Von Dunja Melcic, Belgrad
16. Juni 2006 Die seriösen Medien in Serbien haben die jüngsten Ereignisse um Peter Handke aufmerksam beobachtet - angefangen von der Absetzung seines Stücks vom Spielplan der Comedie-Francaise über die vorgesehene Preisverleihung in Düsseldorf bis hin zur anschließenden Debatte in den deutschen Medien. Alle wichtigen Etappen und Wendungen wurden schnell und genau dokumentiert - zuletzt auch Handkes Verzicht.
Kommentare blieben jedoch die Ausnahme. Der Korrespondent der unabhängigen Tageszeitung Danas (Heute) meint, Handke habe die Burleske größtenteils selbst verursacht. Zuletzt habe der Schriftsteller keine andere Wahl mehr gehabt als den Verzicht. Ansonsten gibt es zu dieser Angelegenheit in der serbischen Öffentlichkeit weder Kommentare noch Debatten; Handke ist eben kein Thema in Belgrad.
Daraufhin angesprochen erklären viele fast unisono, der ganze Fall habe mit uns in Serbien eigentlich nichts zu tun. Das gilt sogar für Handkes Auftritt bei der Beisetzung des Diktators in Pozarevac. Läßt man sich aber auf längere Gespräche ein, wird klar, daß die meisten serbischen Intellektuellen gut informiert sind und zu strittigen Punkten überlegte und begründete Meinungen vertreten.
Kritik von Serben
Latinka Perovic, eine durch ihr kritisches und unabhängiges Denken sehr bekannt gewordene Historikerin, bemerkt etwa, sie halte es für unannehmbar, wenn jemand von außen kommt und suggeriert, es sei für die Serben im jetzigen Moment richtig, die Verbrechen aufzurechnen, ein Gleichgewicht zwischen eigenen und den Verbrechen anderer herzustellen und darüber zu vergessen, wer den Krieg entfacht hat.
Srdja Popovic, der unter unabhängigen Intellektuellen des ganzen Raumes fast schon legendäre Rechtsanwalt, der jetzt die Familie Djindjic im Verfahren gegen die Attentäter des Ermordeten vertritt, dessen Rechtsanwalt er übrigens noch während der Tito-Diktatur war, weist auf die Tatsache hin, die Handke zusätzlich kompromittiert habe, daß ihn nämlich Milosevic und sein Regime hier begeistert umarmt haben.
Handkes Stellungnahmen in der Süddeutschen Zeitung, die manche in Deutschland für eine ausreichende Rechtfertigung halten, wurden in den serbischen Zeitungen mehr oder minder ausführlich zitiert. Der Vorsitzenden des serbischen Helsinki Watch-Komitees, Sonja Biserko, ist die darin enthaltene Parallelisierung zwischen den Verbrechen in Srebrenica und Kravica nicht entgangen, weshalb sie bemerkt, die Greuel von Kravica dürfe man selbstverständlich weder leugnen noch verharmlosen, aber der direkte Vergleich der Untaten erfolge meist, um den Genozid in Srebrenica zu relativieren.
Am äußersten Rand
Die Dramaturgin Borka Pavicevic erweist sich ebenfalls als im Handke-Fall bestens informiert. Sie kann aber nicht fassen, wie Handke Jugoslawien mit Milosevic identifizieren kann, mit jenem Man also, der von Belgrad aus mit Waffengewalt dieses Land vernichtete. Auch Borka Pavicevic hing an dem Land, das es seit eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr gibt. Um so unverständlicher erscheint ihr diese absurde Vorstellung Handkes, die er in seiner Stellungnahme im serbischen Wortlaut mit Zivela Jugoslavija bekräftigte.
Doch Handke bewegt sich am äußersten Rand der aktuellen Debatte. Was die meisten Kommentare in den Medien und die langen Gespräche der diskursfreudigen Belgrader Szene beherrscht, ist die gegenwärtige politische Lage in Serbien, die fast ausnahmslos als katastrophal bezeichnet wird. Einen leisen Schock verursachte die Erkenntnis, daß die herrschende Riege mit dem Regierungschef Vojislav Kostunica an der Spitze tatsächlich aufrichtig geglaubt hat, daß es zu einer Unabhängigkeit Montenegros nicht kommen werde. So viel Wirklichkeitsferne hat dann doch überrascht.
Tagelanges Schweigen Kostunicas nach dem montenegrinischen Referendum, der ostentativ arrogante Empfang des Sonderbeauftragten der Europäischen Union, Javier Solana, vor den Kameras, die eines Ministerpräsidenten äußerst unwürdige Wortwahl bei der offiziellen Stellungnahme anläßlich des unerwünschten Referendumsresultats - all das wurde zusammen mit einigen anderen Symptomen als Belege einer endgültigen Abkehr von jenem Reformelan gedeutet, den Zoran Djindjic angestoßen hatte.
Rückkehr zur nationalistischen Ära
Überall werden die Zeichen einer restlosen Rückkehr zur nationalistischen Ära Milosevic registriert - jetzt sozusagen in der noch reineren Form des ganz alten, vorsozialistischen Nationalismus unter der alles durchdringenden ideologischen Oberhoheit der konservativen Serbischen Orthodoxen Kirche.
Dafür sprechen auch die Umfragen, die einen kontinuierlichen Anstieg der Wähler der ultranationalistischen Radikalen Partei (SRS) melden, deren Führer Vojislav Seselj seit drei Jahren als Angeklagter auf sein Verfahren vor dem Kriegsverbrechertribunal wartet. Sein Stellvertreter Tomislav Nikolic ist jetzt der populärste Politiker Serbiens; es gilt als sicher, daß die SRS als stärkste Partei aus den nächsten, voraussichtlich im kommenden Herbst stattfindenden Parlamentswahlen hervorgehen wird. Das war zwar auch bei der letzten Wahl bereits der Fall, aber nun wird die SRS von der Regierungsbildung nicht mehr ferngehalten werden können.
Das Programm der Radikalen besteht in der Hauptsache aus der Wunschvorstellung von Großserbien - zusammen mit Kosovo und den verlorenen Teilen in Kroatien. Entsetzen erregte ein breit kolportiertes Reimchen, eine blutrünstige Huldigung an Ratko Mladic und das Massaker von Srebrenica, die zum Abschlachten von Bosniaken auffordert. Der Titel lautet: Töte, Mladic, töte. Die serbische Mehrheitsgesellschaft schwelgt im Haß gegen alle ihre Nachbarn - wozu jetzt auch das Brudervolk der Montenegriner gehört.
Djindjic als symbolische Trennlinie
Der Gipfel dieser negativen Tendenzen wurde am ersten Juniwochenende durch die brutalen Morde an zwei wichtigen Zeugen im Prozeß gegen die mutmaßlichen Mörder des früheren serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic erreicht, was als deutliches Signal für die Rückkehr zur blutigen Zeit des großen Mordens Ende der neunziger Jahre aufgefaßt wurde. Zahlreiche Analysen beschäftigten sich mit diesen Morden und ihrem politischen Kontext.
Sie kamen überwiegend aus dem Lager des investigativen Journalismus. Er bildet die Basis der recht starken serbischen Gegenöffentlichkeit, die sich vom weitverbreiteten balkanischen insinuativen Journalismus abhebt. Kultstatus haben einige regelmäßige Sendungen des Fernsehsenders B92, insbesondere jene mit dem Titel Sanduhr (Pescanik), die politische Analysen in größter Konzentration und mit höchstem Anspruch liefert
Der 2003 ermordete Ministerpräsident ist zur symbolischen Trennlinie der beiden Gesellschaften Serbiens geworden. Ein Ereignis in der serbischen Gegenöffentlichkeit war die Vorstellung des ersten seriösen Buches über Zoran Djindjic. Es handelt sich um einen Sammelband mit Beiträgen von Historikern, Politologen, Soziologen und anderen Wissenschaftlern, die das Schaffen Djindjics und seine historische Rolle in der serbischen Politik erkunden, zusammengestellt von der Herausgeberin Latinka Perovic.
Erdrückende Übermacht
Das staatliche Fernsehen (RTS) brachte dazu in den Abendnachrichten das Bild des halbleeren Saals, das eine halbe Stunde vor dem Beginn der Veranstaltung aufgenommen wurde. In Wahrheit fand sich im gefüllten Saal ein aufmerksames Publikum aus Anhängern von Djindjics Ideen, seinen Weggefährten und vielen europäisch orientierten Intellektuellen sowie Studenten und jungen Menschen.
Hier herrschte ein Geist, der einen klaren politischen Verstand mit großem Freiheitsdrang in sich vereint. Besonders prägnant wird er durch den jungen Politiker und engen Mitarbeiter Djindjics, Ceda Jovanovic, verkörpert, der vor einiger Zeit eine neue liberale Partei gegründet hat, nachdem nicht nur ihm klargeworden war, daß sich die etablierte Demokratische Partei immer weiter von Djindjics Ideen und seinem proeuropäischen Kurs entfernt.
Mit klaren politischen Konzepten, viel Mut und geradezu preußischem Fleiß verfolgt er die Vision eines liberalen Serbien in Europa. In dieser kleinen Szene gibt es noch viele junge Menschen ähnlichen Zuschnitts, wobei die Frauen sich eher den Wissenschaften und dem Journalismus zuwenden oder in den NGOs tätig sind. Sie kämpfen gegen die erdrückende Übermacht einer korrumpierten politischen Klasse, die sich wieder in der schwarzen Höhle des Nationalismus von vorgestern eingerichtet hat.
Text: F.A.Z., 16.06.2006
Bildmaterial: AFP
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