12. Dezember 2007 Wohnen ist eine sonderbare Tätigkeit, hat der deutsche Schriftsteller Max Goldt einmal geschrieben: Man wohnt und wohnt und merkt es nicht. Wohnen ist juristisch das, was biologisch atmen ist, obgleich man seinen Atem doch manchmal zur Kenntnis nimmt, wenn man sich verschluckt oder nach der Bahn rennt. Wohnen müsste ein Geräusch machen, knacken oder leise singen, damit es als Aktion bemerkbar würde. In Berlin macht Wohnen sehr wohl ein Geräusch, und das müsste Max Goldt eigentlich wissen, denn er lebt dort seit Jahren: Einen Ton, der alle begrüßt und danach ständig begleitet, die in die Stadt ziehen, der auf Partys lauter wird, aber sich nie richtig abstellen lässt.
Dieses dauerhafte Geräusch ist der sogenannte Berlin-Diskurs, und seine zentrale Frage lautet: Wo wohnst du? Das ist für Berliner quasi eine erkennungsdienstliche Maßnahme. Denn an der Wahl des Wohnorts hängt sein Selbstbild, oder besser: Man kann über den gewählten Bezirk das Bild, was man von sich selbst abgeben möchte, formen. In Berlin wohnen die wenigsten einfach irgendwo, das tun höchstens die, die hier geboren wurden, die leben dann in Britz, Frohnau oder Lichtenberg, in Gegenden ohne Ruf, dort, wo der Zufall sie so hinverschlagen hat. Für Zugezogene aber ist Berlin identitätsstiftend, die Verlängerung der eigenen Persönlichkeit.
Zugezogene Berliner mit Wowohnstdu-Tinnitus
Wer da falsch wohnt, hat schlechte Karten, jedenfalls auf Partys: Wer auf Partys erwähnt, nicht im Osten zu wohnen, also weder in Prenzlauer Berg noch in Mitte, Friedrichshain oder Pankow, wo es Kioske gibt, an denen Ostfriesennerze, Medizinbälle und Mundorgeln an junge, neue Menschen verkauft werden, die in Agenturen für Webdesign arbeiten und dabei Bionade, Tannenzäpfle-Bier oder ihren Latte mit Sojamilch trinken, der muss für den Rest des Abends unbequeme Fragen beantworten und wird zum Schluss als geistig frühverrentet bemitleidet. Und wer daraufhin nach Hause fährt, um seine Ruhe vor dem hohen Wohnton zu haben, wird sogar vom Taxifahrer verspottet: Wilmersdorf? Das ist doch kurz vor Hannover, oder?
Seit September bin ich in Frankfurt. Das ist noch weiter im Westen. Ein Glück, dachte ich, jetzt hört endlich der Berliner Wowohnstdu-Tinnitus auf. Falsch gedacht, er verfolgte mich bis an den Main: Denn auch in Frankfurt trifft man zugezogene Berliner, die sind dann zwar nur zu Besuch, ihr Diskurs aber reist immer mit - als wären sie auf Stadtmission. Bei einem Buchmessenempfang im Oktober verwickelten mich zwei solcher Berliner in eine Diskussion darüber, warum in Gottes Namen ich erstens freiwillig nach Frankfurt gezogen sei (als wäre das eine Art Majestätsbeleidigung), und zweitens dann auch noch vorher in Berlin in der falschen Gegend gewohnt habe.
Im Jogginganzug beim Palmengarten
Hinter alledem steckt nicht Größenwahn, sondern ein ausgeprägter Minderwertigkeitskomplex: An ihm leiden viele Zugezogene, die hoffen, erst dank einer bestimmten Adresse ihren Platz im Leben zu finden (das haben sie mit den Figuren Fontanes gemein, die Sache hat also Tradition). Daran leidet aber auch die Stadt selbst: Gibt es eine zweite Weltstadt, in der derartig viel über sich selbst geredet und geschrieben wird - zum Beispiel über die Frage, ob Berlin das überhaupt ist, eine Weltstadt? Die Lokalzeitungen sind jedenfalls tödlich beleidigt, wenn Auswärtige oder neue Zugezogene das auch nur in Frage stellen.
Frankfurt ist eine internationale Stadt, und das ziemlich selbstverständlich. Der Frankfurt-Diskurs ist spanisch oder englisch oder indisch, vor allem abends in den Restaurants. Und es sind nicht Touristen oder Künstler mit Stipendien vom DAAD oder von der American Academy wie in Berlin, sondern Menschen, die in Büros arbeiten, ganz normale Frankfurter also - wie der Engländer in Turnhosen zum Beispiel, den ich neulich in der Westbar beim Palmengarten sah, der vom Barkeeper beim Reinkommen mit Vornamen begrüßt wurde und danach beim Absacker die Financial Times las - und zwar die echte.
Verrenkungen statt Schufa-Auskunft
Dieses Frankfurt hat internationale Ausmaße, ist aber auch sehr klein: Während meiner Wohnungssuche bat mich eine Maklerin dringend um Rückruf, es ging um eine Dachgeschosswohnung im Stadtteil Sachsenhausen. Ich hatte mit vielem gerechnet, mit der Forderung nach einer Schufa-Auskunft oder dem Nachweis eines geregelten Einkommens, das war ich von Berlin so gewohnt. Stattdessen fragte mich die Maklerin: Wie groß sind Sie? Ich lachte los, doch sie meinte es ernst, also antwortete ich: Eins siebenundachtzig, warum? Oje, seufzte die Maklerin, oje, oje. Wieso, was ist denn daran falsch, fragte ich. Dann brauchen wir uns die Wohnung gar nicht erst anzusehen, sagte sie. Aber wieso denn nur? Dann können Sie in der Küche nicht aufrecht stehen. In Berlin würde einem so etwas nicht passieren.
Dort sind bezahlbare Altbauten mit vier Meter hohen Stuckdecken, Parkett und einer Galerie mit Sojamilchausschank in Laufweite mehr als ausreichend vorhanden - deshalb kann man sich ja auch in Berlin seinen Kiez und das dazugehörige neue Leben aussuchen. In Frankfurt dagegen wird wie in Hamburg an schwarzen Brettern nach Wohnungen in den üblichen Vierteln gesucht, wie es dann immer heißt: Sachsenhausen, Westend, Nordend, Bornheim. Und weil dort der Platz so begrenzt ist, wird man auf Partys nicht gesnobbt, wenn man dort nichts gefunden hat, jeder versteht das. In Frankfurt muss man sich einfach nach der Decke strecken (das kann, siehe oben, auch schmerzhaft ausgehen). Deshalb erlebt man bei Wohnungsbesichtigungen auch die erstaunlichsten Verrenkungen.
Esstische größer als jede Wohnung
In der ersten Wohnung, die ich mir ansah, in einem der üblichen Viertel, hätte ich vom Bett aus mit der linken Hand den Duschhahn aufdrehen und der rechten ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen können, alles für eine Miete knapp unter einer Fantastillarde. Die Bude zog einem wirklich die Schuhe aus, jedenfalls gingen wir auf Socken - der aktuelle Mieter hätte uns sonst nicht hineingelassen. Und obwohl kein Platz dazu war, tanzten die Bewerber auf ihren Socken um den Makler herum.
Der eine prahlte zum Liquiditätsbeweis mit seinen anderen Immobilien - Frankfurt, sagte er, sei nur Drittwohnsitz, er wolle bald auch in Berlin kaufen und fragte mich nach den üblichen Vierteln, ich sagte: Reinickendorf ist groß im Kommen. Die andere war Kamerafrau: London, Rio, Tokio. Ich dachte: Es gibt Esstische, die haben mehr Quadratmeter als diese Wohnung, zog meine Schuhe an und ging. Nur, um wenig später einen Esstisch für eine Fantastillarde anzumieten.
Die Frankfurter Welt hört hinterm Hauptbahnhof auf
Apropos Essen: Neulich habe ich versucht, abends eine Pizza bei einem Lieferdienst zu bestellen, der auch bundesweit operiert. Adresse?, fragte der Pizzabäcker. Mainzer Landstraße 216, antwortete ich arglos, eine Station vom Hauptbahnhof. Tut mir leid, wir liefern nur bis Hausnummer 100. Aber ihr seid doch die Filiale Frankfurt-Mitte, jammerte ich, wo soll ich denn jetzt eine Pizza herkriegen. Tut mir leid, sagte der Pizzabäcker, er war jedenfalls freundlich. In Berlin hätte er gesagt: Bin ick die Caritas? Zweihundert Meter hinter dem Hauptbahnhof, das lernte ich an diesem Abend, hört in Frankfurt die Welt auf.
Zweihundert Meter hoch ist übrigens auch das Riesenrad, das bald in Berlin gebaut wird, das höchste Europas - noch so eine Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen, denn es soll direkt am Bahnhof Zoo stehen, der seit dem vorigen Jahr vom Fernverkehr abgekoppelt ist, was ganz West-Berlin als Affront sieht. In dieser Stadt ist immer irgendwer beleidigt. Ich würde gern mal versuchen, eine Minute lang nur zu wohnen, schrieb der Berliner Max Goldt. In Frankfurt geht das.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar, picture-alliance/ dpa/dpaweb
Ein deutscher Lebenslauf: Die Wende von der anderen ![]()
Martin Walser: Ein Loblied auf die Frauenkirche
Das Museum Villa Schöningen erzählt vom Kalten Krieg
Stadtbibliotheken: Die Wende mit der Maus
F.A.Z.-Gespräch: Was bedeutet in Ihren Krimis der Tod, Lady James?
Spionage, Blutdurst und WeihnachtsmärchenDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() |
![]() |