Von Richard Kämmerlings
14. Februar 2007 Ein junger, leicht untersetzter Mann schlurft durch den Raum zum Ausgang, während sich der Kölner Prime Club langsam füllt: Kurzhaarschnitt, Koteletten, eine Bescheidwisserbrille; er trägt eine wetterfeste Jacke und zieht einen Rollkoffer hinter sich her wie die Wochenendpendler montags auf dem Weg ins Büro. Er sieht fast aus wie Colin Meloy, der Sänger der Decemberists, die hier heute Abend vor ausverkauftem Haus spielen sollen. Aber wo sollte der um diese Zeit hingehen? Vielleicht ist auch backstage, wie alles im Pop, nicht mehr das, was es einmal war.
Später, während des Konzerts, entdeckt man den Mann unter den Zuschauern, direkt vor der Bühne. Aber da steht noch ein untersetzter Typ mit Brille und Koteletten an der Bar, und da noch einer, mitten im Publikum. Viele sehen hier aus wie Colin Meloy, was vielleicht einfach daran liegt, dass Meloy aussieht wie viele hier und so viel Ähnlichkeit mit einem Popstar hat wie Herr Müller-Lüdenscheid. Und doch ist er einer: Seine Band, benannt nach den Dekabristen, den 1825 gegen das Zarenregime aufbegehrenden russischen Offizieren, hat sich mit inzwischen viereinhalb Alben zu einer der auffälligsten Erscheinungen der alternativen amerikanischen Popszene entwickelt.
Kostümseliger Moritaten-Pop
Auf der schwer zu entziffernden Karte der zeitgenössischen Musiklandschaft liegen die Decemberists irgendwo zwischen der alternativen Heimatmusik eines Sufjan Stevens, dem Rockkabarett der Dresden Dolls, den Sirenengesängen von Shins und Arcade Fire und dem neuen weird folk Joanna Newsoms oder Devendra Banharts - und scheinen dennoch mit ihrem kostümseligen, regelrecht historistischen Moritaten-Pop wie aus der Zeit gefallen, völlig singulär: Jede Band ist unmittelbar zu Gott.
So folgte auch dieses Konzert einer verschrobenen Dramaturgie, den sicherlich absichtsvoll inszenierten Inkognito-Auftritt mit Koffer eingeschlossen. Als Vorband spielte Lavender Diamond, einer jener Auswüchse des aktuellen folkloristischen Revivals, die nachvollziehen lassen, was einst die New Waver gegen Räucherstäbchen hatten: Sängerin Becky Stark, eine ätherische Elfe mit dünner, auf Dauer enervierender Stimme und Dauerglück im Blick, sang von Liebe und Frieden und sich öffnenden Herzen, dass selbst dem allerlei Jeckereien gewohnten Kölner Publikum die Spucke wegblieb.
Tiere in der Hauptrolle
Bei Deutschland sucht den Superhippie hätte die Sängerin mit einer Gestik, die man seit Prinzessin Leia Organa aus Star Wars nicht mehr gesehen hatte, beste Chancen. Dazu versicherte sie das Publikum mindestens zehnmal ihrer übersprudelnden Liebe, was in recht offensichtlichem Gegensatz zum Autismus ihrer Performance stand.
Als Pausenmusik wurde dem erholungsbedürftigen Publikum, dem auf dringenden Wunsch der Band das Rauchen untersagt war, Peter und der Wolf serviert, auch keine leichte Kost zum Beine-in-den-Bauch-Stehen. Alles zusammengenommen, lagen die Nerven also schon ziemlich blank, als Meloy die Bühne betrat, jetzt mit einem weißen Sakko über Hemd und Krawatte angetan, und die ersten Akkorde von The Crane Wife 3 anschlug, dem einem japanischen Märchen nachempfundenen Titelstück des neuen Albums, eine wie so oft auf liedhafte Kürze konzentrierte Kurzgeschichte: Ein Bauer findet einen verletzten Kranich, den er gesundpflegt. Wenig später steht eine Frau vor seiner Tür, die er heiratet und die die Familie mit ihren wunderbaren Stoffen über Wasser hält. Eines Tages entdeckt der Bauer, dass seine Frau in Wahrheit der verzauberte Kranich ist, der seine eigenen Federn in die Stoffe näht - das Lüften des Geheimnisses zerstört den Zauber.
Schöne Schauergeschichten
Ein Song, genauer: ein Drittel eines Songs (die Teile eins und zwei folgten wie auf dem Album erst viel später gegen Ende), genügte Meloy, um mehr und Tieferes über die Liebe zu sagen als die ständig davon quäkende Vorband in einer halben Stunde.
Die um eine Violinistin verstärkte fünfköpfige Band brachte zunächst vor allem ihr Album zur - gewissermaßen werktreuen - Aufführung. Es folgte nämlich, mit schweren Powerchords und dräuender Orgel, das ebenfalls dreiteilige Progrockstück The Island, eine jener murder ballads, in denen Meloy so gern in den Kostümfundus der Kindheit greift, in die Welt der Piraten und Räuber, der Söldner und Matrosen, und dabei wirkt wie ein großer Junge, der Nachmittag um Nachmittag Seeräuber- und Schauergeschichten verschlingt und in selbstgebastelten Verkleidungen nachspielt.
So singt er mit sprachlicher Virtuosität und historischer Akkuratesse vom Soldaten und seinem Mädchen im Bürgerkrieg, von Familienfehden und tragischer Liebe unter spanischer Sonne oder den brutalen Shankill Butchers, die in Belfast Katholiken hinschlachteten: der Sänger als Kinderschreck.
Archetypen mit Akkorden
Düsterste Geschichten, tief in den Archetypen des kollektiven Unbewussten verankert, kleidet Meloy in fröhlichste, euphorisch leuchtende Melodien - ohne dass dadurch das Unheimliche ironisch aufgehoben würde. Was hier ernst zu nehmen ist, weiß man nie. Mitten im Konzert animiert Meloy das Publikum zu Kniebeugen und rhythmischem Winken, springt wütend in den Saal, um Widerstrebende zur Raison zu bringen - dabei ist er doch selbst der Lobsänger der Unangepassten, der stolzen, einsamen Rebellen. Wer sich da einreiht, ist selbst schuld.
Die Decemberists machen Folk als - sozusagen volkstümliches - story-telling. Rollen-Pop könnte man das auch nennen, einen großen Maskenball mit Gesang, der sich seine Kostüme aus den Flicken des riesigen Archivs näht, auf der Bühne ein Mann mit Kurzhaarschnitt, Brille und Koteletten, der sich in seinen Liedern versteckt. Denn natürlich ist die Kranichgeschichte auch ein poetologisches Gleichnis: Die Musik gelingt dann, wenn das eigene Herzblut hineingewebt ist. Doch darf das keiner merken, sonst fliegt der Zauber davon.
Weitere Konzerte der Decemberists:
Mittwoch, 14. Februar: Postbahnhof, Berlin
Sonntag, 18. Februar: Ampere, München
Montag, 19. Februar: Flex, Wien, A
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thomas Brill
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