16. Juli 2009 Hussein Ali Montazeri hat gesprochen. In ungewöhnlich scharfen Worten hat er am vorigen Wochenende auf Fragen seines Schülers Mohsen Kadivar, eines iranischen Reformdenkers, zur gegenwärtigen Lage nach den Wahlen und den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen Stellung bezogen. Seine Fatwa, sein theologisches Rechtsgutachten, ist schon deshalb bemerkenswert, weil Montazeri ein fast zwanzig Jahre währendes Schweigen in massiver Weise gebrochen hat und dem Regime in seinem augenblicklichen Zustand die Legitimation absprach.
Dass er damit all jene unterstützt, die man dem Reformlager zurechnet, ist noch das mindeste, was man darüber sagen kann. Eine Obrigkeit, die auf Knüppeln gründet, mordet, verhaftet und wie im Mittelalter oder mit stalinistischen Methoden foltert, habe ihren Anspruch auf Führung verspielt, sagte er in seiner Fatwa. Wer so handele wie die gegenwärtige Führung im Zusammenhang mit den Wahlen, wer durch Folter falsche Geständnisse erpresse, wer das Ansehen des Islams, vor allem des Schiitentums, so beflecke, praktiziere Tyrannei und Ungerechtigkeit.
Rückzug zu gelehrten Studien
Das sind starke Worte. Großajatollah Hussein Ali Montazeri, 88 Jahre alt, ist neben dem im Irak wirkenden, 74 Jahre alten iranischen Großajatollah Ali Sistani die höchste Gelehrtenautorität unter den Schiiten, eine Quelle der Nachahmung (mardscha-e taqlid). Er hat damit den höchsten Rang inne, den ein Kleriker im Schiitentum überhaupt erreichen kann. Es gibt nur eine Handvoll von ihnen.
Montazeri war einst als Nachfolger Ajatollah Chomeinis vorgesehen gewesen, doch weil er im Jahre 1989 die Massenhinrichtungen in Iran kritisierte - und dies auch noch gegenüber der BBC -, ließ man ihn in Ungnade fallen und machte den theologisch eher mediokren Ali Hosseini Chamenei zum Revolutionsführer. Montazeri zog sich endgültig zu gelehrten Studien nach Qom zurück. Als der reformerisch eingestellte Seyyed Mohammad Chatami zum Staatspräsidenten gewählt wurde und ein Frühling der Freiheit bevorzustehen schien, meldete sich auch Montazeri nochmals zu Wort, erhielt jedoch Hausarrest, der erst etliche Jahre später aufgehoben oder gemildert wurde.
Gegen die Ungerechtigkeiten der Herrschenden
Was werden seine jüngsten Worte, mit denen er indirekt auch Revolutionsführer Ali Chamenei angriff, bewirken? Sie werden all jene ermutigen, die an so etwas denken wie eine islamische Demokratie. In Zeiten, in denen das bisherige theologisch unterfütterte und bestenfalls als Halbdemokratie zu bezeichnende System endgültig zur Militärdiktatur zu werden scheint, ist das wichtig. Montazeri selbst gehört zu jenen, die über eine islamische Demokratie nachdenken. Nicht das Volk sei für den Islam da, sondern umgekehrt die Religion für das Volk. Eine Regierung dürfe ihre Macht nur zeitlich begrenzt ausüben, müsse vom Volk gewählt und von diesem kontrolliert werden, lehrt er.
Alle Reformdenker des Landes werden sich ermutigt fühlen, allen voran Philosophen wie Abdolkarim Sorusch oder Mohammad Shabestari, die schon lange Abschied genommen haben von fundamentalistisch-islamistischen Auslegungen von Koran und Tradition. Montazeri sieht sich heute in der Tradition jener hohen Religionsgelehrten, die in der modernen Geschichte Irans immer wieder gegen die Ungerechtigkeiten der Herrschenden aufbegehrten - sei es 1891 beim berühmten Tabakaufstand, als sie den Schah zwangen, nicht auch noch die letzte Konzession an das Ausland zu verschachern, sei es in jener Bewegung, die seit 1905 zur Ausarbeitung einer konstitutionellen Verfassung führte.
Vieles wird nun davon abhängen, ob Montazeri unter den hohen Klerikern Mitstreiter gewinnt oder auf Dauer doch isoliert bleibt. Bedeutsam ist, dass die meisten wichtigen Ajatollahs dem Wahlsieger Mahmud Ahmadineschad bis heute nicht gratuliert haben. Und Chamenei ist weiter geschwächt worden. In jedem Fall trägt Montazeris Fatwa dazu bei, die durch die Sicherheitskräfte bedrängte Opposition in ihrem Widerstand zu ermutigen, oder wie der Kandidat Mehdi Karrubi es ausdrückte: Unter der Asche lodert die Glut weiter.
Allerdings sollte man auch nicht zu viel erwarten: Einfluss und Ansehen der Mullahs haben in den dreißig Jahren, die die Islamische Republik besteht, nachgelassen. Das religiöse System insgesamt hat an Autorität eingebüßt, der Ruf der Religionsgelehrten wie auch der Religion gelitten. Viele von ihnen (es sind immer dieselben) gelten als korrupt und unglaubwürdig. Zudem ist das Land viel moderner und jünger geworden. Siebzig Prozent der Bevölkerung leben inzwischen in den Städten. Die Machtverhältnisse haben sich zugunsten der militärischen Kräfte verändert, nationales Vormachtdenken hat gegenüber religiösen Visionen die Oberhand gewonnen. Gleichwohl wird man gespannt sein, welchen Inhalt die kommende Freitagspredigt des früheren Staatspräsidenten Rafsandschanis in Teheran haben wird.
Der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mir-Hussein Mussawi hat auf seiner Internetseite angekündigt, erstmals seit der umstrittenen Wahl in Iran werde er an dem öffentlichen Freitagsgebet an der Universität teilnehmen. Sowohl Rafsandschani als auch Mussawi haben den von offizieller Seite verkündeten Sieg von Präsident Mahmud Ahmadineschad bisher nicht anerkannt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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