten) Zyklus aus der pompejanischen "Villa von Boscoreale", in dem eine Darstellung der Weissagung von der Geburt Alexanders des Großen vermutet wird.

Dieser Glanz haftet noch lange nach Verlassen der Schau im Gedächtnis - und jenes erschütternde Körperpaar, bestehend aus einer Matrone, die sterbend den Arm tröstlich um ein junges Mädchen legte, das sich im Ersticken förmlich in den Körper der Älteren verkroch. Dies die eigene Not überwindende Erbarmen während eines erbärmlichen Tods ist die schreckliche und doch tröstliche Botschaft, die uns Pompeji hinterlassen hat.

Bis 17. April 2005. Der Katalog kostet im Museum 22, im Buchhandel 29,90 Euro.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2004, Nr. 281 / Seite 35
Bildmaterial: SAP

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