Familiendebatte

Kinder sind ein Geschenk, kein Luxus

Von Joachim Kardinal Meisner

Kardinal Meisner rät: „Lernen Sie Familien mit drei oder mehr Kindern kennen”

Kardinal Meisner rät: „Lernen Sie Familien mit drei oder mehr Kindern kennen”

27. März 2007 „Die lautlose Katastrophe“ hieß vor gut 20 Jahren der Titel einer Zeitungsserie. Der Autor befasste sich mit dem Phänomen, „dass seit dem Anfang der siebziger Jahre mehr und mehr Bürger Fortpflanzung und Elternschaft verweigern“. Die Artikelserie verhallte, die Katastrophe schritt weiter fort. Heute erkennen wir in der Tatsache, dass immer weniger jungen Menschen immer mehr alte Menschen gegenüberstehen, mehr als eine kosmetische Frage. Die Stabilität unseres gesellschaftlichen Gefüges hängt davon ab. Doch die Antwort besteht in einer typisch deutschen „Scheckbuchpolitik“: Alle wichtigen Probleme - so glaubt man - lassen sich mit Geld lösen.

Damit verbinden sich zwei „Dogmen“ der öffentlichen (oder besser: der veröffentlichten) Meinung. Erstens: Ein Ehepaar entscheidet sich nur dann für Kinder, wenn die berufliche Tätigkeit der Mutter aufrechterhalten bleibt. Zweitens: Die Möglichkeiten außerhäuslicher Kinderbetreuung möglichst bald nach der Geburt müssen erweitert werden. Je mehr Krippen, desto mehr Kinder - so lautet die Gleichung.

Miserable Wertschätzung des Mutterberufes

Aber stimmt die überhaupt? Das Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren (U-3-Betreuung) ist in keiner Gegend Deutschlands so ausgebaut wie in den Ländern der ehemaligen DDR (für 40 Prozent gibt es Betreuungsplätze), und nirgendwo ist die Geburtenrate so niedrig wie dort. Die Studie „Kinderwünsche in Deutschland“ der Robert-Bosch-Stiftung hat in einer repräsentativen Umfrage bei 20 bis 49 Jahre alten Deutschen erforscht, wodurch es Paaren erleichtert werden könnte, Kinder zu bekommen.

Unter den nachgefragten Maßnahmen nimmt die U-3-Betreuung nur Platz 7 ein. Wichtiger sind „flexible Arbeitszeiten“ und „Teilzeitbeschäftigung“ sowie „finanzielle Fördermaßnahmen“. In derselben Studie bekennt eine deutliche Mehrheit von Müttern, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern sei genauso befriedigend wie bezahlte Arbeit, wäre da nicht die miserable Wertschätzung, die der Mutterberuf erfährt.

Das Kind wird zum letzten Luxus

Die Ursachen für unsere sich anbahnende demographische Katastrophe sind zu komplex, als dass sie sich mit dem Scheckbuch bekämpfen ließen. In unserem Land ist eine Mentalität verbreitet, nach der Kinder stillschweigend als Last verstanden werden. Und zu dieser Last sagt man nur dann ja, wenn eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sind. Sicherer Beruf, große Wohnung oder Eigenheim, die Annehmlichkeiten von wenigstens einer, in der Regel zwei Urlaubsreisen dürfen nicht gefährdet sein.

Das Kind wird so - zumindest in der Schicht der gesellschaftlich Erfolgreichen - zum letzten Luxus, den man sich gerade noch leistet, wenn alles andere schon erreicht ist. Dass aber dieser Luxus von vielen durchaus auch als entbehrlich empfunden wird, zeigt die zunehmende Zahl an Ehepaaren, die überhaupt kein Kind wollen. Die Studie der Bosch-Stiftung belegt, dass „Kindern in der Lebensplanung vieler Menschen kein besonders hoher Stellenwert mehr beigemessen wird“.

Die derzeitige Familienpolitik unterstützt - ungewollt - diese Mentalität. Denn insbesondere der Ausbau der U-3-Betreuung suggeriert, Kinder seien zwar nötig für die Gesellschaft, aber eine Last für die Eltern. Und damit diese Last möglichst wenig Beschwerden macht, fördert der Staat die elternlose Kinderbetreuung, während die Eltern weiter erwerbstätig bleiben. Bestraft werden - de facto - die Mütter oder Väter, die auf Einkommen verzichten, um sich zu Hause selbst ihren Kindern zu widmen.

Kindergeschrei in der Nachbarschaft

Unser Land braucht eine Mentalität, die sagt: Kinder sind ein Geschenk! Kinder sind zwar keine kurzfristigen Spaßfaktoren, aber dafür nachhaltige Glücksbringer. Wer ja zum Kind sagt, drückt damit ein Ja zur Zukunft aus - auch zur eigenen. Das Ja zum Kind ist Ausdruck von Lebensfreude. Denn mit jedem Kind, dem die Eltern das Leben schenken, bringen diese zum Ausdruck: Es lohnt sich zu leben, und es macht Freude, andere in dieses Leben zu begleiten. Diese Überzeugung muss zur Mentalität werden. Freilich bedingt dies auch die Bereitschaft, das eigene Ich zurückzustellen zugunsten des Du.

Ehepaaren, die derzeit noch um ein Ja zum Kind ringen, möchte ich raten: Lernen Sie Familien mit drei oder mehr Kindern kennen. Schauen Sie sich das Leben einer solchen Familie an. Es ist turbulent und chaotisch. Da muss mit jedem Cent gerechnet werden. Aber Kinder sind eine Art von Reichtum, für den es sich lohnt, auf materiellen Reichtum zu verzichten. Sie werden dann auch sehen, dass das familienfeindliche Gerede vom „Heimchen am Herd“ blanker Unsinn ist. Und noch eines: Wenn einmal die „biologische Uhr“ abgelaufen ist, lässt sich das Nein zur Nachkommenschaft nicht mehr rückgängig machen.

Wer sich heute über Kindergeschrei in der Nachbarschaft aufregt (das ohnehin selten genug geworden ist), wird sich in einigen Jahren vielleicht danach sehnen, mal wieder Kinderstimmen um sich zu hören. Denn die klingen nach Zukunft und Gemeinschaft. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“ (Gen 2,18), heißt es in der Schöpfungsgeschichte der Heiligen Schrift. Niemanden zu haben ist darum eine der schlimmsten menschlichen Katastrophen. Gerade mit zunehmendem Alter bietet die Familie einen Lebensraum, der vor Einsamkeit schützt.

Familien haben Vorfahrt

Was aber muss nun getan werden, damit eine lebens- und familienfreundliche Mentalität wachsen kann? Die Politik allein ist damit überfordert. Mentalitäten lassen sich nicht einführen wie Steuern. Wichtiges können wir als katholische Kirche hier einbringen. Im Glauben wissen wir, dass die Ehe ein Sakrament ist. Zu ihren Voraussetzungen gehört die Offenheit für Nachkommenschaft, weil Kinder sichtbares Zeichen der fruchtbaren Liebe Gottes sind. Darüber hinaus wissen wir, dass die Ökonomie des Evangeliums anders funktioniert, als wir es in der Welt normalerweise erleben: Wer sich hingibt, der gewinnt, und wer sich schenkt, ist der Beschenkte.

Daher wollen wir alles tun, um Ehepaare zu ermutigen, Ja zu Kindern zu sagen. Familien müssen in unseren Gottesdiensten herzliche Aufnahme finden. Wo Betreuung von Kindern nötig ist, sollten in unseren Gemeinden ehrenamtliche Initiativen helfen.

Familienkreise bilden die Gelegenheit, mit mehreren Familien zusammenzukommen, sich gegenseitig zu stärken und zu helfen, Freude und Leid zu teilen. Darüber hinaus bringen wir ein beachtliches institutionelles Engagement ein. Neben unserem umfangreichen Kindergartenangebot bauen wir Familienzentren auf. Unsere Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen helfen, Wege aus schweren Lebenssituationen zu finden. All diese Bemühungen wollen zum Ausdruck bringen: Familien haben Vorfahrt.

„Hauptursache für die eskalierende Frustration“

Eine Familienpolitik, die diesen Mentalitätswechsel will, muss Maß nehmen am Wohl des Kindes. Ich finde es schlimm, wenn viele Mütter aus finanziellen Gründen sobald wie möglich nach der Geburt eine Erwerbstätigkeit aufnehmen müssen. Manchmal geht es nicht anders, aber dient das dem Wohl des Kindes? Der kanadische Psychologe Gordon Neufeld weist darauf hin: Kinder brauchen in den ersten Lebensjahren eine feste und intensive Beziehung zu ihren Eltern.

Den Verlust solcher Beziehungen sieht er als „Hauptursache für die eskalierende Frustration“. Familienpolitik, die das Wohl des Kindes will, muss darum fragen: Was können wir tun, um Eltern, insbesondere Müttern, zu ermöglichen, in den ersten entscheidenden Lebensjahren ihrer Kinder bei ihnen zu bleiben? Ich bin überzeugt: Wenn das finanziell auskömmlich wäre, würden viel mehr Eltern dazu ja sagen.

Wir brauchen einen nachhaltigen Mentalitätswechsel

Hierzu gibt es bereits Ideen, zum Beispiel eine massive Erhöhung der Kinderfreibeträge, die bei Einkommensschwachen sogar zu einer sogenannten negativen Einkommensteuer führen kann. Seitens der Wirtschaft sollten alle Möglichkeiten von Teilzeitarbeit bis hin zu Heimarbeitsplätzen ausgelotet werden. Vor allem muss es Möglichkeiten geben, nach einer großzügig bemessenen „Babypause“ wieder in den erlernten Beruf einzusteigen. Und wenn dennoch die volle Berufstätigkeit von Vater und Mutter erforderlich sein sollte, dann wäre einer Kinderkrippe die Tagesmutter auf jeden Fall vorzuziehen.

Um die demographische Katastrophe abzuwenden oder wenigstens aufzuhalten, brauchen wir einen nachhaltigen Mentalitätswechsel. Wir brauchen wieder mehr junge Herzen, die bereit sind, sich beschenken zu lassen: vom ersten Schrei eines Neugeborenen und vom Lachen eines spielenden Kindes ebenso wie vom Weinen eines kranken. Um diese Bereitschaft von Generation zu Generation weiterzugeben, bedarf es solcher Menschen, die selbst von ihren Eltern in dieser Weise als geliebtes Geschenk angenommen worden sind. So kann Deutschland wieder ein blühendes, kinderfreundliches Land werden.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP

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