Von Andreas Wirwalski, Hannover
18. März 2007 Es ist ein Gedankenspiel wie aus Science-Fiction-Filmen. Da geht die Menschheit mit Mann und Maus unter. Außerirdische besuchen den menschenleeren Planeten und finden unsere medialen Artefakte. Die Fremden werden keine großen Schwierigkeiten damit haben, sich gebaute, gedruckte und gemalte Überbleibsel vor Augen zu führen. Schlecht bestellt wird es indes um die digitalen Datenträger sein, allen voran um die heute unentbehrlichen Silberscheiben namens Digital Versatile Discs (DVDs), auf denen Spielfilme, Buchreihen oder virtuelle Museumsbesuche verewigt sind. Mit den Scheiben können die Aliens höchstens Frisbee spielen.
Das Problem aller digitalen Speichermedien sind ihre entdinglichten Daten, wie sie Angelika Menne-Haritz vom Koblenzer Bundesarchiv nennt. Man kann sie ohne Elektrizität einfach nicht mehr lesen. Schon heute haben Erdenbewohner Schwierigkeiten, ihre vor Jahren auf 5,25-Zoll-Floppys abgespeicherte studentische Examensarbeit wieder einmal zu lesen: Denn welcher PC oder Mac hat noch ein Diskettenlaufwerk?
Sicherungsverfilmung von Bibliotheksgut
Wer nicht in Abständen von mindestens fünf Jahren seine Daten auf der nächsten technologischen Ebene sichert (Daten-Migration), dem können wichtige Dinge verlorengehen. Für Privatleute ist das beunruhigend. Für große Unternehmen wie Versicherungen, Verlage, Krankenhäuser oder Finanzdienstleister kann sich das zur wirtschaftlichen Katastrophe entwickeln. Wie sollen Datenmengen vernünftig, also platzsparend, zeitschonend und dauerhaft, gespeichert werden? Und worauf eigentlich?
Im großen Stil haben vor Jahrzehnten schon die Juristen vorgesorgt. Sicherungsvorkehrungen für Kulturgüter beruhen auf völkerrechtlichen Übereinkommen aus der Zeit des Kalten Kriegs. In Deutschland übernimmt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) die Aufgaben der am 14. Mai 1954 verabschiedeten Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Hierzu gehört neben der Kennzeichnung von unbeweglichen Kulturgütern auch die Sicherungsverfilmung von Archiv- und Bibliotheksgut.
Bestände sicherungsverfilmt und eingelagert
Mit Förderung des Bundes werden staatliche Bestände, aber auch einzelne private Bestände (sofern sie von nationaler Bedeutung sind) auf 35-Millimeter-Mikrofilm sicherungsverfilmt und im Zentralen Bergungsort, dem Barbarastollen in Oberried bei Freiburg, eingelagert. Heute werden etwa 17 Millionen Meter Mikrofilm unter Tage aufbewahrt, beschützt von 200 Metern Gneis und Granit. In die vorklimatisierten Behältnisse passen laut BBK-Angaben jeweils 16 Großrollen Film.
Für den Haus- und Bibliotheksgebrauch kommt der Mikrofilm nun ebenfalls wieder. Von einer Renaissance spricht etwas pathetisch die Archiving Community, die sich auf der jetzt in Hannover stattfindenden Cebit 2007 vorstellt. Das Expertennetzwerk von Herstellerfirmen, Wissenschaft, Dienstleistungsunternehmen und Archivierungsberatern greift dafür auf den vom Freiburger Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik (IPM) entwickelten und von MicroArchive Systems in Frankfurt vertriebenen ArchiveLaser zurück.
Archivare vertrauen lieber auf die alten Techniken
Dieser klobige Kopierer, der etwa 100.000 Euro kosten soll, ist laut Herstellerangaben in der Lage, in 45 Sekunden rund 16 hochauflösende DIN-A4-Vorlagen (300 dpi) samt weiteren Metadaten auf einem 32 mal 45 Millimeter winzigen Einzelbild (Frame) unterzubringen, das sich wiederum auf einem 600 Meter langen und 35 Millimeter breiten Mikrofilm befindet. Insgesamt können so 1,3 Terabyte (also 1300 Gigabyte) vor allem an farbigen Daten pro Tag verarbeitet werden.
Während also etwa bewegte Bilder gerade vom herkömmlichen physischen Filmstreifen auf das digitale Kino umgerüstet werden, besinnen sich die Archivare auf Techniken aus dem vergangenen Jahrhundert. Ausgangsbasis für den Scanner ist die Arbeitskopie, der ohnehin in der Regel schon digitalisiert vorliegende Datenbestand einer Bibliothek oder eines Unternehmens.
Verfahren durch Mitnutzer aus der Wirtschaft billiger
Der Hersteller des zur Archivierung verwendeten Ilfochrome Micrographic Color Films, die Ilford Imaging Switzerland GmbH, hebt hervor, dass das Polyester-Material bis zu 500 Jahre haltbar sei. Die winzigen Bildchen können durch das Lupe-Kerze-Prinzip ohne große technische Hilfsmittel gelesen werden. Fraunhofer-Institut und MicroArchive arbeiten zur Zeit an einem Laser-Update (Bits on Film), um irgendwann einmal keine Bildchen, sondern gleich die digitale Grundsprache aus Nullen und Einsern auf den Film auszubelichten und sogar wieder retour zu schicken.
Für Martin Luchterhandt, Leiter des Referats Bestandserhaltung im Landesarchiv Berlin, ist jedenfalls der Mikrofilm ein ideales Langzeit-Speichermedium auch für digitale Daten, die man dann nicht ständig migrieren muss. Letztlich müssten sich aber die Kosten rentieren. Derzeit kostet es 15 Cent, um eine Vorlage auf herkömmlichen Schwarzweiß-Film zu belichten. Bei der hochauflösenden ArchiveLaser-Methode, die in Hannover jetzt dem Markt vorgestellt wird, sollen es drei bis vier Euro pro Frame sein. Es wird erst dann viel billiger werden, meint Luchterhandt, wenn wir Mitnutzer auch aus der Wirtschaft hinzugewinnen.
Langfristig, sicher, hochwertig und kostengünstig
Der ArchiveLaser ist Resultat des unter Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie im September 2006 beendeten Projekts Arche, das sich zum Ziel setzte, Schriftstücke von nationaler Bedeutung langfristig, sicher, qualitativ hochwertig und kostengünstig zu archivieren, wie es im besten Marketingdeutsch heißt. So wird es Zukunft möglich sein, die Originalfarbe eines Bildes zu rekonstruieren, auch wenn das Original bereits verblasst ist - die Kopie wird somit originaler sein als das Original.
Bis zur Verwirklichung dieser Vision könnte es allerdings noch eine Weile dauern. Denn viele mögliche Nutzer sind auch deshalb unentschlossen, weil es neben dem ArchiveLaser das Konkurrenzprodukt ArchiveWriter OP 500 der Tübinger Firma Zeuschel gibt. Besonders für hochempfindliche Kulturgüter wie Bücher oder Handschriften bleibt die Langzeitarchivierung unabdingbar. Die Bayerische Staatsbibliothek wartet noch ab.
Der einzigartige Bestand wird nutzbar gemacht
Seit vergangener Woche unterhält sie eine Kooperation mit Google. Der Online-Suchdienst will dabei auf eigene Kosten mehr als eine Million urheberrechtsfreier Bände digital einscannen. Klaus Ceynowa, Stellvertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek, sagt: Der einzigartige Bestand unseres Hauses wird für die Welt im Zeitalter des Internets nutzbar gemacht. Daher sei man auf die kostengünstige und von Google zu einem großen Teil übernommene Digitalisierung angewiesen.
Niemand könne zudem derzeit sagen, wie man jetzt gestaltete sogenannte Digitalisate, also originalgetreue virtuelle Faksimiles, in 500 Jahren nutzbar mache, sagt Ceynowa. Daher setze das Bibliothekarische Archivierungs- und Bereitstellungssystem (BABS), eine Zusammenarbeit der Staatsbibliothek mit dem Garchinger Leibniz-Rechenzentrum, auf die Digitalisierung vor allem von altem Karten- und Vertragsmaterial. Für die Bibliothek ist diese Art der Langzeitarchivierung eine Nebenerscheinung - der direkte Nutzen für den heutigen professionellen Leser steht im Vordergrund.
Wir experimentieren in verschiedene Richtungen
Die Mikroverfilmung als Erstsicherung kommt für die Staatsbibliothek schon deswegen nicht in Betracht, weil man nicht nur 100 oder 1000, sondern eine Million Titel mit durchschnittlich 300 Seiten pro Buch zu bearbeiten hätte. Das könnte dauern. Markus Brantl, Leiter des Referats Digitale Bibliothek, sagt, seit Mitte 2005 seien erst rund 150 000 digitale Objekte in Bits und Bytes verwandelt worden. Das sind mittlerweile 26 Terabyte. Die vollständige Redigitalisierung von Mikrofilmbildern ist weiterhin eine offene Flanke, sagt Brantl. Derzeit habe man auf diesem Gebiet noch mit einem zu großen Informationsverlust an Farbdaten zu kämpfen.
Zudem sei die Produktion des langzeitstabilen und polyesterbasierten Farbmaterials sehr teuer. Wir experimentieren in verschiedene Richtungen, sagt Brantl. So lange freut er sich lieber über abnehmende Kosten bei der virtuellen Speicherung. Ein Gigabyte an Speichervolumen koste zur Zeit noch rund einen Euro, meint Brantl. In ein paar Jahren seien es nur noch 20 bis 30 Cent. Hoffentlich sind bis dahin noch keine Daten verlorengegangen.
Text: F.A.Z., 17.03.2007, Nr. 65 / Seite 7
Bildmaterial: F.A.Z. - Frank Röth
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