Von Paul S. Hewitt
23. März 2004 Die Alterung der Gesellschaft ist ein politisches, ökonomisches und individuelles Thema ersten Ranges. Wie sehr, das zeigt der hier abgedruckte Beitrag. Sein Autor, Paul S. Hewitt, behauptet nämlich nicht weniger, als daß die Überalterung vieler Länder das Gesicht der Erde und die Gewichte zwischen den Nationen fundamental verändern wird. So hängen das Konsumverhalten, das Gesundheitssystem und die Arbeitskraft einer Gesellschaft eng mit ihrer Altersstruktur zusammen. Deshalb fordert Hewitt die Regierung der Vereinigten Staaten auf, schon jetzt alles dafür zu tun, auch in Zukunft eine günstige demographische Zusammensetzung ihrer Bürgerschaft zu gewährleisten, und zugleich für internationale Stabilität in einer Epoche demographischen Auseinanderdriftens zu sorgen: Nationale Sicherheitsfragen seien mit denen der Sozial- und der Bevölkerungspolitik aufs engste verknüpft. Insofern enthält Hewitts Beitrag auch eine Herausforderung an Europa. Als er seinen Artikel schrieb, war Paul S. Hewitt noch Direktor der Initiative "Global Aging" am "Centre for Strategic and International Studies" in Washington D.C. Danach wurde er zum stellvertretenden Leiter der Politikabteilung im amerikanischen Sozialministerium berufen.
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Während Amerika sich darauf vorbereitet, daß die Baby-Boomer-Generation in Rente geht, vollzieht sich eine weitaus bedeutsamere, verblüffend gegenläufige demographische Entwicklung: Der Rest der Welt altert viel schneller als wir. Das Durchschnittsalter der amerikanischen Bevölkerung wird in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts um knappe 3,6 Jahre anwachsen - die Hälfte der Entwicklungsrate während der vergangenen fünfzig Jahre, wie die Statistik des US Census Bureau zeigt, und weniger als in irgendeinem anderen Land der Welt mit der möglichen Ausnahme Luxemburgs. Weltweit gesehen, soll in diesem Zeitraum das Durchschnittsalter um 9,7 Jahre anwachsen; China und Indien können mit Zuwächsen von 13,8 Prozent und 4,3 Prozent rechnen.
Was sollen wir von diesen Entwicklungslinien halten? In einem Punkt können wir sicher sein: Der globale Alterungsprozeß wird unsere Welt grundlegend verändern. Keine Region, kein Individuum wird den weitreichenden Auswirkungen auf Wirtschaft, Finanzsysteme, Regierungsbudgets und sogar Militärapparate entgehen. Eine erfolgreiche Anpassung an diese unzähligen Herausforderungen wird die Neueinpendelung von allem möglichen voraussetzen - von individuellen Lebensplanungen bis zu internationalen Sicherheitsbündnissen. Der globale Alterungsprozeß hat einen weltweiten Generationenabstand aufgerissen: Die reichsten und am weitesten entwickelten Länder sind viel stärker gealtert als die ärmsten und am wenigsten entwickelten.
Herde wirtschaftlicher und politischer Unruhe
Heute liegt der Unterschied des Durchschnittsalters zwischen der jüngsten und der ältesten Gesellschaft, Jemen und Japan, bei 27 Jahren - im Jahre 1950 waren es nur 3,4 Jahre. Aber im Jahre 2015 wird der durchschnittliche Jemenit 32 Jahre jünger sein als der durchschnittliche Europäer und 34 Jahre jünger als der durchschnittliche Japaner. Es ist bedeutsam, daß Länder auf beiden Seiten dieser Kluft Herde wirtschaftlicher und politischer Unruhe sein werden. Europa und Japan, rasch alternd, werden mit der wachsenden Last uneinlösbarer Rentenversprechen zu kämpfen haben - in Volkswirtschaften, die durch Arbeitskräftemangel und sinkende Konsumentenzahlen ohnehin geschwächt sind.
Gleichzeitig werden die jüngsten Regionen der Welt - insbesondere Afrika südlich der Sahara und der Nahe Osten - von jungen Menschen überschwemmt werden, welche die fragilen Sozialsysteme überlasten. Eine dritte Gruppe von Nationen - die ökonomisch wichtigen neuen Märkte, darunter China, Indien und die größten Teile Südostasiens und Lateinamerikas - wird im Verlauf jener Erschütterungen altern, welche Industrialisierung und Urbanisierung mit sich bringen. Für diese Gesellschaften wird ein rasches und anhaltendes Wirtschaftswachstum mehr und mehr notwendig, damit kurzfristig ein politisch destabilisierendes Maß an Arbeitslosigkeit und ökonomischer Ungleichheit abgewendet werden kann und wenige Jahrzehnte später eine verheerende Alterungskrisis.
Auf dem Weg in ein wirtschaftliches und politisches Chaos
Nur Amerika wird eine Insel relativer Ruhe im stürmischen Meer der demographischen Entwicklung bleiben. Selbst unser Ausnahmestatus wird nur eine Zeitlang dauern - wenn die projizierte kräftige Bevölkerungsentwicklung des nächsten Halbjahrhunderts abflacht, wird auch in Amerika der gesellschaftliche Alterungsprozeß beginnen. Unterdessen scheinen die Vereinigten Staaten dazu bestimmt, in der Phase der globalen Alterung eine Schlüsselrolle zu übernehmen. Um sich dieser Entwicklung anzupassen, müssen sie als Brücke dienen zwischen einer jüngeren Dritten Welt (die bald der Motor des globalen Wirtschaftswachstums sein wird, wenn es ein solches Wachstum überhaupt gibt) und der alternden entwickelten Welt, insbesondere Japan und Europa, deren Führungsschichten massive politische Reformhindernisse überwinden müssen, wenn sie verhindern wollen, daß ihre insolventen Rentensysteme die globalen Finanzmärkte ruinieren und den Rest der Welt in ein wirtschaftliches und politisches Chaos stürzen.
Noch nie zuvor waren die Herausforderungen, vor denen die amerikanische Außenpolitik stand, so komplex und umfassend. Doch selbst jetzt, da die skizzierte Entwicklung schon längst begonnen hat, haben die Führungskräfte in Amerika und anderswo kaum erkannt, in welchem Ausmaß die Demographie den Lauf der Geschichte lenkt.
Zwei demographische Trends verbinden sich
Eine Bevölkerung altert, wenn zwei demographische Trends - eine steigende Lebenserwartung und eine fallende Fortpflanzungsrate - sich verbinden und gleichzeitig dafür sorgen, daß der Anteil der Jugend in einer Gesellschaft absinkt, während ältere Bevölkerungsgruppen stärker werden. Die längere Lebenserwartung ist zwar ein notwendiger Bestandteil der gesellschaftlichen Alterung, doch der wesentliche Faktor bleibt die relative Fruchtbarkeit. Während des größten Teils unserer Geschichte mußten Familien rasch möglichst viele Kinder in die Welt setzen, um den Umstand auszugleichen, daß nur ein Bruchteil dieser Kinder überleben und sich ihrerseits fortpflanzen würde. Doch in den vergangenen zweihundert Jahren haben die Verbesserungen im Gesundheitswesen dieses Gleichgewicht umgeworfen - mehr und mehr Kinder wuchsen zu Erwachsenen heran.
Sofern die Fortpflanzungspraxis der Familien sich solchen medizinischen Veränderungen nur sehr langsam anpassen kann, ergab sich in einem Land nach dem anderen zuallererst als Folge der steigenden Lebenserwartung ein Anschwellen der jugendlichen Bevölkerung. In den entwickelten Ländern hat die Lebenserwartung graduell und über längere Zeit hinweg zugenommen; durchschnittlich jährlich um 2,5 Monate seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. In der Dritten Welt vollziehen sich seit kurzem die Verbesserungen sehr viel rascher. Die Lebenserwartung wuchs dort in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts jährlich um durchschnittlich 5,3 Monate. In China schoß sie zwischen 1950 und 1970 um erstaunliche zwanzig Jahre nach oben. Das Ergebnis waren eine Flut junger Menschen und eine drohende Überbevölkerungskatastrophe. Heute gibt die steigende Längerlebigkeit den Rahmen für ein vergleichbares malthusianisches Dilemma in den jüngsten Weltregionen ab.
Deutscher Bevölkerungsschwund von 82 auf 51 Millionen?
Bei gleichbleibender Geburtenrate würde sich beispielsweise die Bevölkerung des Jemen im Jahre 2050 auf 158,6 Millionen erhöht haben - von 18,3 Millionen im Jahre 2000 und lediglich 4,3 Millionen 1950. Da mehr als die Hälfte der Bevölkerung noch in ihr reproduktives Lebensalter eintreten wird, gehen selbst die optimistischsten Vermehrungsschätzungen von 71 Millionen Jemeniten um 2050 aus. Dies betrifft eine Wüstengegend, in der lediglich drei Flüsse das ganze Jahr lang Wasser führen. Wenn die Fruchtbarkeit von einem hohen Niveau absinkt, führt dies zu einem raschen Alterungsprozeß der Gesellschaft. In Mexiko beispielsweise sank die Geburtenrate im Zeitraum zwischen 1970 und 2000 von einem Durchschnittswert von 6,52 Kindern pro Frau auf 2,75. In ebendiesen dreißig Jahren stieg dort das Durchschnittsalter von 16,7 auf 23,3 Jahre. Doch weil die schwächeren Geburtenjahrgänge nach 1970 erst jetzt ins reproduktive Alter kommen, macht sich die demographische Auswirkung der sinkenden Fruchtbarkeit auch erst jetzt bemerkbar. Selbst wenn die Geburtenrate Mexikos von nun an nur marginal abnimmt, wird sich das Durchschnittsalter des Landes im Jahre 2030 um weitere elf Jahre erhöht haben und 2050 um 16,2 Jahre - was um die nächste Jahrhundertmitte eine Bevölkerungsstruktur ergibt, die nur wenig jünger sein wird als die der Vereinigten Staaten.
In den vergangenen Jahrzehnten hat der Abfall der Fruchtbarkeit auch in vielen reichen Ländern das Tempo des Alterungsprozesses beschleunigt. Die Geburtenraten für die hochentwickelten Länder insgesamt sind heute von etwa einem Viertel über der "Ausgleichsrate" (2,1 Kinder pro Frau) auf etwa ein Viertel darunter gesunken. Gäbe es keine Immigration, könnte die Zahl der Kinder in Japan und Europa alle dreißig Jahre um etwa ein Viertel fallen. Beide Regionen stehen so vor der Aussicht auf einen signifikanten Bevölkerungsschwund. Die Vereinten Nationen rechnen zum Beispiel damit, daß Deutschland - wo augenblicklich die Fruchtbarkeit bei 1,3 liegt - seine Bevölkerung von 82 Millionen im Jahre 2000 auf 71 Millionen im Jahr 2050 sinken sieht. Dies setzt jedoch voraus, daß die Fruchtbarkeit sich wieder etwas steigern wird, während die hohe Immigrationsrate unbegrenzt anhält. Ohne diese Entwicklungen würde die deutsche Bevölkerung im Jahre 2050 auf 51 Millionen und im Jahre 2100 auf 24 Millionen gesunken sein. So massiv dieser Schwund ist - Griechenland, Italien, Spanien und ein großer Teil Osteuropas haben allesamt noch niedrigere Geburtenraten und eine weit geringere Einwanderung. Diese Länder werden sich vermutlich sogar noch schneller als Deutschland entvölkern.
Amerika und die Dritte Welt altern Seite an Seite
Besonders rasch geht der Alterungsprozeß in Japan vor sich. Während die große Wirtschaftskrise im frühen zwanzigsten Jahrhundert in den meisten anderen Industrieländern die Familiengründung behinderte, erlebte Japan einen Geburtenschub, der im Jahre 1940 ein Durchschnittsalter von nur 22,2 Jahren ergab. In den folgenden sechzig Jahren schoben abfallende Geburtenraten und eine rapide steigende Längerlebigkeit das Durchschnittsalter bis auf 41,2 Jahre hinauf (das weltweit höchste); so kam es zu einem explosiven Anwachsen des älteren Bevölkerungsanteils. Im Jahre 2025 wird der typische Japaner in den Fünfzigern sein; siebenunddreißig Prozent der Bevölkerung sind dann sechzig Jahre oder älter. Das rasche Altern Japans, im wesentlichen das mathematische Echo des drastischen Geburtenrückgangs nach 1950, nimmt ähnliche Prozesse in einem Großteil der hochentwickelten Nationen vorweg. Insgesamt hatten im Jahr 2000 an die sechzig Länder und Territorien, die vierundvierzig Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, Geburtenraten unterhalb der Ausgleichsrate. Viele Demographen erwarten, daß auf dieser Liste bald auch Brasilien, Mexiko, Iran und sogar Indien stehen.
Das im Gegensatz hierzu robuste Bevölkerungswachstum in Amerika - die Folge hoher Einwanderungsziffern und einer stabilen, um das Ausgleichsniveau liegenden Fruchtbarkeit (2,2 im Jahre 2001) - trägt dazu bei, die Geschwindigkeit des globalen Alterungsprozesses abzuschwächen. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten soll erwartungsgemäß im Zeitraum von 2000 bis 2050 um knapp fünfzig Prozent wachsen - verglichen mit einer erwarteten Senkung um siebzehn Prozent in Europa und vierzehn in Japan. Das bedeutet, daß wir in den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wahrscheinlich Seite an Seite mit einem großen Teil der Dritten Welt altern werden. Im Augenblick trennt sich unser demographisches Geschick von dem unserer alten Verbündeten und verbindet sich mit dem der aufsteigenden Mächte dieses Jahrhunderts.
Engelskreis auf Zeit
In sehr jungen Bevölkerungen kann ein Anwachsen des Durchschnittsalters als Nebenprodukt der sinkenden Familiengröße eine Reihe gesellschaftlich wünschenswerter Folgen haben. In einem Zusammenhang, in dem man vom "demographischen Bonus" spricht, führt die sinkende Kinderzahl direkt zu einer Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens und ermöglicht es darüber hinaus den Frauen, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, wodurch die Familien wiederum mehr Geld für Gesundheitsvorsorge und Bildung zur Verfügung haben. Das Ergebnis kann ein "Engelskreis" von Wirtschaftswachstum, gesellschaftlicher Entwicklung und politischer Stabilität sein. Die Sache hat aber einen Haken: "Das ,demographische Fenster' öffnet sich nur einmal und nur für einen begrenzten Zeitraum", wie der United Nations Population Fund warnt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt schließt es sich, und die soziale Abhängigkeit steigt wieder - diesmal in Form der Abhängigkeit älterer Menschen. Es werden so viele Länder mit geringen und mittleren Einkommen gleichzeitig ihren demographischen Bonus einlösen wollen, daß das demographische Fenster in der gesamten entwickelten Welt zuknallen wird. Das läßt erwarten, daß die vor uns liegende Zeit eine der ungeahnten Möglichkeiten und Gefahren für die globale Wirtschaft sein wird.
Der Anteil der Jugend an einer Bevölkerung ändert sich nur dann rasant, wenn die Geburtenraten bei sinkender Kindersterblichkeit stabil hoch bleiben. Der Lebensstandard kann sich aber nur verbessern, wenn die Wirtschaft rascher wächst als die Bevölkerung. Saudi-Arabien gibt einen Musterfall dafür ab, was mit den Einkommen geschieht, wenn die Bevölkerung zu schnell wächst. Zwischen 1984 und 2002 hat sich die saudische Bevölkerung mehr als verdoppelt. Hätten die Einkommen in diesem Zeitraum stabil bleiben sollen, hätte auch die Wirtschaft einen außergewöhnlichen Wachstumsschub erleben müssen. Statt dessen drückte die zunehmende Dominanz der jugendlichen Population die Produktivität, weil die Bevölkerung im Arbeitsalter sich stärker mit der Versorgung der Kinder beschäftigen mußte. Eine Folge davon war, daß das Pro-Kopf-Einkommen um mehr als die Hälfte sank. Im Gegensatz hierzu steigen Lebensstandard und Produktivität am schnellsten in Gesellschaften, wo der relative Anteil der Jugend an der Bevölkerung am raschesten gesunken ist, in China und Thailand beispielsweise. Um den demographischen Bonus nützen zu können, muß eine Gesellschaft Beschäftigungsmöglichkeiten anbieten. Die Einsicht, daß die städtische Arbeitslosigkeit die Ursache so vieler revolutionärer und geopolitischer Umwälzungen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war, führte nach dem Zweiten Weltkrieg zur Einrichtung großzügig konzipierter Sozialprogramme in allen Industriestaaten. In den fortgeschrittenen Wohlfahrtsstaaten von heute wird die Festsetzung des Rentenalters immer noch vielfach damit gerechtfertigt, daß so Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche frei werden, während Formen der sozialen Unterstützung - von Arbeitsunfähigkeitsrenten bis zur finanziellen Förderung von Studenten - damit begründet werden, sie seien von entscheidender Bedeutung für den "sozialen Frieden". Im Unterschied hierzu werden die Netze sozialer Sicherheit in den Ländern mit geringen und mittleren Einkommen wahrscheinlich in absehbarer Zeit dünn geknüpft bleiben - was bedeutet, daß der soziale Frieden in diesen Ländern in gefährlicher Weise vom Zustand der globalen Ökonomie abhängt.
Die Ära der "Alterungsrezessionen" könnte bereits begonnen haben
Besonders prekär ist die Aussicht, daß die semipermanente fiskalische Krise in den fortgeschrittenen Wohlfahrtsstaaten sich auch auf andere Länder auswirkt und auf den Weltmärkten zu Instabilität führt. Sollten die bereits ablesbaren Trends bei der Produktivität, dem Arbeitskräftebedarf, der Geburtenrate und der Kosteninflation im Gesundheitswesen anhalten, würden im Jahre 2040 die zugesagten Renten in einem typischen hochentwickelten Land zusätzliche zwölf Prozent des Bruttosozialprodukts jährlich aufzehren - etwa das Sechsfache dessen, was europäische Regierungen durchschnittlich für die Verteidigung ausgeben. Würden die Regierungen diese Beträge über Kredite finanzieren statt durch Steuererhöhungen oder Haushaltskürzungen, dann würden in zwanzig Jahren die Budgetdefizite in den reichen Ländern alle Rücklagen auffressen und diese Länder bei allen künftigen innerstaatlichen Investitionen abhängig machen von den Kapitalströmen aus der Dritten Welt. Schon lange vorher würden wahrscheinlich Kapitalknappheit und die wachsenden Risiken der Nichterfüllbarkeit eingegangener Verpflichtungen zu einem ruinösen Ansteigen der globalen Zinsraten führen und so die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzen.
Zunächst sieht es so aus, als hätten die reichen Länder viel Zeit, sich auf diesen fiskalischen Druck einzustellen. Aber die jüngste Entwicklung scheint zu zeigen, daß die Ära der "Alterungsrezessionen" bereits begonnen haben könnte. Die OECD schätzt, daß im Zeitraum zwischen 2000 und 2025 das Schrumpfen der arbeitenden Bevölkerung den Zuwachs des Bruttosozialprodukts jährlich um 0,7 Prozent in Japan und 0,4 Prozent in den jetzigen Mitgliedstaaten der EU sinken lassen wird - ein Trend, der das jährliche Durchschnittswachstum des Bruttosozialprodukts für beide Regionen nach 2015 unter ein Prozent fallen ließe. Die anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen machen es unwahrscheinlich, daß vor dem kommenden Jahrzehnt ein akuter Arbeitskräftemangel eintreten wird.
Risikofaktor geopolitische Stabilität
Akuter und besorgniserregender ist der Umstand, daß der Konsum in den am schnellsten alternden Ländern kaum wächst oder sogar zurückgeht, während sich das Konsumverhalten insgesamt radikal verändert. In Deutschland und Japan beispielsweise unterminiert eine schrumpfende Konsumentenpopulation, die älter und sparsamer wird, die Nachfrage in den Branchen vom Bau bis zum Einzelhandel, die bisher Motoren des Wachstums waren. Überkapazitäten auf diesen Sektoren haben zu einem deflationären Verlust von preispolitischen Möglichkeiten geführt. Das ergibt eine finanzpolitisch destabilisierende Kombination von wirkungslosen Bankkrediten und steil abfallenden Steueraufkommen bei den Firmen. In Japan beispielsweise sind achtundsechzig Prozent der Firmen nicht profitabel genug, um Einkommensteuer zu entrichten. Wirtschaftswissenschaftler erklären Überkapazität typischerweise als Folge von "Boom or bust"-Wirtschaftszyklen. Doch wenn hinter der Überkapazitätskrise, die gegenwärtig Japan und einen großen Teil des kontinentalen Europas plagt, demographische Ursachen liegen, bleibt den beiden Regionen nur ein geringer finanzpolitischer Spielraum. Langsameres Wachstum in den reichen Ländern wird zu weniger Möglichkeiten für profitable inländische Investitionen führen. Dementsprechend werden die Kapitalmanager ihre Aufmerksamkeit immer mehr den Entwicklungsländern mit ihren zahlreichen Arbeitskräften und ihrer augenblicklich geringen Produktivität zuwenden.
Bei diesem Szenarium, das alle Beteiligten profitieren läßt, würden die Rentiers in reichen Ländern mit ihrem Kapital hohe Gewinne erzielen und gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung in den ärmeren Regionen beschleunigen. Japan und Europa werden einen viel größeren Teil der Rentenlast vom Staat abwälzen müssen (auf Privatrenten etwa), um sicherzustellen, daß sie nach wie vor als Kapitalexporteure auftreten können. Die Entwicklungsländer ihrerseits werden die technischen, bildungspolitischen, finanziellen und juristischen Infrastrukturen schaffen müssen, die sie zu sichereren und produktiveren Orten für Investoren machen würden. Schließlich - und gewiß nicht zuletzt - muß jede Strategie zur Beherrschung der Folgen des globalen Alterungsprozesses, die mit globalen Synergien arbeiten will, geopolitische Stabilität voraussetzen.
In Amerika sind nach dem Ende des Kalten Krieges nationale Sicherheit und Sozialversicherung einander bis zum Verwechseln ähnlich geworden. Multinationale Firmen beherrschen die Portfolios der Rentiers, während der Löwenanteil des Wirtschaftswachstums auf die vom Handel bestimmten Sektoren entfällt. Tatsächlich wird ohne ein entsprechendes Wachstum, welches das absehbare Anschwellen der von Sozialleistungen profitierenden Bevölkerungsgruppen ausgleicht, selbst ein stark zurückgestutztes Sozialversicherungssystem nur schwer zu finanzieren sein. Wenn wir in die Zukunft sehen, werden es unsere Interessen erfordern, daß Indien, China und andere große Entwicklungsländer als Motoren des globalen Wachstums zu funktionieren beginnen, vielleicht sogar zu unseren militärischen Verbündeten werden.
Kräftige Einschnitte in die Rentensysteme Kontinentaleuropas
Um diesen Wechsel zu befördern, werden die Vereinigten Staaten, Europa und Japan darauf dringen müssen, ihre nicht mehr aufrechtzuerhaltenden Rentenprogramme zu reformieren. Gleichzeitig muß Amerika an die Spitze eines Bündnisses treten, das die Weltmärkte vor jenen zerstörerischen Effekten bewahrt, die von den jüngsten Gesellschaften der Welt ausgehen können. Die Aufgabe ist enorm, die Chancen stehen nicht günstig.
Japans wachsende Finanzschwierigkeiten könnten bedeuten, daß die Schlacht um die Abwendung finanzieller Schocks von hochentwickelten, nun aber abgleitenden Ländern bereits verloren ist. Eine Krise der Staatsfinanzen in Japan - wo bei einer Staatsschuld von 160 Prozent des Bruttosozialprodukts der Haushalt durch steigende Zinsraten höchst verwundbar ist - würde das Wachstum in den Vereinigten Staaten, China, Korea und Südostasien beeinträchtigen und eine Arbeitslosigkeitsspirale in der Dritten Welt in Gang setzen. Selbst wenn diese Katastrophe abgewendet werden kann, müssen immer noch kräftige Einschnitte in die aufgeblähten Rentensysteme des kontinentalen Europas vorgenommen werden. Und während der Alterungsprozeß für Amerika nicht dieselbe Herausforderung darstellt wie für Europa oder Japan, wird eine Verdoppelung der Zahl der Rentenempfänger auch hier ein entschiedenes Vorgehen erfordern. Wenn wir bei dem Unterfangen, unseren Verbündeten fiskalische Korrektheit beizubringen, Erfolg haben wollen, müssen wir zuerst vor der eigenen Tür kehren.
Unruhe in den goldenen Jahren der Baby-Boomer-Generation
Zwischen 2000 und 2030 wird in der arabischen Welt die Arbeitsbevölkerung auf 149 Millionen ansteigen, die in Afrika südlich der Sahara auf 402 Millionen - ein Drittel des Zuwachses entfällt dabei auf die tendenziell unruhige Altersgruppe zwischen 15 und 30. Wachsende Arbeitslosigkeit und sinkende Pro-Kopf-Einkommen sind unvermeidlich. Zum allermindesten werden die kommenden Jahrzehnte eine massive Migrationsbewegung aus diesen verarmten Regionen in ein sich entvölkerndes Europa erleben, dessen Wohlfahrtsstaaten nicht darauf eingerichtet sind, die Einkommensungleichheit abzufangen, die das mit sich bringen wird.
Schlimmstenfalls werden sich finanzielle Schockwellen, die von den krisengeplagten Wohlfahrtsstaaten ausgehen, und politische Schockwirkungen der rapide steigenden Arbeitslosigkeit in der Dritten Welt gegenseitig verstärken und zu ökonomischer und politischer Unruhe führen, welche die goldenen Jahre der Baby-Boomer-Generation ernsthaft beeinträchtigen dürfte. Die Ära des globalen Alterungsprozesses hat unwiderruflich begonnen.
Unsere Interessen erfordern es, daß Indien, China und andere große Entwicklungsländer als Motoren des globalen Wachstums zu funktionieren beginnen, vielleicht sogar militärische Verbündete werden.
Der globale Alterungsprozeß wird die Welt grundlegend verändern. Keine Region, kein Individuum wird den Auswirkungen auf Wirtschaft, Finanzsysteme, Regierungsbudgets und sogar Militärapparate entgehen.
Aus dem Amerikanischen von Joachim Kalka.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2004, Nr. 70 / Seite 39
Bildmaterial: AP
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