Von Andreas Platthaus
17. September 2007 Heute geschieht etwas, was die Leser dieser Zeitung in mehr als fünf Jahren nie erlebt haben: Der Comiczeichner Volker Reiche macht Ferien. Deshalb wird die Serie Strizz erstmals pausieren, allerdings nur für zwei Wochen.
Und weil Reiche nicht umsonst durch seine Berichte über die Firma Leo & Co. profunde Einblicke in die Nöte eines Unternehmens gewinnen konnte, hat er für eine Urlaubsvertretung gesorgt, und zwar für die luxuriöseste, die man sich denken kann. Heute beginnt das Intermezzo Prototyp aus der Feder von Ralf König.
Ein höchst versierter Erzähler
Spätestens seit sein Comic Der bewegte Mann und dessen Fortsetzung Pretty Baby das Vorbild für Sönke Wortmanns Kinokomödie von 1994 abgegeben haben, ist König einer der bekanntesten deutschen Comiczeichner. Im Ausland ist er sogar der bekannteste, denn dadurch, dass er vor allem Geschichten aus der Schwulenszene erzählt, hat König ein treues internationales Publikum gewonnen, das sich durch bewundernswerte Selbstironie auszeichnet.
Denn homosexuelle Skurrilitäten, Empfindlichkeiten und Marotten werden in Königs Comics auf eine Weise satirisch beobachtet, die ohne Beispiel ist, und sein Witz dabei hat ihm von Anfang an auch eine große Schar von heterosexuellen Lesern eingebracht. Seine Genreparodien wie die Krimipersiflage Kondom des Grauens oder die Antikentravestie Lysistrata sind aber auch grandiose Beispiele für die Adaption etablierter Erzählformen durch den Comic. Deshalb ist König - dem Anschein seines populären Knollennasenstils zum Trotz - auch ein höchst versierter Erzähler.
Der Wahnwitz der Religionen
Und einer, der sich vor keinem Thema drückt. Der am 8. August 1960 in Soest geborene und heute in Köln lebende Zeichner wurde im vergangenen Jahr mit einem Sonderpreis der Jury des Erlanger Comicsalons ausgezeichnet, weil er im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen mit der Feder für die Freiheit der Satire gekämpft hatte - eine seiner Zeichnungen druckte auch die F.A.Z. ab (siehe: Ralf Königs Kommentar zum Prophetenbild). Ebenfalls 2006 erschien der Abschlussband seines Comics Dschinn Dschinn, in dem König ein groteskes Religionsgespräch zwischen Christen und Muslimen in die Zeit Karls des Großen versetzt hat. Ich bin, schrieb er unlängst, immer mehr mit dem Wahnwitz der Religionen beschäftigt.
Witz ist Königs Metier, damit verspottet er den Wahn - vor allem angesichts des religiösen Fundamentalismus. Das wird auch Prototyp prägen, wo ein Dreiergespräch zwischen Gott, der teuflischen Schlange im Paradies und dem noch unvollkommenen ersten Menschen stattfindet - natürlich im unverkennbaren Königschen Zeichenstil und durchaus auch als Stellungnahme zum Streit zwischen Evolutionstheoretikern und Kreationisten. Der Mensch kommt dabei nicht gut weg, der Held ist hier die Schlange, denn sie stellt Fragen. Und Gott redet dazu Tacheles - und Fraktur.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Ralf König